Ist die Klimapolitik blind? 

Die Klimapolitik setzte in den vergangen Jahren auf eindimensionale Lösungsansätze. Nun werden Wundermittel wie Geoengineering ins Gespräch gebracht. Doch wir sollten nur solche Geister rufen, die wir auch kontrollieren können.

Nicholas Goedeking ist Analyst am Energy and Environment Policy Lab der UC Berkeley in Kalifornien. Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt. 

Weder in Kyoto noch in Kopenhagen wurde eine Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen beschlossen. Obwohl es noch zu früh ist, über den Erfolg des Pariser Abkommens zu urteilen, ist der Austritt der USA zu Anfang des Jahres ein Rückschritt. Angesichts dieser holprigen Bilanz drängt sich die Frage auf, ob Entscheidungsträger der internationalen Klimapolitik, auch gerade in Bonn, nicht etwas Grundsätzliches übersehen.
Der Klimawandel stellt uns vor eine enorme strukturelle Herausforderung, weil die Emissionen, die wir abbauen müssen, so vielschichtig mit unserer heutigen Lebensweise verwoben sind. Sie stecken nicht nur in unserem elektrischen Strom sondern tief in unseren Joggingschuhen, unserem Kaffee und unserer Zahnpasta. Schuld ist an diesem Dilemma niemand, aber wir haben alle daran Teil. 

Eindimensionale Lösungsansätze

In den letzten zwei Jahrzehnten sind Regierungen diesem strukturellen Problem mit eher eindimensionalen Lösungsansätzen begegnet. So wurde die Debatte zu klimafreundlichen Technologien und erneuerbaren Energiequellen fast ausschließlich auf Kostenfaktoren reduziert: Es müsste nur der Preis der erneuerbaren Energien genug sinken, dann würde die saubere Energie zum Selbstläufer – Problem gelöst! So die Hoffnung. Internationale Übereinkommen sind ein weiteres Beispiel dieser Denkart: Fast könnte man meinen, Dekarbonisierung sei nicht die eigentliche Herausforderung, sondern lediglich die Konsequenz einer wesentlichen politischen Übereinkunft. 
Regierungen und Bürger gleichermaßen mussten daher schmerzlich erfahren, wie eindimensionale Herangehensweisen sich an komplexen Wirklichkeiten stoßen. So wie der Preis der erneuerbaren Energien nicht „einfach so“ gesunken ist, hat auch die Welt nicht „einfach so“ zu einer Einigung gefunden.
Sind wir ehrlich, sollte uns all dies nicht verwundern. Lernprozesse brauchen Zeit. Die große Gefahr liegt nun gerade darin, dass politische Entscheidungsträger angesichts des steigenden Handlungsdrucks und der hohen politischen und wirtschaftlichen Risiken die Geduld und Umsicht verlieren und sich dazu verleiten lassen, die bisherigen eindimensionalen Strategien durch gefährliche „Wunderlösungen“ zu ersetzen. 

Geoengineering als Ausweg?

Sollten die Klimaziele kollabieren, könnte das sogenannte Geoengineering eine solche verführerische Wunderlösung sein. Geoengineering sähe z. B. vor, Chemikalien in die obere Stratosphäre zu spritzen, die als eine Art Spiegel einfallende Sonnenstrahlung reflektieren würden. Mit weniger Sonnenenergie als dem „Sprit“ des Treibhauseffekts, so die Idee, würde sich das Weltklima künstlich abkühlen. Wie bequem es doch wäre, wenn wir uns um die versteckten Emissionen in unseren Joggingschuhen, unserem Kaffee und unserer Zahnpasta weiterhin nicht zu sorgen bräuchten! 
Die Gefahr ist jedoch, dass die Hoffnung auf dieses neue eindimensionale Allheilmittel wieder an der komplexen Realität zerbrechen könnte – diesmal mit irreparablen Langzeitfolgen. Geoengineering könnte eine dauerhafte Verschiebung der weltweiten Großwetterlage bewirken, landwirtschaftliche Erträge drastisch reduzieren und damit die Ernährungssicherheit gefährden. Es ist dabei noch nicht einmal auszuschließen, dass diese Wunderlösung nach hinten losgeht - durch einen klimatechnischen Rückstoßeffekt. Uns steht schließlich kein Ersatzplanet zur Verfügung, auf dem die Technologie bis zur Anwendungsreife getestet werden könnte. Stattdessen würde unsere Erde zum Labor, uns als menschliche Laborratten mit eingeschlossen. 

Es liegt noch in unserer Hand

Klimabewusste Politiker, Bürger und Aktivisten müssen in den nächsten Jahren daher zügig diese zentrale Frage beantworten: Wie können Lösungsstrategien zu durchdachten Zukunftsvisionen reifen, statt in Wunderwaffen-Hybris abzugleiten? Eine reflektierte Herangehensweise würde Komplexität anerkennen und entsprechend handeln, simple Antworten in Frage stellen und für eine Vielzahl an sektorübergreifenden Maßnahmen plädieren, ohne die Grenzen der eigenen Möglichkeiten aus den Augen zu verlieren. 
Bisher ist die internationale Klimapolitik nicht blinder oder verblendeter gewesen, als es zu erwarten wäre. Es brauchte Zeit, um die strukturelle Natur der Dekarbonisierung zu erkennen. Es liegt noch in unserer Hand, das Klima der Zukunft mit Geduld und Weitblick zu formen. Vor allem aber sollten wir Wundermitteln misstrauen und nur solche Geister rufen, die wir auch kontrollieren können.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Frank Fidorra
    Die Politik scheint tatsächlich blind zu sein, für die Komplexität des Problems.

    Dabei geht es m.E. nicht vorrangig um ein- oder mehrdimensionale Lösungsansätze, sondern vor allem darum, dass die sogenannte Energiewende ein Prozess ist, der uns viele Jahrzehnte beschäftigen wird, also insbesondere viele Legislaturperioden umfassen muss. Bislang sind wenige Politiker in der Lage oder willens, solch lange Prozesse vorauszudenken und zu planen. Das wäre aber genau notwendig, und zwar nicht nur national sondern konzertiert international, zumindest die wichtigsten CO2-Emittenten betreffend.

    Langfristige Planung und internationale Zusammenarbeit - das sind offenbar nicht die typischen Qualifikationen heutiger Politiker.
  2. von Jürgen Fleischer
    An diesem Artikel stört mich, dass der Verfasser davon ausgeht, der Mensch könne dauerhaft das Klima beeinflussen. Wohlgemerkt, es geht nicht um örtliche Wetterbeeinflussung, sondern um die Beeinflussung des Weltklimas.

    Paul
    1. von Barbara Rühmann
      Antwort auf den Beitrag von Jürgen Fleischer 17.11.2017, 15:46:09
      Mich auch.
      Geoengeneering! Dann wären Beben vorprogrammiert.