Merkel muss Wellenreiten lernen

Umgeben von Chaos steht Kanzlerin Angela Merkel kurz vor dem Ende – so sehen es viele Kommentatoren. Um sich freizusurfen, muss sie jetzt inhaltlich überraschen. Wenn sie klare Ziele vorgibt, sich aus taktischen Spielchen heraushält, behält sie die Chance auf einen selbstbestimmten Abgang.

Tobias Leipprand ist Leadership-Experte und Sozialunternehmer. Er ist Gründer und CEO von LEAD in Berlin, einer Organisation, die Führungskräfte aus dem Privatsektor, dem Non-Profit-Sektor und dem Politikbereich coacht und weiterbildet sowie Beratungsleistungen anbietet.

In einer Welt der Beliebigkeiten sehnen sich Menschen nach Orientierung. Wir erwarten von Personen in Führungspositionen, dass sie eine Schneise ins Dickicht schlagen. Führungskräfte, die sich selbst im Wirrwarr verheddern, kommen gar nicht gut an. Aber genauso wird die Koalition kurz vor der Bayernwahl wahrgenommen. Wo man hinsieht, gibt es ein endloses Ringen um Macht. Statt inhaltlicher Auseinandersetzungen erleben wir meist nur kraftlose Symbolpolitik. Die CSU zerlegt sich gerade selbst, in der CDU wird fleißig am Stuhl der Kanzlerin und Parteivorsitzende gesägt, und die SPD kämpft ohnehin schon länger ums Überleben als Volkspartei.

Aus Führungsperspektive ist diese Situation sehr anspruchsvoll. Sie bedarf einer präzisen Strategie. Merkels Führungsstil ist dafür nicht mehr zeitgemäß. 2005 war er noch attraktiv, als Antwort auf Schröder, den polternden Basta-Kanzler: besonnen, beschwichtigend, moderierend. Durch ihr Ausgleichen hat Merkel das politische System, ihren Regierungsapparat stabilisiert. Konkurrenten wurden ruhiggestellt. Aber jetzt, wo es im System zunehmend brodelt, ist diese Beruhigungstaktik genau der falsche Ansatz – und er kostet zu viel Kraft.

Ähnliches beobachtet man häufig in der Wirtschaft. Ist ein Unternehmen einmal in der Krise, positionieren sich Vorstände und Aufsichtsräte – alle meinen, zu wissen wie es aus der Krise gehen soll. Das System demontiert sich selbst, es kann mit der wachsenden Komplexität nicht mehr umgehen. Gutes Beispiel dafür ist die Deutsche Bank mit ihrer endlos erscheinenden Führungskrise. Plötzlich werden Personalien wichtiger als Inhalte, politisches Geschacher steht vor Strategie.

In Zeiten, in denen das System kriselt, ist es Aufgabe von Führung, klare Ziele zu formulieren. Es braucht eine Vision, die stark genug ist, die Menschen zu packen. Sonst ergötzen sie sich nur am Drama des Verfalls.

In der Wirtschaft gelingt das häufig gut in erfolgreichen in Startups. Auch hier ist das Umfeld maximal komplex, und alle meinen, besser zu wissen, wo die Zukunft des Unternehmens zu liegen hat. Eine gute Gründerin ist, wer eine begeisternde Vision glaubwürdig vorträgt. Diese muss Investoren, Mitarbeitende und Nutzer des geplanten Produkts regelrecht elektrisieren und damit auf Linie bringen. Zugegeben, das kann in Startups auch zu seltsamen Blüten führen, aber das Prinzip ist klar: Führung heißt, ein Bild der Zukunft zeichnen und damit Sinn und Richtung vorgeben. Denn ein Startup, das binnen kurzer Zeit von 10 auf 100 Mann wächst, kann man nicht effizient steuern. Aber wenn die Richtung stimmt und die Vision trägt, setzt man sich eben mehr oder weniger koordiniert gemeinsam in Bewegung und kann Großes erreichen.

Eine solche klare Richtung fehlt der Koalition. Das ist Ausdruck von Führungsschwäche. Aus Sicht der Komplexitätsforschung ist ein Führen à la Merkel zwar nicht grundsätzlich falsch. Wenn der Druck von außen zunimmt, versuchen Führungskräfte meist auszutarieren und zu stabilisieren. Doch in einer hyperkomplexen Welt endet eine stetige Stabilisierung in der Bewegungslosigkeit. Während im Hambacher Forst mal eben Geschichte geschrieben wird, steht die Regierung Merkel wie ein Beobachter am Spielfeldrand. Die Ergebnisse des Dieselgipfels sind ein Formelkompromiss aus zu vielen widerstreitenden Interessen. Die derzeitige Migrationspolitik – unklar. Das lädt zu Machtspielen ein: Jeder der Koalitionspartner kocht sein eigenes inhaltliches Süppchen, allen voran die CSU. Populisten finden Zulauf, da sie mit ihren vergifteten, aber eben auch kraftvollen Visionen auf Stimmenfang gehen. Ein visionsstarker Robert Habeck von den Grünen kann ebenfalls kräftig Punkten. Aus Führungsperspektive zurecht, ganz egal wie man parteipolitisch zu ihm stehen mag.

Wenn Merkel politisch überleben will, wenn sie ihren Abgang selbst gestalten will, dann muss sie diese normative Obdachlosigkeit beenden. Sie muss mit einer Vision für Deutschland vorangehen, statt immer erst im Nachgang Stellung zu beziehen. Inhalte müssen vor Taktik stehen.

Für die Kanzlerin heißt das, mehr Alleingang, mehr über die Öffentlichkeit spielen. Sich inhaltlich an die Spitze stellen, statt hintenan. Diesen Ansatz nutzen derzeit viele Unternehmenschefs, die die digitale Transformation vorantreiben wollen: Sie gehen bewusst über die Öffentlichkeit und sorgen dafür, dass neue, innovative Ansätze derart viel Presse bekommen, dass sich allein dadurch schon das Selbstbild des Unternehmens ändert. Und das motiviert viele Mitarbeiter stärker als eine Umstrukturierung oder von oben angeordnete Innovationsprojekte.

Natürlich birgt eine klare Positionierung Risiken. Es kann schneller zum Bruch kommen. Die Zustände rund um Merkel sind chaotisch, ungeordnet, dynamisch, widersprüchlich. Führungskräfte versuchen in solchen Situationen meist krampfhaft, diesem Chaos Herr zu werden. Doch das ist heute eine Utopie. Wer erfolgreich führen möchte, muss die Sache anders angehen. Wie der Komplexitätsforscher Stuart Kauffman es sagt: Surfen am Rande des Chaos.

Wird aus der Kanzlerin jetzt noch eine Wellenreiterin? Man muss abwarten. Immerhin aber wird sie nach der Bayernwahl die beste Chance haben, inhaltlich wieder stärker in Führung zu gehen. Die CSU wird geschwächt sein, Seehofer vielleicht ausgetauscht, und auch die SPD wird Federn gelassen haben. Natürlich wäre der Parteivorsitz für eine inhaltliche Führung gut, aber er ist nicht zwingend. Die Alternative: bewusst Platz machen, aber dann eine Mitstreiterin positionieren, die einen neuen, inhaltlichen Führungsstil Merkels unterstützt. Merkel kann dann Führungsstärke, Mut und visionäre Kraft beweisen, indem sie eine „radikale“ Priorisierung von Themen wie Migration, Digitalisierung und Europa vornehmen würde. Visionen, an denen man sich abarbeiten kann, die zuspitzen, die unsere Gemüter wieder erhitzen anstatt uns zu narkotisieren. Ein Gefühl von Aufbruch und Erneuerung, und genau das braucht Deutschland. Es wäre auch Merkels beste Chance, selbstbestimmt ihren Abgang zu planen anstatt wie Gerhard Schröder mit dem fahlen Beigeschmack eines unschönen Abstiegs in Erinnerung zu bleiben.

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