Neue Söldner?

Die Abschaffung der Wehrpflicht verändert den Charakter der Truppe. Die Bundeswehr entwickelt sich zu einer Unterschichtarmee. Dass Menschen aus finanziellen Nöten und mangelnden Perspektiven an Auslandseinsätzen teilnehmen, darf unsere Gesellschaft nicht einfach hinnehmen.

Dr. Sigurd Rink ist hauptamtlicher Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Evangelische Militärseelsorge leistet mit 100 Seelsorgern an Standorten der Bundeswehr in Deutschland und in ihren 15 Auslandseinsätzen Dienst an den Soldaten.

Vor sieben Jahren hat Deutschland die Wehrpflicht faktisch abgeschafft. Seitdem ist die Bundeswehr eine Armee von Freiwilligen. Alle Freiwilligen, die in der Bundeswehr dienen, verpflichten sich, an militärischen Auslandsmissionen teilzunehmen. Diese Einsätze hat der Deutsche Bundestag, das oberste parlamentarische Organ unseres Landes, beschlossen, mit großer Mehrheit. Auch Sozialdemokraten und Grüne stimmen mehrheitlich für diese Missionen. Das sind, so kann man sagen, Militäraktionen, die von unserer Demokratie ausgehen, ein Mehrheitswille der Deutschen bildet sich darin ab.

Doch wer sind jene Freiwilligen, die die Einsätze durchführen, die sich am eigenen Leib großen Gefahren aussetzen, die auch ihre eigene seelische Gesundheit riskieren? Der Historiker Michael Wolffsohn hat vor einiger Zeit gesagt - und er spitzte scharf zu, hatte aber nicht Unrecht: Das sind die Armen! Die Aussetzung der Wehrpflicht führt dazu, dass immer mehr Menschen von der ökonomischen Verliererseite in die Bundeswehr eintreten.

Perspektivlosigkeit macht Menschen zu neuen Söldnern

Es sind solche Bürger, die auf dem zivilen Arbeitsmarkt kaum Chancen bekommen. Dies nicht, weil sie unbegabt und faul wären, sondern ihrer regionalen Herkunft wegen. Überproportional oft stammen sie aus Ostdeutschland, der früheren DDR, wo die ökonomischen Strukturen schwächer sind als im Westen. Das sind - diese Gefahr möchte ich beim Namen nennen - neue Söldner. Menschen, die im Krieg ihren Lebensunterhalt verdienen, weil sie wenig andere Möglichkeit finden. Dass sie häufig gute Schulabschlüsse haben, formal keineswegs ungebildet sind, ändert daran wenig.

Wolffsohn, und ich folge ihm, stellt fest, dass Deutschland mit der Abschaffung der Wehrpflicht hinter eine wichtige Errungenschaft der Französischen Revolution zurückgefallen ist. Damals wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, aus der Idee heraus, dass der souverän gewordene Bürger für sein Land Verantwortung trägt und deshalb an der Verteidigung mitwirkt.Soldat zu sein, das war eine bürgerliche Ehrenpflicht, ganz unabhängig vom ökonomischen Status. Und das galt prinzipiell für alle.

Wir delegieren Militäraktionen an die Armen. Die soziale Ungleichheit unseres Landes bildet sich in der Armee ab. Noch kann man zwar nicht sagen, dass die Bundeswehr insgesamt eine Unterschichtarmee geworden sei, aber es häufen sich Anzeichen, dass das politische Interesse selbst unter jungen Offizieren abnimmt. Nach 1945 wollte die Bundeswehr als Armee der jungen deutschen Demokratie Soldaten, die sich als Staatsbürger in Uniform verstehen. Ein Soldat sollte zuerst bewusster Demokrat sein und aus dieser Überzeugung heraus sein Land verteidigen wollen.

Heute schickt Deutschland viele Soldaten in kriegsähnliche Einsätze. Und es sind tendenziell Menschen aus benachteiligten Verhältnissen, die real in diese Einsätze gehen. Aufgabe unserer Gesellschaft ist jedoch, dafür zu sorgen, dass junge Staatsbürger aus allen Regionen Deutschlands aus Überzeugung Soldat werden, um Menschenrechte und Demokratie zu schützen.

Deutsche Armee läuft Gefahr, Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren

Gerade als Vertreter der Kirche und als Seelsorger unserer Soldaten sage ich: Uns darf nicht gleichgültig lassen, wenn Menschen aus Not und aus Mangel an Alternativen Soldat werden. Wenn die Mehrheit unseres Parlaments sich für die Militäreinsätze entscheidet, dann dürfen es nicht Benachteiligte sein, die in den Einsätzen ihre körperliche und seelische Gesundheit gefährden. Was im Namen aller Bürger beschlossen wird, geht alle an und muss auf viele Schultern verteilt werden. Wenn sich an der gegebenen Tendenz nichts ändert, läuft die deutsche Armee Gefahr, den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren. Ich wünsche mir eine deutsche Armee, die ein Spiegelbild der ganzen deutschen Gesellschaft ist. Sie muss Abbild einer wehrhaften Demokratie sein.

6 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Ahmet Cakir
    Ich war einst in einer ausländischen Armee. Vom Gesetz her war für Gerechtigkeit gesorgt. Jedes männliche Wesen egal welchen Alters musste einmal gedient haben. Man konnte auch - theoretisch - mit 90 Jahren eingezogen werden, wenn man sich lange genug gedrückt hatte. Der Grund für diese Akribie war, dass früher die Reichen sich haben frei kaufen können. So weit, so gut.

    Ich wurde mit 1.000 weiteren Leuten aus dem Ausland eingezogen. Welch ein Wunder, 990 davon hatten ihren Wohnsitz am Ort der Kaserne und durften am Wochenende nach Hause. Wer nicht dort wohnte, musste die Kaserne hüten.

    Noch so ein Wunder: etwa 500 hatten ein Auto. Dass die meisten davon ein ausländisches Kennzeichen hatten, fiel überhaupt nicht auf. Alle 1.000 mussten am Wochenende in der Garnison bleiben. Nur etwa 10 taten das. Und auch dies fiel nicht auf, obwohl man am Sonntag auf dem Parkplatz nur die Fliegen an den Windschutzscheiben hätte zählen müssen, um festzustellen, dass die Autos lange Reisen hinter sich hatten.

    Will sagen: Wer macht und Geld hat, findet Wege und Mittel, sich um den ungeliebten Dienst zu drücken oder die Folgen zu mindern. Kämpfen müssen die anderen. Für die Gefallenen am Hindukusch kann man einen Kranz spendieren.

    Ich denke, der Autor hat recht. Die Frage ist, wie man die Situation ändern könnte. Die Abschaffung der Wehrpflicht erfolgte ja, weil die Praxis extrem ungerecht war. Man konnte aus dem Studium herausgerissen werden, während dafür vier oder fünf andere völlig unbehelligt blieben.

    Ob Söldner oder nicht, die Antwort kann man bei Napoleon lesen. Als ihm vorgeworfen wurde, dass seine Soldaten für Geld kämpften, während die anderen es für die Ehre taten, sagte er kühl: Jeder kämpft, um das zu bekommen, was ihm fehlt.
  2. von Engelbert Diegmann
    Ich war bereits in Mali und habe die Soldatinnen und Soldaten dort gut kennen gelernt. Die großen Leistungen, die die Soldatinnen und Soldaten dort für uns im Blauhelmeinsatz erbringen, ausgesandt von Deutschland mit großer Mehrheit des Bundestages ausgestattet und unter Erschwernissen, die die Normalbevölkerung auch gegen Bezahlung nicht erdulden möchte (wir sind in Deutschland schon bei einer Wochenarbeitszeit von 45 Stunden unzufrieden mit unserem Los), diese Leistungen werden in unserer Gesellschaft wenig gewürdigt.

    Beim Beruf des Soldaten handelt es sich um einen Ausbildungsberuf, nicht um Tagelöhnerei oder anderweitige Machenschaften. Jede und jeder, der eine Soldatin oder ein Soldat werden möchte, der wird dann auch Soldatin oder Soldat und zwar Mechaniker, Einzelhandelskaufmann (Versorger), Krankenpfleger, Pilot oder Sozialpädagoge - in Uniform. Wer meint, dass die Bundeswehr Minderqualifikation befördert, oder den Beruf aufgrund der Karriere-, Ausbildungs- oder Verdienstmöglichkeiten wählen möchte, die oder der wird scheitern.

    Die Bundeswehr nimmt und behält nicht jede oder jeden, sondere viele Anwärter*innen verlassen die Truppe auch alsbald wieder, weil sie die Anforderungen, die eine solch mitunter sehr gefährliche, intensive und verantwortungsvolle Arbeit, bei der es auf gute soziale Fähigkeiten, auf Teamfähigkeit ankommt, aus sozialen oder anderweitigen Gründen gar nicht leisten können. Tatsächlich ist es so, dass ausscheidende Soldaten auf dem Arbeitsmarkt sehr gesucht sind und sofort vermittelt werden, weil sie Teamfähigkeit und Disziplin mitbringen. Das Bild, das hier von den Soldatinnen und Soldaten gezeichnet wird, das ist im Wesentlichen eine Karikatur.


    Die Frauen und Männer aus dem Osten müssen sich allerdings hier im Tagesspiegel einmal mehr den Vorwurf gefallen lassen, ärmer, unmündiger oder chancenloser als die Menschen im Westteil der Bundesrepublik zu sein. Das ist freilich bedauerlich und tut mir persönlich auch sehr leid.
  3. von Beatrix Isensee
    Wenn eine Gesellschaft ohne jede Diskussion die Verwandlung der Armee von Landesverteidigung in Interventionsarmee zulässt und dazu keine nennenswerte
    Parlamentsdebatte geführt wird,so ist genug Schaden angerichtet.Zitat" Deutschland am Hindukush verteidigen".
    Die Militärdebatte ist längst ausgelagert auf die NATO und die
    vorwärtsstrategie der NATO Interessengebiete.Traurige Zukunft .
  4. von Rolf Borges
    @ Bischoff Rink:
    Sie setzen "die Armen" mit den "ökonomischen Verlierern" gleich, die Sie im Osten Deutschlands ansiedeln. Ökonomische Verlierer seien die Menschen dort, weil hier die wirtschaftlichen Strukturen schwächer seien als im Westen des Landes. Diese Menschen entschlössen sich also mangels ausreichender anderer Aussichten, ihr ökonomisches Heil im Dienst in der Bundeswehr zu suchen.
    Diesen Menschen stünde es aber, da sie ja gleichermaßen aus- und gebildet sind wie ihre Mitbürger im Westen, von denen sie im übrigen seit 27 Jahren keine vergitterte und verminte Grenze mehr trennt, frei, ihr ökonomisches Heil dort zu suchen, wo die ökonomischen Strukturen besser sind, wie Sie meinen, im Westen.
    Wählen sie den freiwilligen Dienst in der Bundeswehr, erklären sie sich gleichermaßen bereits, diesen an jedem Standort im gesamten Bundesgebiet zu versehen, also ebenfalls mindestens vorübergehend (Lehrgänge, Übungen) entfernt von ihrem bisherigen Wohnort.
    Wo liegt nun der Unterschied?
    Oder ist es nicht so, daß diese Menschen nach Abwägung aller ihnen offenstehenden Möglichkeiten und ihren persönlichen Maßstäben folgend für die Bundeswehr entscheiden? Alternativen bestehen, insbesondere für gut ausgebildete Menschen ja eben auch anderweitig.
    Bedauerlich ist m. E. eher, daß die Erkenntnis über die Bedeutung von Außen- und Sicherheitspolitik und in deren Ableitung die Bedeutung einer einsatzbereiten, den aktuellen Anforderungen gewachsenen Bundeswehr in der Bevölkerung so gering ausgeprägt ist, daß die Idee des Staatsbürgers in Uniform nicht mehr Mitbürger zu der Entscheidung führt, in diesen Streitkräften für ihr Land und damit für sich selbst und ihre Mitbürger Dienst leisten zu wollen. Leider wurde der Wehrdienst eben immer mehr als Last denn als Ehrendienst betrachtet. Schade eigentlich, denn wenn es wirklich so ist, wie behauptet, dann wäre es ja schon fast dumm, die Verteidigung von Freiheit und Wohlstand ausgerechnet nur der Unterschicht zu überlassen.
  5. von Zacha Zachowski
    Die Armee als Armee der "Staatsbürger in Uniform" war immer ein theoretisches Ideal. Einen Querschnitt hatte man bei den Wehrpflichtigen, bei den Berufssoldaten dürfte die Verteilung nach sozialer Gruppe vergleichbar mit der Freiwilligenarmee sein - und Wehrpflichtige waren immer die ganz kleinen Befehlsempfänger die extrem wenig Einfluss hatten, und auch bei diesem Querschnitt von 18jährigen konnte man kaum ein voll ausgebildet politisches Bewusstsein erwarten das als Regulativ hätte tätig werden können.

    Daher hat der Bischof hier meiner Ansicht nach einen realitätsfernen Standpunkt.

    Und zur "Unterschichtenarmee" - man kann es auch anders sehen, nämlich dass die BW diskriminierungsfrei jedem eine Chance bietet. Dass diese vorrangig von denen in Anspruch genommen werden, die weniger alternative Chancen haben, ist nicht verwunderlich, und auch nicht schlecht.
    Und die Bezeichnung als "Söldner" - sorry aber das ist diffamierender Quatsch. Damit unterstellt man, dass diese Personen sich auch einer brutalen Diktatur zur Verfügung stellen würden für das gleiche Geld - das würde ich nicht unterstellen. Und natürlich werden die wenigsten so idealistisch sein, dass sie ohne Gehalt und Verpflegung Soldat werden würden - das Geld spielt immer eine Rolle, denn man muss von etwas leben. Das macht niemandem zum "Söldner".
  6. von X Violett
    Wenn ich die Bedenken des Artikels richtig verstehe, sollten nur solche Bewerber angenommen werden, die nicht zur Unterschicht - also zu den immerhin zwei Dritteln Abgehängten unserer Bürger - gehören und die aus Liebe zu Demokratie und Vaterland zu den Waffen streben.

    Diese Beschränkung empfinde ich ich als obsolet und regelrecht gefährlich, sie erinnert fatal an vergangene Zeiten.

    Dem Verfasser ist aber doch nicht ganz wohl in seiner Haut, denn er erwähnt immerhin auch Soldaten, die gute Schulzeugnisse mitbringen. Es bleibt also ein ziemlich schwabbeliges Sowohl-als-auch. Was Wunder auch bei einem 'Militär-Theologen', einem Berufszweig, der nach meinem Geschmack ohnehin ein Unding ist.

    Die nun einmal demokratisch beschlossene Abschaffung der Wehrpflicht (auf Zeit wenigstens) ist so lange eine gute oder doch zumindest erträgliche Sache, wie sich genügend Bewerber melden. Und wenn diese um größten Teil aus dem Bereich der Abgehängten unserer Gesellschaft stammen sollten, sind sie als Soldaten eben nicht mehr abgehängt. Das ist doch auch in Ordnung.

    Letztenendes geht diese Gestaltung Hand in Hand mit den Aufgaben, die die Bundesregierung oder besser: der Bundestag, den Soldaten geben. An DIESER Stelle lauern die größten Gefahren für die Institution Bundeswehr. Und solange die Einsatzbefehle sich streng im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, solange also insbesondere NIEMALS Aggressions-Aktionen unterstützt werden, dürften die Dinge in Ordnung sein.

    Untrennbar mit dem Bundeswehr-Einsatz ist der Komplex der Waffenherstellung und der Waffenexporte in Deutschland verbunden, wenn sich der Bundeswehr-Einsatz darauf 'beschränkt', Ausländer in Waffenkunde, Waffen-Handhabung und Strategie zu unterrichten, denn ein solcher Unterricht findet im Zweifel an deutschen Waffen statt und ist dann auch mit der Überlassung solcher Waffen nach dem Unterricht verbunden.

    Alles das sollte beachtet werden, wenn man sich mit der sozialen Herkunft unserer Soldaten befassen möcht