Stabilität oder Stillstand? Was Alt und Jung von der Politik fordern

Auch in Deutschland wird die Politik derzeit von einem Generationenkonflikt beeinflusst. Die Älteren wollen eine stabile Regierung und die Verteidigung des Status Quo. Die Jungen wollen diesem "Weiter So!" ein Ende setzen und den Sprung aus der Defensive wagen.

von Marc Saxer

„Lieber nicht regieren als falsch“, tönt es aus der FDP. „No More GroKo“ singen die Jusos. Was geht hier vor?

Mit dem Wahlerfolg der AfD ist die rechtspopulistische Revolte nun auch in Deutschland angekommen. Verdeckt davon kommt aber auch der Generationenkonflikt zu uns, der bereits die angelsächsischen Gesellschaften erschüttert. Seitdem die Jüngeren Hillary Clinton und Owen Smith die Gefolgschaft verweigerten, und in Scharen zu den Rebellen Sanders und Corbyn überliefen, zerreißt der Konflikt zwischen Babyboomern (Mitte 1940er bis Mitte 1960er Geborene) und Millennials (nach 1980 Geborene) das progressive Lager. Der Riss zwischen den Generationen zieht sich jedoch quer durch das politische Spektrum. Die Älteren beschimpfen die Jüngeren als verhätschelte Wohlstandskinder, die sich zu fein seien, um sich mit echter Arbeit die Hände schmutzig zu machen. Die Jüngeren keilen zurück, die Älteren hätten den Planeten und die Gesellschaft ruiniert.

In der Debatte um die Regierungsbildung prallen diese unterschiedlichen Weltsichten nun auch hierzulande aufeinander. Ältere Deutsche sehen das Land in einem guten Zustand, und wollen diese Stabilität nicht mit Experimenten gefährden. Die Jungen fürchten dagegen um ihre Zukunft, wenn nicht endlich der lähmende Stillstand des „Weiter So“ überwunden wird.

Das alte "Weiter so!" gegen das junge "Disruption jetzt!"

Dahinter versteckt sich ein grundlegend anderes Verständnis von Politik. Für die Älteren ist das unaufgeregte Prozedere der demokratischen Institutionen der beste Weg, um inkrementelle Verbesserungen zum Wohle aller umzusetzen. Für die Jüngeren steht gerade diese vermeintlich „vernünftige Sachpolitik" für nichts weiter als technokratisches Durchwurschteln. Für die Älteren erfordern die Großkrisen in und um Europa eine Politik der ruhigen Hand. Die Jüngeren befürchten dagegen, die breite Koalition des Stillstandes sei besonders ungeeignet, um mit den dramatischen Herausforderungen des Klimawandels, der Digitalisierung und des sozialen Wandels Schritt zu halten. Während die einen also auf das Bewährte setzen, um Krisen Schritt für Schritt zu entschärfen, sehnen sich die anderen nach radikal neuen Ansätzen, um den großen Sprung aus der Defensive zu schaffen. Dem „Keine Experimente“ der Älteren schleudern die Jüngeren also ein „Disruption Jetzt, bevor es zu spät ist!“ entgegen.

Das alles kulminiert nun in der Regierungsbildung. Für die Älteren ist ein Land ohne Regierung ein politischer Offenbarungseid. Für die Jüngeren bedeutet eine weitere Koalition des kleinsten gemeinsamen Nenners die Aufgabe jeglichen politischen Gestaltungsanspruchs. Und so wünschen sich die Älteren eine Neuauflage der GroKo als Ausdruck staatsbürgerlicher Verantwortung, während die Jüngeren dieses Bündnis als Ausdruck intellektuellen Bankrotts verstehen.

Eine stabile Regierung als Bollwerk gegen Rechts

Ironischerweise ziehen beide Seiten die AfD als Totschlagargument heran. Die Älteren wollen eine stabile Regierung der Vernünftigen in der Mitte als Bollwerk gegen Rechts. Die Jüngeren verstehen gerade diese Alternativlosigkeit in der Mitte als Konjunkturprogramm für die populistischen Ränder.

Natürlich gibt es nicht weniger Jüngere, die sich mit dem Status Quo arrangiert haben als Ältere, die ein „Weiter So“ unerträglich finden. Um die Motivationen von Individuen zu verstehen muss man den Generationenkonflikt also im Zusammenspiel mit anderen Konflikten verstehen.

Quer durch die Gesellschaft wächst die subjektive Angst vor dem sozialen Abstieg. Den anonymen Kräften der Globalisierung, Automatisierung und Migration scheinbar ohnmächtig ausgeliefert, ziehen sich viele auf die individuelle Optimierung der eigenen Lebenssituation zurück. Das sinkende Vertrauen in die Gestaltungskraft der Politik verbindet die Generationen.

Um den Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln zu nehmen muss Politik also wieder dafür kämpfen, den Menschen Kontrolle über das eigene Leben und die Gemeinschaft zurückzugeben. Dieses Ziel würden wohl alle Generationen unterschreiben.

Marc Saxer leitet das Referat Asien und Pazifik der Friedrich-Ebert-Stiftung. Alle Äußerungen sind rein privat und inhaltlich allein dem Autor zuzuordnen.

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