Islam nicht nur in, auch für Deutschland

Der Islamwissenschaftler Bekim Agai ruft kurz vor der Deutschen Islamkonferenz allen Routinen und Widersprüchen zum Trotz zu weniger Misstrauen auf. Wo jeder der anderen Seite sagt: „Zuerst müsst ihr mal“, da wird sich nichts bewegen. 

Bekim Agai ist Professor und Direktor der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) an der Goethe-Universität Frankfurt / Main.

In der kommenden Woche ist es wieder so weit: Innenminister Seehofer lädt Musliminnen und Muslime unterschiedlicher gesellschaftlicher Felder, Organisationen und Glaubensrichtungen zur Deutschen Islamkonferenz ein, um über das Thema „Muslime in Deutschland - deutsche Muslime“ zu sprechen. Diese Deutsche Islamkonferenz (DIK) wird vom üblichen medialen Echo begleitet werden. Besorgte Bürgerstimmen werden den Kniefall des Innenministers vor dem Islam ausrufen, besorgte muslimische Kreise werden die Teilnahme als Preisgabe des universalen Islams tadeln, der keine nationalen Attribute kenne. Das Spektrum des organisierten Islams wird darauf hinweisen, dass Einzelpersonen nicht repräsentativ sind; die Teilnahme der organisierten Muslime, die ja auch nicht den Islam in Gänze repräsentieren, wird wiederum von Einzelpersonen kritisiert werden, die nicht eingeladen sind. Über alle Teilnehmenden wird dies und das gesagt werden, Label wie liberal und konservativ, türkisch, arabisch, deutsch werden verteilt und mit einem vorangestellten „zu“ versehen.

Das ist wenig erquicklich, wenig aufregend, aber eins zeigt es: dass auch der Islam zu einem normalen Gegenstand der gesellschaftlichen Debatte geworden ist - und am Ende fehlt eigentlich nur noch, dass sich die Muslime zur Nachlese bei „Maischberger“ treffen. Und genau in dieser Routinenhaftigkeit des politischen Alltags in Deutschland werden in Bezug auf den Islam Weichen gestellt, die sich heute oder morgen nicht wesentlich bemerkbar machen, aber die Richtung, in die sich die deutsche Gesellschaft mit ihren Muslimen entwickelt, wesentlich beeinflussen.

Am Ende wird hier nicht über den Islam im Jahr 2019 geredet, sondern über den von 2030. Denn was so unaufgeregt daherkommt, hat es eigentlich in sich. Die Islamkonferenz blieb über alle Ministerwechsel hinweg erhalten - das ist keine Selbstverständlichkeit. Musliminnen und Muslime unterschiedlicher Couleur und gesellschaftlicher Funktionen finden hier zusammen, weil der deutsche Innenminister einlädt. Dies zeigt, dass sich die Muslime Deutschlands auf den staatlichen Bezugsrahmen auch dort verständigen können, wo es innermuslimische Unterschiede gibt.

Muslime in Deutschland organisieren sich immer stärker jenseits der Verbände

Die Islamkonferenz ist in den vergangenen zwölf Jahren zu einer Institution geworden, die Themen um den Islam auf die repräsentative Ebene hebt. Sie stößt Prozesse an, die in Land und Kommune, in Moscheevereinen, Wohlfahrtsträgern, in Behörden, Schulen und Universitäten umgesetzt werden müssen. Dabei steht sie vor der Herausforderung, dass das muslimische Feld immer komplexer wird: Musliminnen und Muslime in Deutschland organisieren sich immer stärker entlang von Themen auch jenseits der Verbände, z. B. im sozialen oder im Bildungssektor. Erwartungen, dass die DIK im Dialog mit den großen Dachverbänden Islamfragen für ganz Deutschland und alle Muslime regeln könne, sind dabei immer schon überzogen gewesen. Dass die DIK nun ohne feste Mitglieder tagt und auch keine Grundsatzdokumente und Erklärungen verfassen soll, nimmt die Pluralisierung des muslimischen Felds auf.

Dennoch hilft die Themensetzung und Diskussion auf Bundesebene dabei, wichtige Themen zu identifizieren, Knackpunkte auszumachen und ein Bewusstsein für die Bearbeitung auf weiteren Ebenen zu schaffen. Themen wie Seelsorge oder islamischer Religionsunterricht wurden hier identifiziert und werden in den Bundesländern (dann hoffentlich) umgesetzt. Hinter dem diesjährigen, behäbig wirkenden Titel „Muslime in Deutschland - deutsche Muslime“ verbirgt sich wohl die Frage danach, wo die Muslime stehen, wie sie sich verorten.

Die zielt natürlich auf muslimische Selbstverständnisse ab, die Frage der Zugehörigkeit, der Bezüge zu anderen Muslimen und Staaten, die der Innenpolitik so viel Kopfzerbrechen machen. In dieser Frage schwingt eine Portion an Misstrauen mit, da man sich scheinbar hier so sicher nicht ist. Doch sie kann auch an den Fragenden zurückgegeben werden: Dürfen Muslime in Deutschland überhaupt muslimische Deutsche sein? Denn wer fordert, dass Muslime sich zu Deutschland bekennen müssen, sollte sich auch zu Deutschlands Muslimen bekennen. Dort, wo jeder der anderen Seite sagt: „Zuerst müssen die mal “, da wird sich nichts bewegen.

Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und Diskriminierung müssen angesprochen werden

Diskussionen über Zugehörigkeit, Imamausbildung, Umgang mit der Ditib - die diesjährige DIK hat Debattenstoff. Zum einen müssen Muslime beantworten, wie sie ihre gesellschaftliche Verortung in den nächsten zehn Jahren ausgestalten möchten. Zum anderen müssen Themen wie Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und Diskriminierung angesprochen werden - also Themen, die darüber entscheiden, ob Muslime ihr Potenzial in die Gesellschaft einbringen können oder nicht. Man wünscht sich, dass Muslime hier nicht nur in die Pflicht genommen werden, sondern auch den Staat in die Pflicht nehmen.

Aber hier offenbart sich eine Schwachstelle, die sich durch alle Formate zieht: Sehen wir von der Grundsatzrede des Ministers und einer städtischen Integrationsbeauftragten ab, findet der „Dialog“ ohne Teilnahme staatlicher Vertreterinnen und Vertreter auf dem Podium statt. Die wäre aber dringend nötig, denn die Realisierung eines Islams in und für Deutschland hängt auch von staatlichen Rahmensetzungen ab, die die Muslime nicht bestimmen. Eine deutsche muslimische Identität, ein Gefühl der Zugehörigkeit entsteht eben nicht im Geist der Muslime allein, sondern ist abhängig von der Annahme und Aufnahme der Muslime auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Dies offenbart das Paradoxon der Islamdebatten. Nur wer angenommen wird, kann zugehörig sein, und nur wer sich auf Deutschland orientiert, kann auch als zugehörig angenommen werden.

Diese doppelte Dimension fehlt in den Formaten, wäre aber doch ein wichtiges Zeichen in Zeiten gewesen, in denen Muslimsein und Deutschsein nicht nur durch die AfD als Gegensätze proklamiert werden. Man kann hier also nur auf die kritischen Fragen der Eingeladenen hoffen, denn die wichtigen Fragen sind identifiziert, zur Lösungsfindung bedarf es aber eben auch der Einbeziehung aller relevanten Akteure in den Folgeformaten.

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