Vom Sinn der viel gescholtenen Willkommensklassen

So viele, so unterschiedliche Kinder jetzt sind noch nie in Berlins Schulen gekommen. Kein Wunder, dass es Probleme gibt, sagt die Berliner Bildungsexpertin Sybille Volkholz. Aber ohne Planvorgaben aus der ideologischen Holzhammerkiste sind die lösbar.

Von Sybille Volkholz

Das Thema „Willkommensklassen eignet sich offensichtlich, um mal wieder auf die „unfähige oder sparwütige“ Bildungsverwaltung einzudreschen. Hier sei aber daran erinnert, dass  die Berliner Schulen einen solchen Zuwachs von  Schülern und Schülerinnen, die aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen kommen,  bisher nicht erlebt hatten. Es gab zwar seit Jahrzehnten Erfahrungen mit zuziehenden Kindern aus der Türkei und anderen Nationen, die in die Schulen aufgenommen wurden. Viele Schülerinnen und Schülern wurden zunächst in Eingliederungslehrgängen aufgenommen,  deren Anzahl bewegte sich aber in einer sehr viel geringeren Größenordnung als die jetzt errichteten Willkommensklassen. Die Kinder, die aus dem früheren Jugoslawien während des dortigen Krieges kamen, hatten in der Regel in ihrer Qualifikation und Bildungsstand keine so große Differenz zu unserem hiesigen Bildungssystem.

Allein im Januar 2017 wurden 12.570 Kinder in Willkommensklassen eingeschult

Es gab bisher noch keine Situation, in der Kinder von außerhalb in einer so großen Anzahl und vor allem in so kurzem Zeitraum in die Berliner Schule  aufgenommen werden mussten. Im Januar 2017 wurden insgesamt 12.570 Kinder in 1.067 Willkommensklassen beschult und 4.944 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, die ehemals eine Willkommensklasse besucht haben.

Deshalb sollte allen Beteiligten, der Verwaltung, den Schulen, den Lehr- und Fachkräften gedankt werden, die es mit erheblicher Kraftanstrengung geschafft haben, die geflüchteten Kinder und Jugendliche in die Berliner Schule aufzunehmen. In einem solchen Prozess passieren natürlich Fehler und unser Bildungssystem ist auch nicht optimal geeignet, auf die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen zu reagieren. Dieser Mangel tritt in solchen Situation besonders hervor.

Vorgaben für die schwierigen Neu-Schülern scheitern oft an der Realität

Die Vorgabe, dass Kinder so schnell wie möglich in Regelklassen aufgenommen werden sollen, ist sicher als Zielsetzung richtig, muss aber je nach Alter und mitgebrachter Qualifikation differenziert betrachtet werden. Kinder in den ersten Grundschuljahren lernen  in der Regel am schnellsten, wenn sie  möglichst früh in eine Regelklasse kommen. Aber: Eine Grundschule z.B. in der Nähe einer Notunterkunft, die mehr als 50 Kinder meistens sehr kurzfristig aufnehmen  soll, hat praktisch keine andere Möglichkeit, als Willkommensklassen einzurichten. Sie schafft es oft einfach nicht, die Kinder schnell in Regelklassen aufzunehmen. Der Vorschlag, vorhandene Regelklassen aufzulösen und zur Aufnahme von geflüchteten Kindern neu zusammenzusetzen, ist nicht nur pädagogisch fragwürdig, sondern dürfte darüber hinaus  wohl bestens geeignet sein, Ressentiments gegen Flüchtlinge zu schüren.

In Fächer wie Deutsch und Mathe kommen einige Jugendliche nicht über Grunschulniveau hinaus

Für die  Schülerinnen und Schüler im Sekundarstufenalter ist die Forderung nach schneller Integration in eine Regelklasse  noch schwieriger zu realisieren. Ich selbst konnte sechs Kinder, bzw. Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren in Willkommensklassen begleiten, davon besuchten vier  die  Sekundarstufe I. Auch nach einundeinhalb Jahren Besuch der Willkommensklasse war es nach Einschätzung der Lehrkräfte nicht sinnvoll, die Jugendlichen in Regelklasse wechseln zu lassen. In allen Fächern Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen wäre ein Anschluss nicht zu schaffen gewesen. In diesen Fächern kommen diese Jugendlichen praktisch nicht über das Grundschulniveau hinaus. Die Differenz zwischen der mitgebrachten Qualifikation und den hiesigen Anforderungen ist häufig sehr viel größer als dass sie in einem Jahr überwunden werden könnte.  Zusätzliche schulische Förderung darf die Jugendlichen auch zeitlich nicht überfordern.

Gesonderte Klassen können sehr sinnvoll sein

Deshalb sollten mehr und flexiblere Lösungen angeboten werden, die durchaus längere Phasen von gesonderten Klassen vorsehen. Diese sollten mit einem Teil der Unterrichtsstunden, die weniger sprachabhängig sind, wie Sport, Kunst, Musik, AG-Angeboten gemeinsam mit  Kindern und Jugendlichen aus den Regelklassen unterrichtet werden.

Die schulischen Angebote müssen je nach vorhandenden Kompetenzen differenziert werden können. Es ist wichtiger die Schulen mit konkreten Erfahrungen zu begleiten und nach guten Unterstützungsmöglichkeiten zu suchen und nicht mit pauschalen Grundsätzen Lernprozesse bei allen Beteiligten zu behindern. Niemand kann in dieser Situation von sich behaupten, den Stein der Weisen schon gefunden zu haben. Ein offener Diskurs über pädagogische Konzepte und die Anerkennung des guten Willens aller Beteiligten würde sicher dabei helfen.

- Sybille Volkholz war von 1989 bis 1990 Schulsenatorin in Berlin und bis 1999 bildungspolitische Sprecherin der Grünen. 2005 gründete sie das Bürgernetzwerk Bildung, das Lesepaten vermittelt

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