Macht "Global Health" die Welt gesund?

Nach dem Klima versucht sich Deutschland wieder als Treiber eines Menschheitsthemas. Mit einer transdisziplinären Herangehensweise könnte etwas Neues gelingen.

Ole Döring ist Vorstand des neuen Instituts für Globale Gesundheit in Berlin.
Er lehrt und forscht als Philosoph, Sinologe und Gesundheits-Ethiker zwischen Berlin und Hongkong. 

Es ist ein bisschen peinlich: Gesund sein wollen wir alle. Wir sollten also verstehen, was das heißt und wie das geht, denn es geht ums Ganze. Aber: Die Definitionen klaffen weit auseinander. Vom „umfassenden Wohlbefinden“ der WHO über funktionale Bestimmungen der Medizin bis hin zu den siebeneinhalb Milliarden subjektiven Meinungen dazu was es bedeutet, gesund zu sein. Wir müssen deshalb sehr genau darauf achten, von wessen Interesse und welcher Kompetenz gerade die Rede ist.

Bisher haben wir hierfür eine brauchbare fachliche Arbeitsteilung: Individualgesundheit kümmert sich um das Wohl des Einzelnen, Volksgesundheit (Public Health) um bestimmte Bevölkerungsgruppen, seien es Raucher, Senioren, Vegetarier, ethnische Gemeinschaften oder soziale Schichten. Hier überlassen wir die Definition zunächst den Beteiligten. Das sind nicht nur Patienten, Kunden, Ärzte und Apotheker. In Wirklichkeit bestimmen unsere Regulatoren, allen voran der Gemeinsame Bundesausschuss, und die Wirtschaft, nach welchen Regeln und Begriffen tatsächlich verschrieben und verrechnet wird, was gesund machen soll. Dem liegt der Gedanke der Legitimation durch die Solidargemeinschaft zugrunde. Bei uns ist das so, in Deutschland. Auch sonst geht es vor allem um Daten zu dem was sich bemessen lässt. Als wären Gesundheit und Krankheit nur Ereignisse, nicht aber vor allem Folgen unseres Handelns.

Was aber passiert, wenn wir Gesundheit „global“ denken?

Dann wird es nicht nur unübersichtlich. Die Interessen, Meinungen und Handlungsmöglichkeiten der Akteure in den Ländern rund um die Welt verlangen, dass wir einheitliche Mindeststandards mit nicht standardisierbaren Lebensbedingungen in Einklang bringen. Geht es um Wohlbefinden, um Leid oder um die nackte Existenz? Das sieht man in Deutschland anders als in China oder Kongo, in Mumbai anders als in Mecklenburg-Vorpommern. Auch die Mechanismen, die nach innen Struktur bilden, greifen nicht durch diese Vielfalt hindurch. Wir können zwar den Grenzverkehr verwalten, haben aber bisher noch keinen integrativen Begriff von Gesundheitspolitik. Obwohl Krankheit und Gesundheit keine Grenzen unter dem Himmel kennen.

Weltgesundheit als Machtfrage?

Dafür sind Großorganisationen wie WHO und UNO zuständig, besonders wenn es darum geht, die Verfassung der Menschheit und gemeinsame Herausforderungen wie bei Pandemien über Grenzen hinweg zu beschreiben. In den letzten Jahren hat besonders die Gates-Stiftung große Anteile dieser trans-nationalen Arbeit übernommen. Für die Aktivitäten zwischen und über staatliche Grenzen ist ein ganzes Geflecht aus Zuständigkeiten für Diplomatie, Sicherheit, Governance und Krisenintervention entstanden. Das ist aber eigentlich nicht „Global Health“.

Denn damit wird Weltgesundheit zu einer Frage der Macht, des politischen und wirtschaftlichen Status quo. Wie gesund ein Mensch ist und werden kann, hängt dann von der Lotterie der Geburt ab, von der sozialen oder nationalen Zugehörigkeit. Oder können wir es doch besser, als aufgeklärte Humanisten mit unserem Arsenal an Wissenschaft, Moral und Technologie?

Gipfel im Oktober in Berlin


Die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen von 2015 sieht vor, „ein gesundes Leben für alle Menschen“ zu ermöglichen. Jetzt wendet sich die neue Bundesregierung mit Verve diesem Thema zu. Ein eigener Unterausschuss des Bundestages wird dazu eingerichtet. Die Bundeskanzlerin selbst hat soeben, gemeinsam mit der norwegischen Ministerpräsidentin Solberg und dem ghanaische Staatspräsidenten Akufo-Addo, den WHO-Generaldirektor der Ghebreyesus faktisch damit beauftragt, einen „Globalen Aktionsplan für ein gesundes Leben und das Wohlergehen aller Menschen“ vorzulegen.  Mit diesem „Vorschlag“, bis zum 10. Weltgesundheits-Gipfel (WHS) im Oktober 2018 in Berlin einen konkreten Fahrplan vorzulegen, gibt Kanzlerin Merkel einen ehrgeizigen Takt an.

Offenbar strebt Deutschland im Vorfeld der Weltgesundheits-Versammlung (WHA, Genf 21.-26. Mai 2018) eine stärkere Führungsrolle an. Das macht sowohl mit Blick auf die bekannten Probleme in Afrika als auch angesichts der gerade einsetzenden Entwicklung  Eurasiens und der Kampagne für einen Sitz im Weltsicherheitsrat Sinn. Deutschland könnte seine Stärken und seine Verantwortung im Interesse Europas in die Waagschale werfen, um das Gegengewicht zu China und Russland zu stärken. Die Abwendung der USA und UK bietet zugleich eine große Chance: die Verengung der neoliberalen Ideologie hinter uns zu lassen und neue Konzepte jenseits des Kolonialismus zu entwickeln, die der sozialen Weltkultur Europas besser entsprechen, weil sie auf Würde und nachhaltigen Frieden der Menschheit ausgerichtet sind. 
 

Nachhaltig und glokal

Umso dringender stellt sich die Frage: Was ist das Neue bei „Global Health“? Was können wir hier besser als andere beitragen, um die Lebensqualität und Verhältnisse für die Menschen zu verbessern, besonders für die derzeit Benachteiligten? Es geht um Kompetenzen, Perspektiven und Strategien der allgemeinen Selbststärkung, also: um Salutogenese, das ist die Konzentration auf das, was gesund macht und Wert schafft.

Anders als die eingangs genannten Aufgaben verkörpert dieses Thema unsere Verantwortung „nachhaltig“ und „glokal“ zu denken, als Auftrag: diese Schlagworte aus der Ökonomie der Ökologie des 20. Jahrhunderts in soziale Gerechtigkeit für die Welt des 21. Jahrhunderts zu übersetzen. Wir können und müssen es diesmal im Ansatz besser machen, denn die Brandmauern des Kalten Krieges sind fort.

Also, höher, schneller, weiter - mit „Global Health“? So einfach wird es nicht gehen. Mit der Aufmerksamkeit beginnt auch der Kampf um die Deutungshoheit. Aller Orten prangt nun das Etikett „Global Health“ auf Einrichtungen der Forschung oder Politikberatung - alter Wein in neuen Schläuchen?  Der vielfach beklagte Mangel an Forschungs-Infrastruktur, nach dem Vorbild der USA oder UK , kann sich als strategischer Vorteil erweisen: wenn wir lernen, die Chance zu etwas Neuem, zu echter Innovation zu ergreifen. Das geht nicht mit einer bloßen Ausweitung von Public Health oder Internationaler Gesundheits-Diplomatie. Bei „Global Health“ steht das Handeln im Mittelpunkt. Es ist deshalb im Kern kein Projekt des Managements sondern, grundlegender, eine Frage der Ethik: der Wissenschaft vom vernünftigen Handeln.

Global Health ruft nach transdisziplinärer Perspektive

Es geht darum, allen Menschen zu ermöglichen, an ihren gelingenden Leben so gut zu arbeiten, dass verhaltensabhängige und umweltbedingte Krankheitsursachen verringert werden. Fehlernährung und pathogene Arbeitsbedingungen gehen uns alle an. Damit verlangt „Global Health“ eine eigene transdisziplinäre Perspektive, Theorie, Methodik - kurz, es wird zu einem eigenen Forschungsfeld zum konkreten Wohl der Menschen. Da es um gute Praxis in Kulturen übergreifenden Zusammenhängen geht, müssen medizinische und soziale Fragen mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Kompetenzen verbunden werden.

„Globale Gesundheit“ wird erkennbar als eine neue arbeitsteilige Herangehensweise, die bestehende Kompetenzen ergänzt und stärker machen kann. Zu dieser innovativen Wissensstrategie wird auch die neu zu vernetzende transdisziplinäre Forschung beitragen. 
Sie wird dabei helfen, auf der Höhe unserer Zeit Konzepte und Handlungen zu begründen, die partikulare Kultur- und Macht-Interessen vernünftig zu umfassend sachbasierten Diskursen umformen. Aus Achtung vor der Würde jedes Menschen stellt „Global Health“ das Handeln für Gesundheit in den Mittelpunkt, dem die Märkte und Machtmittel dienen.
Das wäre etwas Neues.

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