Sportler wehrt Euch gegen das Anti-Doping-Regelwerk! 

Um gegen Doping vorzugehen, hat der organisierte Sport ein quasi-totalitäres Überwachungsregime etabliert. Stefan Chatrath fordert daher eine fundamentale Reform der Doping-Bekämpfung. 

Professor Stefan Chatrath leitet den Studiengang „Sport & Event Management“ an der University of Applied Sciences Europe (www.ue-germany.com). Er ist zudem stellvertretender Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission des Landessportbunds Berlin.

Sind Sie für das Grundgesetz? Okay ich gebe zu, das ist eine rhetorische Frage. Dennoch - vielen ist gar nicht bewusst, dass das aktuelle Anti-Doping-Regime grundgesetzwidrig ist: Sportlerinnen und Sportlern werden Grundrechte verweigert, die essentieller Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Das darf so nicht weitergehen: Dopingbekämpfung mag ein legitimes Ziel sein, doch eine auf liberalen Prinzipien gegründete Gesellschaft kann nicht alles dulden. Es gibt gewisse Grenzen – und diese sind derzeit weit überschritten. Das soll an zwei Beispielen erläutert werden, der Doping-Kontrolle und der Doping-Sperre. 

1. Doping-Kontrolle: Verletzung des Rechts auf Privatheit
Das aktuelle Doping-Regularium greift sehr tief in die Privatsphäre ein: Die Welt Anti-Doping-Agentur (Wada) hat ein quasi-totalitäres Überwachungsregime errichtet. Die Sportler müssen 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr für die Doping-Kontrolle zur Verfügung stehen. Sie sind verpflichtet gegenüber den Kontrolleuren, ihren Aufenthaltsort spezifizieren – und das für 3 Monate im Voraus, auch im Urlaub. Diese Regelung ist mit der europäischen Menschenrechtskonvention nicht vereinbar. Dort heißt es nämlich in Artikel 8 zum „Recht auf Privatheit“: „Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz.“ 

Das aktuelle Doping-Kontrollverfahren verstößt gegen das Recht auf Privatheit aus drei Gründen: Das Grundgesetz schränkt die Unverletzlichkeit der Wohnung nur unter bestimmten Bedingungen ein, eine Doping-Kontrolle gehört sicherlich nicht dazu. Sportler müssen aber zu jeder Uhrzeit Kontrolleure in ihre Wohnung lassen, auch mitten in der Nacht. Eine Verweigerung würde zu einer Sperre führen. Sportler bestimmen zudem nicht frei über die Preisgabe und Verwendung ihrer personenbezogenen Daten. Durch die obligatorische Meldung des Aufenthaltsortes an die Nationale Anti-Doping-Agentur ist das informationelle Selbstbestimmungsrecht verletzt. Des Weiteren ähnelt die Entnahme der Dopingprobe bei einer Frau einer gynäkologischen Untersuchung – ein sehr weitgehender Eingriff in den privaten Bereich einer Person. Und auch ein Mann hat sich, von der Brustwarze bis zu den Knien freizumachen. Denn der Kontrolleur ist verpflichtet, ihm beim Urinieren direkt auf den Penis zu schauen.

Man fragt sich: Sind Sportler denn keine Bürger? Darf man mit ihnen alles machen? Ist jedes Mittel erlaubt, nur um das hehre Ziel „dopingfreier Sport“ zu erreichen? Damit muss Schluss sein! Eine auf freiheitlichen Prinzipien gegründete Gesellschaft kann ein solches Regularium nicht akzeptieren. Sportler sollten ihr Recht auf Privatheit einfordern, und jeder von uns sollte sich solidarisch zeigen.

2. Doping-Sperre: Verletzung des Rechts auf freie Berufsausübung
Doper werden hart bestraft: Sie sind in der Regel für zwei oder mehr Jahre gesperrt. In diesem Zeitraum darf der gesperrte Sportler an keinem Wettbewerb und Training teilnehmen. Er darf damit in dieser Zeit seinen Beruf nicht ausüben. Ein Berufsausübungsverbot muss aber laut Grundgesetz Artikel 12 besonders begründet werden. Ein Doping-Verstoß ist dafür nicht ausreichend: Doping ist ein vorsätzlicher Regelbruch – wie die „Notbremse“ im Fußball.

Der Sportler will sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, der verboten ist. Wieso muss Doping so hart bestraft werden? Das ist unverhältnismäßig. In der Fußballbundesliga z.B. betrug die längste Sperre für rohes Spiel, eines der schlimmsten Vergehen, acht Wochen. Roh spielt, „wer rücksichtslos im Kampf um den Ball den Gegner verletzt oder gefährdet.“
Das Berufsausübungsverbot geht damit zu weit. Ein Sportler wird existenziell vernichtet, da er während der Sperre kein Geld verdienen kann.

Es würde stattdessen ausreichen, das Ergebnis des Wettkampfs zu annullieren, in dessen Rahmen der Sportler positiv getestet wurde. Das Preisgeld müsste er zurückzahlen. Die Annullierung wäre zugleich die Kompensation für die Mitbewerber, die regelkonform agierten: Sie würden entsprechend ihrer im Wettkampf ermittelten Platzierung aufrücken.

Wir halten fest: Das aktuelle Dopingkontrollsystem ist nicht vereinbar mit den Prinzipien einer Gesellschaft wie der unsrigen, die auf einer freiheitlich-demokratischen Ordnung fußt. Fundamentale Grundrechte werden missachtet. So wie bisher kann es daher nicht weitergehen. Relativ schnell könnte die Situation verbessert werden, indem man in Zukunft auf Trainingskontrollen verzichtet und die Sanktionen auf ein angemessenes Maß zurückführt. Wir sollten Sportlerinnen und Sportler ermuntern, diese Forderung zu stellen. Sie sind Mitglieder unserer Gesellschaft und haben damit das Recht, so behandelt zu werden wie jeder andere auch.

 

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