Ohne Bildung keine Perspektiven

Im Sondierungspapier setzen sich Union und SPD zum Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit ausgeben wollen. Mit massiven Bildungsinvestitionen könnten die deutschen und europäischen Bemühungen endlich fruchten.

Von Reiner KlingholzDirektor und Vorstand des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. 

Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise ist Afrika hoch auf die Agenda deutscher, europäischer und internationaler Politik gerückt. Bereits 2016 wurden Migrationspartnerschaften zwischen der EU und einzelnen afrikanischen Ländern geschlossen, ein Ergebnis des G20-Gipfels in Hamburg ist die „Partnerschaft mit Afrika“. Auch die Bundeswehr hat ihre derzeit größten Kontingente im westafrikanischen Mali stationiert, mit dem Ziel, „dauerhaften Frieden“ wiederherzustellen und für Stabilität in der Sahelregion zu sorgen.

Nun möchte die deutsche Politik nachlegen: Laut Sondierungspapier haben sich CDU, CSU und SPD darauf verständigt, bei einer möglichen Fortsetzung der großen Koalition 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens in Entwicklungszusammenarbeit zu investieren. Ein wichtiger und notwendige Schritt, um endlich der international vereinbarten Zielmarke gerecht zu werden. Im Fokus der möglichen Koalitionäre steht laut Sondierungspapier die Bekämpfung von Fluchtursachen. Genau genommen also das Ziel, Migrationsursachen an der Wurzel zu bekämpfen.

Im Kern bedeutet das, die Länder dabei zu unterstützen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die vor Ort lebenden Menschen zu verbessern, damit sie ihre Länder aus eigener Kraft auf den Weg einer positiven Entwicklung bringen. Damit sie produktiv werden und Unternehmen gründen, Arbeitsplätze, Wohlstand und Sicherheit schaffen.

Genau das war und ist aber bereits seit Jahrzehnten die Aufgabenbeschreibung der deutschen und europäischen Entwicklungszusammenarbeit. Nüchtern betrachtet konnten diese Bemühungen allerdings nicht den Fortschritt erzielen, den man sich von ihnen versprochen hatte. Insbesondere in vielen Ländern Subsahara-Afrikas haben sich die grundsätzlichen Probleme seither sogar eher noch verschärft.

Warum aber blieben die Erfolge in Afrika aus, während asiatische Länder wie Südkorea, Vietnam oder Bangladesch in den vergangenen Jahrzehnten eine ganz andere Entwicklungsdynamik entfacht haben und längst zu Schwellen – oder gar Industrieländern aufgestiegen sind? Der vermutlich wichtigste Unterschied zwischen diesen Ländern und den meisten Staaten Afrikas liegt im durchschnittlichen Bildungsstand der Bevölkerung. Zahlreiche Studien belegen, dass eine dauerhafte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung keinem Land der Welt jemals ohne massive Investitionen in die Bildung gelungen ist.

Das größte Defizit Afrikas ist der katastrophale Bildungsstand

Hier liegt Afrikas größtes Defizit: Der Bildungsstand in den Ländern südlich der Sahara, insbesondere im Sahel ist schlecht bis katastrophal. Dort können im Schnitt rund 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren nicht lesen und schreiben. Auch bei den jüngeren Nachwuchsjahrgängen verfügt in manchen Ländern des Sahel weniger als die Hälfte über derartige Basisfähigkeiten.

Bislang hat keines der Länder Subsahara-Afrikas die eigentlich bereits für 2015 anvisierte Aufgabe der Millenniums-Entwicklungsziele erfüllt, allen Kindern eine Grundschulbildung zu ermöglichen. Aller Voraussicht nach dürfte dies noch nicht einmal bis 2030 gelingen. Bis dahin sollten bereits die weitaus ambitionierteren Nachhaltigen Entwicklungsziele umgesetzt sein, welche die Vereinten Nationen als notwendige Voraussetzung für Stabilität und Wohlergehen festgelegt haben. Diese Ziele fordern mindestens eine Sekundarbildung für alle jungen Menschen.

Zugegeben: Wer in Bildung investiert und daraus wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge erwartet, braucht Geduld. Es vergehen mehr als zehn Jahre, bis ein Kind wenigstens eine untere Sekundarbildung erlangt hat, die heute weltweit als Mindestanforderung für eine spätere berufliche Karriere gilt. Quasi als Nebeneffekt hat Bildung einen weiteren positiven Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung, denn gebildete Frauen entscheiden sich für deutlich kleinere Familien. Weniger Nachwuchs bedeutet automatisch ein höheres durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen für die Bevölkerung, also eine Verbesserung des Lebensstandards.

Die Ursachen von Flucht und Migration aus Not zu bekämpfen ist deshalb ein langfristiges Geschäft. Bildung kann nicht morgen schon die Migrationsströme durch die Sahara und über das Mittelmeer bremsen. Doch Bildung ist ohne Alternative. Ohne sie könnte die Bevölkerung Subsahara-Afrikas noch in diesem Jahrhundert auf fast 3,5 Milliarden anwachsen. Die Möglichkeiten, diese Menschen auch nur mit dem Notwendigsten zu versorgen, würden sich weiter verschlechtern. Weitere Krisen, Konflikte, Flucht und Migration wären zwangsläufige Folgen.

Deutschland sollte seine Entwicklungsausgaben erhöhen

Bildung muss deswegen dringend ein Schwerpunkt afrikanischer Regierungsprogramme werden. Deutschland sollte dies als Partner auf allen Ebenen der politischen Zusammenarbeit anregen und einfordern. Aber der Kontinent ist auch auf Hilfe von außen angewiesen, denn die nötigen Schulen zu bauen, das Lehrpersonal auszubilden und die Lehrmaterialen bereitzustellen, überfordert viele Entwicklungsländer. Darum muss die internationale Zusammenarbeit Bildung zu einer zentralen Aufgabe machen – und umgehend tätig werden, da sich sozioökonomische Effekte von Bildung erst zeitverzögert auswirken. Deutschland sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen und seine Entwicklungsausgaben im Bildungsbereich weiter erhöhen.

Eine gute Gelegenheit, um ein starkes Signal zu senden, bietet sich der Bundesregierung auf der Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft, die am 2. Februar vom senegalesischem Präsidenten Macky Sall und seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron in Dakar, Senegal, ausgerichtet wird. Die Globale Bildungspartnerschaft arbeitet mit den Entwicklungsländern zusammen, um funktionierende Bildungssysteme aufzubauen. Nur so kann Bildung einer breiten Bevölkerung zugänglich werden und damit letztendlich Perspektiven vor Ort schaffen. 

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