Verkehrswende - Wenn Politik zum Sorgenkind wird 

Autobauer sowie Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Scheuer setzten auf neue Technologien für den Verkehr. Der Konsument hat jedoch andere Vorstellungen. 

Peter Grottian ist Hochschullehrer für Politikwissenschaft und Koordinator von Verkehrswende-jetzt! („Weniger Autos – mehr Lebensqualität“) in Berlin und Stuttgart.

Autobauer haben einen „Tunnelblick“. Sie können nur in Kategorien von Traumautos denken: Selbstfahrend, Elektro-, Diesel- oder Wasserstoff angetrieben, digital vernetzt und komfortabel, damit die Konzernbilanzen glänzen. Sie sind Getriebene einer Verkehrswende und eines Autowahns, der mit einer Verkehrswende zu mehr Lebensqualität nichts mehr zu tun hat.
Die Bürger*innen haben einen erstaunlich realistischen Blick auf die Traumautos, einen nüchternen Blick für den Nutzen und vor allem für ihre finanziellen Möglichkeiten. Ja, ihr libidinöses Verhältnis zum Auto ist eindeutig. Über die Verantwortlichen von Dieselgate empört sein, aber gleichzeitig den nächsten VW oder Mercedes ordern, von Ökologie schwadronieren und gleichzeitig der skeptischen Ehefrau den tonnenschweren SUV mit dem Überblick schmackhaft machen bei Autofahrern scheint grenzenlos alles möglich zu sein.

Es existiert keine unabhängige Mobilitätsforschung 


Die Autobauer müssten eigentlich erschrecken. Vermutlich wissen sie aus der geheimen, eigenen Auftragsforschung, dass Konsumenten formbar, aber auch nicht ganz blöd sind. Eine wirklich unabhängige Mobilitätsforschung an Universitäten oder Max-Planck-Instituten existiert eher nicht. Das WZB hat eine solche verdienstvolle Forschung nach Frieder Naschold und Ulrich Jürgens dichtgemacht. Und die Professoren, die sich in den Medien als Experten darstellen, sind oft mit Daimler- oder VW-Nähe nahezu disqualifiziert. Es gibt dennoch keine forschende Gegenmacht zu dem, was uns Bosch, Porsche, Audi, Volkswagen, BMW und Mercedes präsentieren. Das wäre doch etwas für das grüne Autoland Baden Württemberg! Selbst die Atomindustrie musste kritische Sozial- und Umweltwissenschaften dulden die Autoindustrie aber hat eine schamlose Unabhängigkeit und diese erkennbar missbraucht.

Es gibt eine kritische Mobilitätsforschung im weiteren Sinne und wirklich unabhängig nur mit Andreas Knie (Berlin), Stephan Lessenich (München), Stephan Rammler (Braunschweig), Weert Canzler (Berlin), Stefan Bratzel (Bergisch Gladbach) und dem unbeugsamen Winfried Wolf (Berlin).  Immerhin redet Bundeskanzlerin Angela Merkel inzwischen fürsorglich vom „Sorgenkind Verkehrspolitik“. Und lässt alle angesetzten Mobilitätsgipfel schnöde und ohne jede öffentliche Begründung ausfallen.

Autobauer und Merkel sowie ihr Verkehrsminister Andreas Scheuer müssten eigentlich erschrecken. Erschrecken oder zumindest nachdenklich stimmen müsste,

• dass die Kaufbereitschaft für ein selbstfahrendes Auto mit 21 Prozent gering und mit 78 Prozent Nein-Voten überwältigend ist.

• dass von den 21 Prozent Kaufbereiten 46 Prozent nur bereit sind, 5.000 Euro draufzulegen,  und nur 33 Prozent  bis 10.000 Euro hinblättern möchten (das lädt zur Spendenaktion für verarmte Automobilkonzerne ein. Die negativen Urteile sind deutlich: 69 % reden stolz über sich selbst als gute Autofahrer und 57 % vertrauen der Technik nicht. 50 % wittern nur das lukrative Geschäft für die Automobilindustrie – nicht zu unrecht.

• dass 73 Prozentder Bundesbürger fordern, den öffentlichen Nah- und Fernverkehr ab 2020 kostenfrei zu machen - auch 64 Prozent der CDU/CSU-Anhänger

• dass 77 Prozent der Befragten  Merkels Versprechen, die Automobilindustrie in die Pflicht nehmen zu wollen, für unglaubwürdig einschätzen – auch 59 Prozent der CDU/CSU-Anhänger.

Merkel könnte das verstanden haben, sollte man meinen. Wer Autogipfel stillschweigend versenkt und vom Sorgenkind Verkehr redet – hat den Überblick des Regierens verloren.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Ralf Krüger
    Wen überrascht es, dass nur 21% ein selbstfahrendes Auto kaufen würden? Denn derzeit bedeutet es, dass man die Kontrolle über das Fahrzeug abgeben muss, aber weiterhin voll haftet. Und dafür soll man dann auch noch 5000 oder 10000 EUR zusätzlich hinlegen?

    Und beim kostenfreien Nahverkehr hat mir noch niemand eine plausible Antwort gegeben wie es finanziert werden soll außer mit zusätzlichen "Steuern"; eine allgemeine ÖPNV Abgabe a la GEZ?