Schafft die Bundesliga ab....

...oder reformiert sie grundlegend! Die Bundesliga ist zu einem Fake-Wettbewerb geworden. Am Ende gewinnt immer der FC Bayern. Zwei Möglichkeiten gäbe es, das zu ändern: Mit  einer Europäischen Superliga oder der Re-Nationalisierung des Wettbewerbs.

Stefan Chatrath ist Professor für Sportmarketing an der University of Applied Sciences Europe (UE). Am Berliner Campus der UE leitet er den Studiengang „Sport & Event Management“. Er ist zudem stellvertretender Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission des Landessportbunds Berlin.

Wer wird Deutscher Meister? Okay, ich gebe zu, das ist eine rhetorische Frage. Der FC Bayern! Wer sonst? Sechs Mal in Serie haben die Münchner die Deutsche Meisterschaft nun schon gewonnen, 100 Punkte waren sie in diesem Zeitraum, seit 2012/13, in der Summe besser als die jeweils Zweitplatzierten. 

Was muss nun geschehen, damit der Wettbewerb wieder spannend wird? Im Grunde genommen gibt es zwei Wege, die die Deutsche Fußball Liga (DFL) gehen kann: die (Mitbe-)Gründung einer europäischen Liga oder eine konsequente Re-Nationalisierung ihres Spielbetriebs.  

Geld schießt Tore!

Die starke Dominanz des FC Bayern ist natürlich kein Zufall, sie ist ökonomisch begründet: Der deutsche Rekordmeister ist im letzten Jahrzehnt sehr stark gewachsen, er erlöst heute mehr als 600 Millionen Euro. Das ist mehr als zum Beispiel Hertha BSC, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen und der FC Augsburg zusammen.

Es ist also nicht überraschend, dass in den vergangenen zehn Jahren 55 Prozent der nationalen Titel an den FC Bayern München gingen – Tendenz steigend: In den vergangenen fünf Jahren waren es sogar 70 Prozent. Geld schießt somit Tore!

Selbst die Verantwortlichen beim FC Bayern München sehen diese Entwicklung mittlerweile mit Sorge: "Der FC Bayern liegt zum sechsten Mal in Folge mit überragendem Vorsprung vorn – alles angenehm, bequem; aber das ist nicht das Ziel", sagte im März diesen Jahres Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge dem Magazin "Kicker". "Die emotionalste Meisterschaft, die ich erlebt habe, war 2001 in Hamburg…", als die Münchner erst in der Nachspielzeit durch ein Tor von Patrick Andersson die Meisterschaft gewannen, "… eine solche Spannung erhoffen sich die Fans und Freunde des Fußballs in ganz Deutschland." 

Das gestörte Gleichgewicht im Wettbewerb

Damals gab es zudem einen ständigen Wechsel an der nationalen Spitze: Auch Borussia Dortmund, Werder Bremen und der VfB Stuttgart gewannen den Meistertitel in den Jahren, die unmittelbar folgten. Das Wettbewerbsgleichgewicht ist aber nicht nur durch die Überlegenheit des FC Bayern gestört. In den vergangenen zehn Jahren waren in Meisterschaft und Pokal fast ausschließlich Bundesligisten erfolgreich, die einen Umsatz von 200 Millionen Euro und mehr erzielen: Neben den Bayern noch Borussia Dortmund, Schalke 04 und der VfL Wolfsburg. Sie gewannen 18 der 20 möglichen Titel. Einzig Werder Bremen und Eintracht Frankfurt, jeweils DFB-Pokalsieger, fielen in diesem Zeitraum aus dem Rahmen. So erlösten in der Saison 2016/17 die Hessen zum Beispiel nur 109 Millionen Euro und lagen damit deutlich unter der 200-Millionen-Euro Marke.

Die Bundesliga ist somit im vergangenen Jahrzehnt zu einer Zweiklassengesellschaft geworden: Es gibt eine Spitzengruppe, die dem Rest finanziell enteilt ist. Sie macht die wichtigsten sportlichen Entscheidungen unter sich aus. Was ist die Ursache dafür, dass die höchste deutsche Spielklasse wirtschaftlich und sportlich so gespalten ist wie wahrscheinlich noch nie zuvor? 

Zweiklassengesellschaft: Cosmopolitans vs. Heimatverbundene


Die starke finanzielle Spreizung, ist relativ neu. Was ist also in den vergangenen zehn bis 15 Jahren geschehen? Unsere Gesellschaft hat sich, so der Soziologe Ulrich Beck, in einem Punkt fundamental gewandelt: Es sind "kosmopolitisierte Handlungsräume" entstanden, diese seien heute ein fester Bestandteil unseres Privat- und Berufslebens. "Ganz egal, woran man glaubt und was man ist (…), wer nur national oder regional agiert, wird den Anschluss verlieren", schrieb Beck in "Die Metamorphose der Welt". Genau das ist auch im Fußball geschehen: Wer international agiert, ist erfolgreich, wer nicht, bleibt zurück.

Bayern München ist heute eine internationale Marke. Dem Klub ist es gelungen, weltweit präsent zu sein: Über die Spiele in der Uefa Champions League erreicht er ein interessiertes Publikum in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika. Dem FC Bayern folgen mehr als 60 Millionen Nutzer in der digitalen Welt, das sind in etwa drei Mal so viele Follower wie Borussia Dortmund vorzuweisen hat. Diese große Reichweite lässt der Klub sich entsprechend bezahlen – vor allem von Unternehmen, die ihn als globale Werbeplattform nutzen. Die Bayern haben Büros in New York und Schanghai, um neue Sponsoren zu gewinnen. Sie haben auch dieses Jahr wieder in der Sommerpause Freundschaftsspiele in den USA ausgetragen.

Bayern München orientiert sich hier am Geschäftsmodell von Real Madrid, das in der ersten Amtszeit von Präsident Florentino Pérez 2000 bis 2006 erprobt wurde. Die Königlichen waren damals die ersten, die sich systematisch international vermarktet haben – um so die 2Galaktischen" zu finanzieren, eine zu der Zeit einmalige Ansammlung von Weltklassespielern. Real Madrid war so erfolgreich damit, dass die anderen nationalen Marken nachzogen: Erst der FC Barcelona unter Präsident Joan Laporta, dann die Bayern und Juventus Turin, jüngst Paris Saint-Germain, dessen Finanzierung zum Großteil darauf basiert, ein globale Marke zu werden.

Die Fans auf der Suche nach der weltweit besten Qualität  

Wer heute erfolgreich im Fußball sein will, ist gezwungen, kosmopolitisierte Handlungsräume zu verstehen und zu nutzen. Den Bayern ist das in Deutschland offensichtlich am besten gelungen, in Europa Real Madrid, dem FC Barcelona, der englischen Premier League und dem europäischen Fußballverband Uefa mit seiner Champions League. Es ist eine globale Fankultur entstanden, übrigens nicht nur im Fußball: So schauen viele meiner Studierenden gerne Basketball – aber nicht den deutschen, sondern den in den USA, der als der beste der Welt gilt. Meine Studierenden haben in dieser Sportart in der Regel überhaupt gar keine lokale oder nationale Bindung, sondern suchten nach der weltweit höchsten sportlichen Qualität, die sie sicherlich nicht zufällig in den USA fanden: Die US-amerikanische Basketball-Liga NBA betreibt schon seit vielen Jahren eine erfolgreiche Internationalisierung.

Mit der beschriebenen Entwicklung ist im Fußball etwas Neues entstanden: der kosmopolitische Klub, der überall auf der Welt "funktioniert", in Afrika ebenso wie in Asien. Er hat eine transnationale Perspektive, die lokale Verankerung ist ihm nicht mehr heilig. Real Madrid zum Beispiel tritt im arabischen Raum ohne das christliche Kreuz im Logo auf. Diese "Cosmopolitans" sind die Umsatzstärksten weltweit, sie dominieren nicht nur die nationalen Wettbewerbe, sondern sind auch international führend. Sie zahlen die höchsten Gehälter und beschäftigen daher die besten Spieler der Welt. Sie haben zudem die Macht, die Verteilung der Gelder zu determinieren: Neuerdings profitieren sie zusätzlich von der mit 585 Millionen Euro dotierten 10-Jahres-Rangliste der Uefa Champions und Europa League, die sie anführen. Bayern München bekommt darüber 33, Borussia Dortmund 22 und Schalke 20 Millionen Euro. 

Die große Strahlkraft der europäischen Bühne hat aber auch eine problematische Seite: Mehr denn je zurückgeblieben sind die geografisch gebundenen Klubs, die "Heimatverbundenen", die allenfalls national agieren können, wenn nicht sogar nur regional. Sie sind die großen Verlierer, ihr ökonomisches Potenzial ist begrenzt. In Deutschland haben sie es auch deshalb schwer, die große finanzielle Lücke zu schließen, weil die 50+1-Regel die Investoren-Suche erheblich verkompliziert. Es ist sicherlich kein Zufall, dass mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg und RB Leipzig drei Bundesligisten mit den "Cosmopolitans" mithalten können, die einen Großinvestor an Bord haben.

Europäische Liga oder Re-Nationalisierung


Was kann nun getan werden, damit die Bundesliga wieder spannend wird? Ich möchte zwei Lösungen vorschlagen, die konsequent wären, weil sie beide die kosmopolitisierte Realität explizit als Basis haben: die eine Option wäre die Gründung einer europäischen Liga, die andere eine Re-Nationalisierung des hiesigen Spielbetriebs. 

Ginge sie den europäischen Weg, sollte die DFL auf die anderen führenden nationalen Spielklassen zugehen und mit ihnen über eine gemeinsame Gründung nachdenken. Diese Europäische Superliga (ESL) würde sicher erst einmal Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland umfassen. Sie wäre ein ernstzunehmendes Gegengewicht zur Premier League, die allen anderen ökonomisch davon gelaufen ist und daher sehr wahrscheinlich kein Interesse hätte, sich einzubringen.

Unter Berücksichtigung des aktuellen Wettkampfkalenders könnten bis zu 48 Spieltage stattfinden. Denkbar wären also auch K.o.-Spiele sowie ein Final-4-Turnier im Anschluss an eine Hauptspielrunde mit 34 Spieltagen. Real Madrid, FC Barcelona, Juventus Turin, Inter Mailand, Paris Saint-Germain, FC Bayern München usw. würden also mindestens zweimal pro Saison gegeneinander spielen. Zur Sicherstellung des Wettbewerbs unter den "Cosmopolitans" müssten Gehaltsober- und -untergrenzen definiert werden. Wer die finanziellen (Mindest-)Anforderungen nachweislich erfüllen kann, wäre in der ESL grundsätzlich startberechtigt. In Deutschland wären da sicherlich noch Borussia Dortmund und Schalke 04, die diesen Kriterien genügen würden.

Umsatzverteilung innerhalb der Liga

Die andere Option wäre die Re-Nationalisierung: Die DFL könnte sich entscheiden, den Wettbewerb um die Deutsche Meisterschaft nachhaltig zu stärken. Das ginge vor allem über eine Umsatzumverteilung: "Cosmopolitans" wie der FC Bayern München müssten bis zu 50 Prozent ihrer erwirtschafteten Gelder abgeben, sie würden unter den "Heimatverbundenen" entsprechend ihrer finanziellen Stärke aufgeteilt. Natürlich würde das bedeuten, dass der deutsche Fußball in den europäischen Wettbewerben weniger erfolgreich sein wird, aber das müsste man in Kauf nehmen.

Ist eine Umsatzumverteilung gerecht? Ich denke, ja. Schließlich sollte nicht derjenige gewinnen, der die beste finanzielle Ausstattung hat, sondern der, der die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen am besten verwendet – unter möglichst gleichen Startbedingungen. Daher wäre es zudem zwingend erforderlich, dass die DFL, in Abstimmung mit einer Spielervertretung, Gehaltsobergrenzen definiert, denn eine Umsatzumverteilung allein würde noch immer zu große finanzielle Abstände zulassen.

Beide Optionen sind natürlich nicht unproblematisch: Sie bedeuten einen offenen Konflikt, es würde, egal für welchen Weg man sich entschiede, Gewinner und Verlierer geben. Aber ist es nicht besser, wir haben jetzt eine ehrliche Diskussion zur Frage, welchen Fußball wir für die Zukunft wollen? So weiter zu machen wie bisher, ist falsch, es ignoriert die kosmopolitisierte Realität: Die Bundesliga ist zu einem Fake-Wettbewerb verkommen. Machen wir uns da bte nichts vor. Es wird daher Zeit, völlig neu zu denken. Fangen wir heute damit an!

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