Mr. President und die Ratten

Donald Trump überzieht Baltimore und dessen Abgeordneten Cummings mit Beleidigungen. Unser Autor lebt in Baltimore und sagt: Zurückmotzen? Trump, dieser "F'ck-up Haarschnitt mit Fake-Gesichtsfarbe" würde es nicht mal hören, wenn man direkt neben ihm steht.

D. Watkins ist Professor an der University of Baltimore und freier Autor bei „Salon“, einem Online-Debatten-Magazin in den USA. Er hat die „New York Times“-Bestseller „The Beast Side: Living (and Dying) While Black in America“ (2015) und „The Cook Up: A Crack Rock Memoir“ (2016) geschrieben. 

Es ist schon verrückt, wenn du aufwachst, und der Präsident der Vereinigten Staaten wirft mit Dreck auf deine Gegend. Aber das ist die Welt, in der wir leben.

Trump being Trump, wie er nun mal ist, hat an einem Sommersamstag, der sonst ereignislos geblieben wäre, eine rassistische Bombe gezündet und unseren Abgeordneten Elijah Cummings, dessen Wahlkreis und meine Heimatstadt Baltimore angegriffen. „Warum wird so viel Geld an Cummings' Bezirk geschickt, wenn der als der schlechteste und gefährlichste in den Vereinigten Staaten gilt?“, twitterte der Präsident. „Kein Mensch würde dort leben wollen. Wohin geht das ganze Geld? Wie viel wird gestohlen? Untersuchen Sie diese korrupte Schlamperei sofort!“

„Wie letzte Woche während einer Kongresstour bewiesen wurde, ist es an der Grenze sauber, effizient und gut organisiert, nur sehr überfüllt“, so Trump weiter und: „Der Cumming-Bezirk ist ein ekelhafter, von Ratten und Nagetieren befallener Saustall. Wenn er mehr Zeit in Baltimore verbringen würde, könnte er vielleicht helfen, diesen sehr gefährlichen und schmutzigen Ort aufzuräumen.“

Als die Story Fahrt aufnahm, goss Trump Öl ins Feuer, indem er Videos retweetete, die andere Konservative gepostet hatten und die verfallene Häuser und vermüllte Straßen zeigten. Was Trumps Behauptungen stützte. Es muss dazu gesagt werden, dass Cummings als Vorsitzender des Kontrollausschusses des Repräsentantenhauses nicht zuständig ist für Schädlingsbekämpfung oder Müllabfuhr in Baltimore. Das sind lokale Aufgaben.

Baltimores angesehenste Zeitung „The Sun“ schoss zurück und schrieb: „Und schließlich würden wir nicht auf das Niveau Trump'scher Beschimpfungen herabsinken oder hämisch darauf hinweisen, dass er nicht mal den Namen des Kongressabgeordneten richtig schreiben kann (es heißt Cummings, nicht Cumming). Wir würden dem verlogensten Mann, der je das Oval Office besetzt hat, dem Verhöhner von Kriegshelden, dem glorreichen Grabscher, dem notorischen Bankrotteur, dem nützlichen Idioten von Wladimir Putin und dem Typ, der darauf bestand, dass auch unter mörderischen Neonazis ,gute Leute sind, sagen, dass er die meisten Amerikaner niemals so täuschen wird, dass sie glauben, er sei auch nur ansatzweise kompetent genug für sein aktuelles Amt, oder dass er auch nur eine Spur von Integrität besäße. Besser ein paar Ungeziefer in der Nachbarschaft haben, als eins sein.“

Hier die übertriebene Kritik, da die tränenseligen Verteidiger, ich kann an beidem nichts Komisches mehr finden

Als jemand, der schon immer in Baltimore lebt, der das ganze Jahr über als Mentor arbeitet, als Förderer von kritischem Denken, als Lehrer und gutes Beispiel für den Wandel, den ich gerne sehen würde - fällt es mir wirklich schwer, an all dem noch etwas Komisches zu finden: an den Menschen, die Baltimore niedermachen, den Krokodilstränen, die irgendwelche Experte vergießen, und den Leuten, die so tun, als würden sie sich interessieren. Der Hashtag WeAreBaltimore trendete bei Twitter, und das Wochenende über posteten absurd viele Menschen Fotos von Urlauben oder Geschäftsreisen, von ihren Spaziergängen zum Inner Harbor, einer Touristenfalle, die den Einwohnern entweder egal ist oder zu teuer.

Mein erster Impuls war dennoch nicht, für Cummings loszuboxen oder Trump auf dieselbe abgedroschene Art anzugehen, die die ganze „Debatte“ beherrscht. Schließlich macht Trump jede Woche irgendetwas Rassistisches. Sei es, dass er afrikanische Länder Dreckslöcher nennt, sei es, dass er Mexikaner Kriminelle nennt oder die afroamerikanische Kongressabgeordnete Ilhan Omar auffordert, in ihr Land zurückzugehen. Als Antwort grunzen wir höhnisch oder beklagen uns und fachen damit sein Feuer an und pinseln ein Lächeln in die Gesichter seines Teams und seiner Anhänger, weil sie wissen, dass unsere Antworten zu gar nichts führen. Nicht zu Haftstrafen, nicht zu Amtsenthebungsverfahren, zu gar nichts.

Trump hört Kritik nicht und seine Fans fühlen sich bloß davon bestätigt

Wenn ich jetzt rufe „Donald Trump ist ein rassistischer Clown mit einem F'ck-up-Haarschnitt und billigster Selbstbräuner-Gesichtsfarbe“, tut ihm das nicht weh. Er würde es vermutlich nicht mal hören, selbst wenn ich nur einen Meter neben ihm stehen würde. Trump ist ein Geldmensch, ein Rassist alter Schule, er ist die Definition eines Privilegierten, der seit sieben Dekaden mit Millionen um sich schmeißt. Er kann abfällige Bemerkungen über Arme machen, aber er kann die Armut nicht hören. Unterdrücker wären keine Unterdrücker, wenn sie auf die Unterdrückten hören würden. Die meisten Schwarzen, an die Trump sich wendet, sind für gewöhnlich reich, und viele von ihnen hören die Schreie der Armen auch nicht - es sei denn, ein Kamerateam ist in der Nähe, und es gibt Fotogelegenheiten.

Cummings ist stark, er kann auf sich selbst aufpassen. Ich bin in seinem Wahlkreis aufgewachsen und habe diese Armut selbst erlebt, die schlechten Schulen, das ungerechte Strafrechtssystem mit seiner klasse Kollektion von rassistischen Polizisten, die mehr Schaden als Nutzen anrichten. Cummings weiß das alles. Cummings weiß, dass wir kämpfen.

Ich bin auch stolz auf Cummings' Bezirk, weil meine Familie, die Familie meiner Verlobten und alle unsere Freunde hier „Stakeholder“ sind. Wir haben hier unsere Häuser, wir unterstützen die Brennpunktschulen, auf denen wir gewesen sind, wir arbeiten, wir kümmern uns, wir heben den Müll auf, wir zeigen Anteilnahme, wir kämpfen jeden Tag, um Baltimore ein bisschen besser zu machen, wir essen in tollen Restaurants, besuchen Theater, Museen, Festivals, machen Kunst, schaffen Traditionen und stärken die Kultur im ganzen Cummings-Bezirk - und er weiß das.

Profiboxer Gervonta „Tank“ Davis, der auch hier aufgewachsen ist, holte in Cummings' Bezirk vor 14 000 Fans einen großen Titel, und vergangenes Wochenende hat er ihn verteidigt. Und vor ein paar Monaten bin ich ins „Creative Crossroads“ in Cummings' Bezirk geradelt, und dort im Motor House etwas aufgeregt mit dem Fahrstuhl hoch zu dem Atelier von Amy Sherald gefahren, einer weltberühmten Künstlerin, um einen ersten Blick auf ihr fantastisches, noch unvollendetes, offizielles Porträt von Michelle Obama zu werfen. - Wir hier sind toll.

Trump tweetet, als gehöre Baltimore nicht zu Amerika

Ich liebe es, wenn meine Stadt im ganzen Land Aufmerksamkeit erfährt. Es ist auch egal, ob die Geschichte dazu gut oder schlecht ist, weil denkende Menschen dadurch so oder so einen winzigen Eindruck von den Umständen bekommen, in die wir hier hineingeboren wurden, und mit denen wir irgendwie zurechtkommen (müssen).

Trump ist eine Verirrung, eine eiternde Zyste in der Achselhöhle des großen Leibs der amerikanischen Geschichte - eine billige Art, sich wirkliche Probleme von Hals zu halten. Viele von uns sind viel zu sehr damit beschäftigt, über die Runden zu kommen, um seine hirnlosen Behauptungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Mal ehrlich, er tweetet negatives Zeugs über Baltimore, als wäre Baltimore nicht in Amerika, dem Land, das ihn zum Anführer gewählt hat. Baltimores Probleme sind Trumps Probleme.

Aber ebenso wie ich schöne Erfahrungen in Cummings' Bezirk gemacht habe und mache, gibt es natürlich auch die unschönen. Das ist kein Cummings-Problem, das ist ein amerikanisches Problem. Amerika ist voll von Gutem und Schlechtem, und wir wissen das. Die entscheidende Frage ist, wer wird Twitter ausstellen und Echtzeit in die Aufgabe investieren, das Schlechte zu beseitigen? Das wäre mal eine lohnende Unterhaltung.

Wie viele andere, die schon ihr Leben lang in Baltimore leben, habe ich die Nase voll von Leuten, diesen sogenannten Erweckten, ob Insider oder von draußen - die sich auf Seifenkisten stellen, um ihre Ansichten und Insta-Fotostorys über Probleme zu teilen, die sie nicht lösen wollen.

Bitte gehen Sie in die andere Richtung.

- Der Text ist bereits bei „Salon“ erschienen. Aus dem Englischen übersetzt von Ariane Bemmer.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Rudolf Tassilo
    Auch dieser Beitrag von außerhalb zeigt erneut, selbst schärfste Kritik an einem Politiker wie Trump bewegt sich auf einem ganz anderen intellektuellen Niveau, als wie wenn in BRD-Land über über den politischen "rechten" Gegner hergezogen wird. D. Watkins zeigt gerade zu beeindruckend wie man souverän Verfehlungen des politischen Gegners beim Namen nennen kann.

    Obwohl ohne Beschönigungen kommt er ohne jene dumpfe Hetze und ohne eben solche Unterstellungen aus, wie sie hierzulande in der Politik und den Medien üblich sind, wenn es etwa um die AfD oder Pegida geht.

    Geht es dagegen hierzulande um den politischen Gegner, und dazu zählt jeder, der sich nicht dem offiziell erlaubten Verlautbarungskanon der (noch) herrschenden Bourgeoisie unterwirft, dann ist von Souveränität sowohl bei den etablierten Demokraten wie ihren medialen Hofbarden, weit und breit nichts zu erkennen. Statt dessen überbietet man sich gegenseitig an "kraftvollen" Äußerungen, und in den Foren wird dann die Netiquette regelmäßig in die Abstellkammer geschoben, damit die selbsternannten Anständigen hemmungslos ihren Lebensfrust über den politischen Gegner auskotzen können - wobei sie auch noch aus jeder Pore nach Selbstgerechtigkeit müffeln, wie ranziges Fett.

    An dem Beitrag von D. Watkins zeigt sich auch, daß Maaßen mit seiner Behauptung recht hatte: "NZZ bzw. ausländische Berichte und Zeitungen lesen ist wie zu Zeiten von AK & von Schnitzler wie Westfernsehen sehen.".