Kinder der Demokratie

Die Schüler-Demonstrationen gegen Waffen in den USA zeigen: Kindern und Jugendlichen wird besonders hohe politische Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Der Historiker Mischa Honeck erklärt, warum das so ist – und warum es problematisch ist.

Mischa Honeck ist Dozent am Lehrstuhl für die Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen an der Humboldt-Universität. Zuvor war er unter anderem Research Fellow am Deutschen Historischen Institut, Washington DC.

Alle Welt kennt Emma González. Ihre emotionalen Auftritte, zuletzt am vergangenen Sonntag auf der Massenkundgebung „Marsch für unsere Leben“ in Washington DC, machten die Tochter eines kubanischen Einwanderers und Überlebende des Massakers von Parkland, Florida, zum Gesicht der landesweiten Schülerbewegung gegen Waffengewalt. Doch wer erinnert sich noch an Sarah Merkle? Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook-Grundschule im Bundestaat Connecticut im Dezember 2012 wetterte die damals fünfzehnjährige Hobbyschützin in einer öffentlichen Anhörung gegen ein Gesetzesvorhaben des Bundesstaates Maryland. Merkles Lieblingswaffe, die halbautomatische AR-15, sollte verboten werden. Der Versuch der Schülerin, die Gesetzgeber umzustimmen, scheiterte. Als junge Vorzeigeaktivistin wurde Merkle zu einem Geschenk für die mächtige amerikanische Waffenlobby, die National Rifle Association.

Kindern und Jugendlichen wird eine besondere Glaubwürdigkeit zugeschrieben

Politisches Engagement von Kindern und Jugendlichen hat in den USA eine lange Tradition. Minderjährige kämpften in der Armee George Washingtons für die Unabhängigkeit der dreizehn Kolonien. Jungs und Mädchen beteiligten sich vor dem Bürgerkrieg an der Antisklavereibewegung, indem sie Petitionen schrieben und Pamphlete verteilten. Geschundene junge Körper demonstrierten gegen Kinderarbeit und unterstützten die Streiks ihrer Eltern. Schwarze Kinder protestierten 1917 in New York gegen Lynchmorde und Rassenhass. Vierundfünfzig Jahre später trotzten afroamerikanische Schüler in Birmingham, Alabama, Hunden und Wasserwerfern und ließen sich für die Abschaffung diskriminierender Segregationsgesetze ins Gefängnis werfen. Dieses progressive Geschichtsnarrativ wird auch heute, zum Teil von den Parkland-Schülern selbst, in sinnstiftender Absicht bemüht. Sichtlich beeindruckt von einem Treffen mit der schwarzen Bürgerrechtsikone John C. Lewis, der für die Demokraten im US-Repräsentantenhaus sitzt, bemerkte der junge Ryan Deitsch: „Uns wird immer gesagt, dass die Bürgerrechtsbewegung Vergangenheit ist. Das ist nicht wahr. Veränderung geschieht jeden Tag. Wir müssen nur unsere Augen öffnen.“ Amerikanische Medien, die mit Emma González, Ryan Deitsch und ihren Mitstreitern sympathisieren, sind sich einig: hier wächst eine neue amerikanische Bürgerrechtsbewegung heran.

So nachvollziehbar und inspirierend diese Analogie sein mag – sie beruht auf einer selektiven Geschichtswahrnehmung. Wo auch immer wir eine historische Vorläuferin von Emma González zu sehen glauben, finden wir bei näherem Hinsehen auch junge Gegenspieler wie Sarah Merkle. Mit großer Wucht trat dieser Antagonismus 1957 in Little Rock, Arkansas, zutage. Die Stadt im Süden der USA wurde zum Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen, nachdem drei Jahre zuvor der Oberste Gerichtshof die Rassentrennung in Schulen für verfassungswidrig erklärt hatte. Bürgerrechtler feierten den heroischen Mut der neun schwarzen Schüler, die sich unter dem Schutz der Nationalgarde in die integrierte Central High School wagten. Aber auch unter die aufgebrachten weißen Gegendemonstranten mischten sich zahlreiche Jugendliche und Kinder. Zusammen mit ihren Eltern skandierten sie rassistische Parolen wie „Wir gehen nicht mit Negern zur Schule“ und „Rassenmischung ist Kommunismus“. Nicht Menschenverachtung treibt uns an, sollten diese Bilder vermitteln, sondern die ehrliche Sorge um das Wohl unserer Kinder.

Kinder und Jugendliche werden als politische Akteure ethisch überhöht

An diesem Beispiel zeigt sich das heikle Paradox, das unserer modernen Vorstellung von Kindheit innewohnt. Gerade ihre vermeintliche Schwäche ist es, die Kindern als politische Chiffre wie auch als handelnden Akteuren besondere Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit verleiht. Die Soziologin Doris Bühler-Niederberger beschrieb diese Konstellation einmal treffend als die „Macht der Unschuld“. Weil heute aber fast jeder um die nahezu unschlagbare suggestive Kraft weiß, die von Referenzen auf das Kindeswohl ausgehen, ringen unterschiedliche Gruppen, Rechte und Linke, Junge und Alte, um den Besitz dieser Macht.

Das war nicht immer so. Die ethische Überhöhung der Kindheit war das Produkt eines Umdenkens, das im 19. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Durchsetzung des Nationalstaats begann. Der Wert eines Kindes bemaß sich nicht mehr, wie noch in der frühen Neuzeit, primär an ökonomischen Maßstäben. Kinder wandelten sich vom Arbeitsfaktor zu einer Zukunftsinvestition, zu einem sorgsam zu hegenden und kostbaren emotionalen Schatz, der das Überleben der eigenen Nation sichern sollte. Wer sich um die nachfolgende Generation verdient machte, konnte die moralische Autorität auf seiner Seite wähnen.

In extrem polarisierten Gesellschaften dienen Kinder und Jugendliche als moralischer Kompass

Dass Kinder und Jugendliche mittlerweile zu einem einflussreichen Medium moralisch aufgeladener Gesellschaftsprojekte aufgestiegen sind, hat auch mit einer anderen Eigenschaft zu tun, die den jungen Streitern für das Gute und Wahre zugeschrieben wird. In Zeiten extremer Polarisierung strahlt der Mythos der Ganzheit, der die moderne Kindheit umgibt, umso heller. Die Welt der Kleinen mit ihren scheinbar stabilen und übersichtlichen Werten, Regeln und Ordnungen wird zum Zufluchtsort und Gewissensanker für Menschen, die nach Halt in einer sich rasant verändernden und fragmentierten Welt der Großen suchen. Nicht selten verbirgt sich hinter der Idealisierung von Kindern ein zunehmender Verdruss gegenüber gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die entweder als dysfunktional oder hoffnungslos korrupt wahrgenommen werden. Elitenkritik ist der fruchtbare Boden, auf dem Kinderprotest gedeiht. In der Mitte des 19. Jahrhunderts rührte die Freundschaft der todkranken kleinen Eva mit dem Sklaven Tom in Harriet Beecher Stowes Erfolgsroman „Onkel Toms Hütte“ Millionen von Lesern auch deshalb zu Tränen, weil der politische Streit über die Sklaverei die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern verhärtet hatte. Es ist die gleiche Handlungsunfähigkeit des demokratischen Apparates in der Waffenfrage, die zum Frühlingserwachen einer ganzen Generation beiträgt und der „Never Again“-Bewegung moralischen Treibstoff zuführt. Das wissen auch die internetbeflissenen und medienkompetenten Parkland-Schüler. Wo die Erwachsenen versagen, lautete eine populäre Devise des britischen Pfadfindergründers Robert Baden-Powell, schreitet die Jugend voran.

In Wahrheit sind Universalismen wie „die Jugend“ oder „unsere Kinder“ trügerische Konstruktionen. Zwar erheben sie Anspruch auf Allgemeingültigkeit, spiegeln aber zugleich die kulturellen Präferenzen der Menschen wider, die sich diese Universalismen zu eigen machen. Von der Harvard-Historikerin Robin Bernstein stammt die provokante These, dass das westlich-bürgerliche Projekt der Kindheit als Inbegriff der Unschuld und Reinheit von Beginn an „weiß“ kodiert war, und zwar so sehr, dass die mangelnde Empathie für das Leiden von Kindern, die nicht dieser Gruppe angehörten, lange kein Aufsehen erregte. Auf den latenten Rassismus, der in dieser historisch gewachsenen Hierarchie des Mitgefühls schlummert, wiesen vor kurzem noch die Wortführer der „Black Lives Matter“-Bewegung hin. Gefragt nach dem enormen Zuspruch, den die Parkland-Schüler erfahren, reagierte die afroamerikanische Aktivistin Patrisse Cullors leicht gereizt, indem sie die ungleichen Verteilung der öffentlichen Anteilnahme anprangerte. „Warum dürfen Schwarze nicht auch Opfer sein? Das ist die Frage, die wir uns stellen müssen.“

Vor solchen Vorwürfen muss man Emma González, Ryan Deitsch und die abertausenden Schüler, die ihrem Beispiel gefolgt sind, allerdings in Schutz nehmen. In Washington marschierten letzten Sonntag keine weißen Bürgerkinder, sondern ein buntes, inklusives, junges Amerika gegen Tod und Waffenwahn. Sie marschierten, wie ihre Vorfahren in den Jahrhunderten zuvor, für das Recht, als Kinder und Jugendliche sich selbst und ihr eigenes Schicksal definieren zu dürfen. Junge Menschen als politische Akteure ernst zu nehmen, kann vieles heißen. Vor allem aber verlangt es unsere Bereitschaft, ihnen die gleiche Vielfalt an Meinungen und Standpunkten zuzugestehen, die wir bei Erwachsenen ganz selbstverständlich voraussetzen.

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  1. von Markus Müller
    You won´t fool the children of the revolution !