Teilen ist gut, nach guten Regeln ist besser

Die Sharing-Economy, die ​aus dem Wertewandel der jungen Generation entstanden ist, ist eng mit dem Aufkommen von Plattform-Unternehmen verbunden. Was noch fehlt, die eine Politik, die dem Wandel die Rahmenbedingungen verleiht.

von Prof. Dr. Martin Pätzold und Dr. Oliver Rottmann

Prof. Martin Pätzold war von 2013 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags und ist seit 1. Januar 2018 Head of Innovation & Research bei Baker Tilly sowie Professor für Wettbewerb in der digitalen Wirtschaft an der Hochschule Mittweida. Oliver Rottmann ist Geschäftsführender Vorstand des KOWID - Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e.V. an der Universität Leipzig. 

Dass die Millennials der Generation Y andere Werte leben als ihre Elterngeneration, ist nicht neu. Neu ist der Wertewandel in Bezug auf Eigentum. Dieser tritt so deutlich zu Tage, dass die daraus resultierenden Konsequenzen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eine besondere Betrachtung verdienen. Der Wertewandel selbst ist einfach skizziert: Anders als bei der Vorgängergeneration ist vor allem die effektive, zeitlich konkrete Nutzung von Gütern und Leistungen wichtig. Man zahlt ganz bewusst nicht mehr für dauerhaftes Eigentum, sondern für die temporäre Nutzung. Ressourcenknappheit, Klimawandel und humanitäre Krisen auf der Welt treiben diese Nachfrage. Dies schlägt sich in Form von vielseitigen Sharing-Modellen am Markt nieder, die ähnlich wie Airbnb, Ebay und Uber ihre Wettbewerber mit eher traditionellen Geschäftsmodellen verdrängen.

Wie kam es dazu, dass sich ein derart privates menschliches Verhalten wie das Teilen im Laufe einiger Jahrzehnte zu einem bedeutenden Markt entwickeln konnte? Teilen wir unsere Güter mit anderen, geht damit immer ein Risiko einher - ganz gleich, ob es sich dabei um ein physisches Gut wie ein Auto oder um ein immaterielles Gut wie ein digitales Foto oder eine Idee handelt. So könnte das Auto in einen Unfall verwickelt werden, das Foto zweckentfremdet oder die Idee gestohlen werden. Je enger dabei das Eigentumsgut an unsere persönliche Privatsphäre geknüpft ist und je höher der monetäre oder ideelle Wert ist, desto kritischer nehmen wir es mit der Auswahl des Personenkreises, an den wir unser Gut verleihen würden.

Ratingsysteme helfen beim Vertrauensaufbau

In einer globalisierten Wirtschaft besteht jedoch zwischen Nutzern und Eigentümern häufig eine große räumliche und persönliche Distanz. Bevor mein Auto an eine mir unbekannte Person verliehen wird, muss folglich Vertrauen hergestellt werden. In diese Lücke treten seit der Jahrtausendwende digitale Plattformen, die den Vertrauensaufbau durch Technik und Netzwerke betreiben. Neben den zahlreichen Kommunikationstechnologien, die den direkten Austausch zwischen Nutzern und Eigentümern ermöglichen, tragen dabei vor allem die digitalen Sicherheitskonzepte der Plattformen für den Erfolg des jeweiligen Sharing-Modells bei. Diese Unternehmen sind nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil sie im Konfliktfall zwischen den Parteien die Abwicklung des gestörten Vertragsverhältnisses übernehmen und umfangreiche Versicherungen anbieten. Detaillierte Nutzungsbedingungen bis zu Nutzersperren bei besonders schweren Verstößen bilden das Instrumentarium. Besonders beliebt sind daher auch beidseitige Ratingsysteme, die zu einer ersten Einschätzung der Personen hinter dem Profil befähigen und damit erkennbar zu sichereren Geschäftsbeziehungen führen.

Bei dieser Betrachtung wird schnell erkennbar, dass die aus dem Wertewandel der jungen Generation entstehende Sharing-Economy eng mit dem Aufkommen von Plattform-Unternehmen verbunden ist. In ihren Rollen als digitale Mediatoren übernehmen diese Unternehmen fünf zentrale Funktionen.

Erstens verbinden sie die Vertragsparteien kommunikativ und führen so Angebot und Nachfrage zusammen. Sie wickeln zweitens das Güter-Teilen und die damit verbundenen Transaktionen ab. Sie erzeugen drittens eine Reputation jedes Nutzers und Anbieters anhand der Historie. Sie grenzen viertens durch ihr Sicherheitsnetz Risiken auf jeder Seite ein. Schlussendlich systematisieren sie den Vertrauensaufbau zwischen gegenseitig unbekannten Parteien auf einem anonymen Markt.

Diese Entwicklung verläuft in Zeiten der Klimadiskussion sehr nachhaltig. Diejenigen, die das Eigentum innehaben, schließen andere nicht von der Nutzung aus, sondern ermöglichen eine solche zumindest in zeitlich begrenzter Form. Diese Argumentation überzeugt vor allem, solange man sich Güter wie das Auto vorstellt. Sie funktioniert jedoch nicht, sobald es um immaterielle Güter handelt. Das Teilen von geistigem Eigentum öffnet jedoch die Büchse der Pandora, da einmal zugänglich gemachtes Material nur sehr schwer wieder entzogen werden kann. Deswegen verwundert es auch nicht, dass Sharing-Plattformen geistigen Eigentums (wie Netflix, Spotify, Youtube) die Europäische Gesetzgeberin dazu aufforderten, das europäische Urheberrecht mit der Richtlinie (EU) 2019/790 zu Gunsten künstlerischer und geistiger Schöpfer anzupassen. Inwieweit dies jedoch dazu beitragen wird, eine für alle Seiten funktionierende Sharing-Economy immaterieller Güter entstehen zu lassen, bleibt abzuwarten.

Es braucht einen Ausgleich zwischen allen beteiligten Interessen

In der Zwischenzeit gibt es auch auf den Märkten materieller Güter, auf denen traditionelle Unternehmen gegen Sharing-Plattformen konkurrieren, ungelöste Herausforderungen. Besonders Bereiche, die bereits im Umbruch stehen, wie beispielsweise die urbane Mobilität oder der Tourismus, bedürfen gesellschaftspolitischer Steuerung. So war die Verschärfung des Berliner Zweckentfremdungsverbots für Wohnraum zu Beginn des Jahres 2018 sicherlich auch der zunehmenden Popularität und Rentabilität von AirBnB zu verdanken. In ähnlicher Weise wird womöglich auch der Markt der Personenbeförderung, in dem sich traditionelle Taxi-Innungen und Sharing-Plattformen wie Uber gegenüberstehen, reguliert werden (müssen).

Der Erfolg und die Durchdringung der Sharing-Economy hängen jedoch ganz maßgeblich davon ab, inwieweit die politische Rahmensetzung einen Ausgleich zwischen allen beteiligten Interessen herzustellen vermag. Folglich sollte die Politik in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsvertretern, Verbraucherverbänden und Digitalexperten ein neues Konzept der Güterwirtschaftsregulierung erarbeiten, das den Trend des teilenden statt eigentumorientierten Konsums für alle Güterarten denkt, auftretende Konfliktherde identifiziert und politisch auflöst.

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