Links anklicken ist noch keine Digitalkompetenz

Der aktuellen ICIL-Studie zufolge haben ein Drittel der deutschen Jugendlichen gerade einmal rudimentäre digitale Kompetenzen. Das muss der Weckruf sein. Denn: Fehlende digitale Schulbildung ist Verrat an der jungen Generation.

- Ulf Matysiak ist Geschäftsführer Teach First Deutschland, einer gemeinnützige Bildungsinitiative, deren Schirmherrin First Lady Elke Büdenbender ist. 

Sie wird überall gefordert, bisweilen heftig diskutiert und findet trotzdem kaum statt: Digitale Bildung an deutschen Schulen. In der neuen ICIL-Studie wird deutschen Achtklässlern gerade einmal Mittelmaß bescheinigt, was ihre Kompetenzen bei der Mediennutzung betrifft. Dabei wäre es leicht, grundlegende digitale Kompetenzen im Unterricht zu vermitteln. Und das endlich zu forcieren - zwar flächendeckend und fächerübergreifend - wäre 23 Jahre nach der BMBF-Initiative „Schulen ans Netz“ auch das Mindeste. Denn die Jugendlichen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen - nur die Schule ist es nicht.

Wie aber sollen Kinder und Jugendliche in diesen meist analogen Institutionen auf eine Zukunft vorbereitet werden, die zu großen Teilen digital geprägt sein wird? Diese Frage hat nicht nur eine große Tragweite, sondern ist auch enorm dringend. Es wird allerhöchste Zeit, dass Schule sich den Fragen stellt, denen Jugendliche in der digitalen Welt begegnen.

Viele Ausreden, wenig Überzeugendes

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Der aktuellen ICIL-Studie zufolge haben in Drittel der deutschen Jugendlichen gerade einmal rudimentäre digitale Kompetenzen. Konkret heißt das, sie können E-Mails öffnen und Links anklicken. Aber nicht unter Anleitung Informationen finden oder Dokumente mit Hilfestellung bearbeiten. Außerdem berichten zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler, dass digitale Medien nicht in Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik genutzt werden. Zum Vergleich: In unserem Nachbarland Dänemark geben mehr als 95 Prozent der Jugendlichen an, digitale Medien für den Unterricht zu nutzen.

Sicher werden in Reaktion auf diese Studie wieder viele Gründe angeführt, warum in der digitalen Bildung nichts vorangeht: Der Digitalpakt muss erst einmal starten, es gibt keine Fachlehrer, kein festes Curriculum oder Schulen fehlt die nötige Ausstattung. Während wir aber darauf warten, dass sich all diese Punkte irgendwann einmal ändern, passiert etwas anderes: Die Kinder und Jugendlichen, die heute in den Klassenzimmern sitzen, werden bei der Erkundung der digitalen Welt allein gelassen. Denn Apps, Smartphones und Co. nutzen sie außerhalb der Schule schon täglich. Wer die digitale Förderung und Begleitung an Schulen weiter aufschiebt, ignoriert einen ganz entscheidenden Punkt: Schule muss den Kindern und Jugendlichen von heute gerecht werden und sie bestmöglich auf die Zukunft vorbereiten. Doch genau das passiert nicht.

Digitalkompetenz ist eine Voraussetzung für Mündigkeit

Denn digitale Kompetenzen sind nicht erst morgen, sondern schon heute fundamental entscheidend für die Zukunftschancen der Jugendlichen. Erstens, für ihren beruflichen Werdegang, zum Beispiel wenn Jugendliche sich bewerben, in der Ausbildung sind oder studieren. Zweitens, und das ist viel weitreichender, für selbstständiges Informieren, Arbeiten und Entscheiden. Denn Jugendliche sollen als mündige Bürger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Klar ist: Es gibt keinen fertig ausgearbeiteten Plan, wie digitale Bildung in Lehrplänen und im Unterricht vermittelt, eingesetzt und gefördert wird. Trotzdem könnten digitale Grundlagen bereits heute im Unterricht vermittelt werden. Es ist doch paradox, dass in der Schule ganz selbstverständlich über gesunde Ernährung, sexuelle Aufklärung und die Gefahren von Drogen gesprochen wird – aber die Chancen und besonders die Gefahren in digitalen Räumen kein Thema sind. Dabei könnte es zunächst um grundlegende Fragen gehen, mit denen Lehrkräfte in ihrem Alltag selbst konfrontiert sind: Wie schütze ich meine Daten, wie funktionieren Algorithmen und welchen Einfluss haben sie darauf, wie ich mich informiere? Nicht zuletzt geht es bei digitalen Kompetenzen auch darum, wie sich Bürgerinnen und Bürger einbringen können, denn längst findet politische Partizipation oftmals in digitalen Räumen statt. Zwar lernen Schülerinnen und Schüler in der Schule alles über Bundestag, Bundesrat und Parteien, aber nichts über Teilhabeformate, die online funktionieren, wie etwa Petitionen.

 Das Bildungssystem kennt sich aus mit Veränderungen

Anstatt weiter auf technische Ausstattung und ein fachdidaktisches Gesamtkonzept zu warten, muss folgendes im Mittelpunkt stehen: Schülerinnen und Schüler bereits in diesem Schuljahr digitale Kompetenzen zu vermitteln und zwar unabhängig von Fach und Klassenstufe. Es ist ja nicht das erste Mal, dass das deutsche Bildungssystem in relativer kurzer Zeit auf tiefgreifende Veränderungen reagieren muss. Weder 1990 noch 2015 gab es fertige Schablonen, nach denen gearbeitet werden konnte. Mit der Wiedervereinigung gab es plötzlich zwei Schulsysteme, die zusammengeführt werden sollten. Und 2015/16 mussten viele junge Geflüchtete in das deutsche Schulsystem integriert werden. Abzuwarten war keine Option – die Kinder und Jugendlichen waren da und die Schule musste sich auf die neue Situation einstellen. In beiden Fällen war Pragmatismus das Mittel der Wahl, Lösungen auf Schulebene wurden gefunden und verbessert, Best Practices ausgetauscht. Auch wenn sicher nicht alles auf Anhieb funktionierte, an Entschlossenheit zur Improvisation mangelte es nicht.

Dieses Maß an Entschlossenheit ist auch jetzt gefragt. Denn die Veränderungen, vor denen das deutsche Bildungssystem steht, sind ähnlich groß und tiefgreifend. Hinzu kommt eine hohe Dringlichkeit, die endlich anerkannt werden muss. Entscheidend ist nun, ins Handeln zu kommen, aktiv zu sein – denn nur so können wir den digitalen Wandel gestalten. Das bedeutet keineswegs, es dann  beim ersten Versuch zu belassen. Doch erst muss die Digitale Bildung als Version 1.0 an die Schule kommen, dann können wir kritisch begleiten, analysieren und gegebenenfalls anpassen.

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