Ich werde mir meinen Traumberuf vielleicht nicht leisten können ​

Psychotherapeuten werden überall gesucht - doch die Ausbildung ist teuer und elitär. Und die angedachte Reform benachteiligt ausgerechnet diejenigen, die sich für Änderungen einsetzen. Das ist absurd.

Anahita Sattarian  (Jahrgang 1995) studiert im Master Psychologie an der Universität Bielefeld und arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft im Bereich der klinischen Psychologie. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich bei einem Sorgentelefon und als Geflüchtetenlotsin. Zurzeit setzt sie sich für bessere Bedingungen bei der Psychotherapieausbildung ein.

Ich erinnere mich noch genau an den Satz, den meine Lehrerin mir damals sagte: „Oh, Psychologie, da hast Du dir aber einen teuren Studiengang ausgesucht“. Sie sollte mit dieser Aussage Recht behalten. Aber ich war entschlossen das Berufsziel der Psychotherapeutin zu erreichen. Ich wollte mich in Zeiten, in denen knapp jede*r Dritte von einer psychischen Erkrankung betroffen ist und gleichzeitig das Bewusstsein für psychische Gesundheit zunimmt, für ebendiese einsetzen.

Um in Deutschland eine Psychologische Psychotherapeutin zu werden, muss ich an das mindestens fünfjährige Psychologiestudium eine mindestens dreijährige Ausbildung anhängen. Ich werde dann zur „PiA“ (Psychotherapeut*in in Ausbildung). Die Ausbildung muss aktuell privat finanziert werden und ist mit Gebühren zwischen 20.000 Euro und 60.000 Euro nicht nur enorm teuer, sondern aufgrund der häufig schlechten Arbeitsbedingungen auch sehr belastend. Obwohl ich als PiA wie eine „fertige“ Therapeutin in der Patientenversorgung eingesetzt werden würde, könnte ich nur das Durchschnittsgehalt von 639 Euro pro Monat erwarten.

Es kommt auf die eigenen Finanzen an - und die Herkunft

Nicht nur deswegen wird bei „PiA“ oft von „Psychotherapeut*in in Ausbeutung“ gesprochen - ohne arbeits- und sozialrechtlichen Status. Angemessene Entlohnung, Urlaub oder Mutterschutz werden während der PiA-Zeit nicht flächendeckend gewährleistet. Dieses seit 20 Jahren bestehende System hat natürlich einen selektiven Effekt; denn um mit diesen Bedingungen klar zu kommen, kommt es nicht auf individuelle Qualifikation, sondern die eigenen Finanzen an. In keinem anderen Ausbildungssystem wird man trotz vollständiger akademischer Ausbildung auf einen Praktikantenstatus zurückgestuft.

Dabei ist bereits der Zugang zum Psychologiestudium für die aktuell 80.000 Psychologiestudierenden in Deutschland ein Nadelöhr. Um Psychologie zu studieren, braucht man im Abischnitt fast flächendeckend eine Eins vorm Komma – damit beginnt bereits die Selektion, da Schulnoten eng mit dem sozioökonomischen und familiären Hintergrund zusammenhängen. Wenig chancengerecht geht es während des Studiums weiter, denn aufgrund einer künstlichen Verknappung von Masterplätzen, herrscht im Bachelor erneut ein Kampf um sehr gute Noten. Nur wer sich erst in und dann durch den Bachelor gekämpft hat und schließlich den Master abschließt, „darf“ zu den beschriebenen Bedingungen die Psychotherapieausbildung beginnen.

Als Migrantin, deren alleinerziehende Mutter Geringverdienerin ist, die keine wohlhabenden Verwandten hat und während des Studiums kein Geld ansparen konnte, müsste ich wahrscheinlich auf die privat finanzierte Ausbildung verzichten. Und nicht wenige Psychologiestudierende verabschieden sich bereits vor oder während des Studiums von der Therapieausbildung. Oftmals nicht aufgrund von mangelnder Leidenschaft für den Berufsweg, sondern fehlender finanzieller Mittel und der Sorge, den jahrelangen Belastungen nicht gewachsen zu sein.

Vollzeit in der Klinik und abends: Nebenjob

Durch die unzureichende Entlohnung kommt bei Psychotherapeut*innen in Ausbildung auch eigener psychischer Stress hinzu. Achtsamkeit, Selbstfürsorge, die Bedeutung von Erholung und Psychohygiene - Facetten, die Patient*innen nähergebracht werden sollen, können während der Ausbildung von vielen schwer gelebt werden. Neben Vollzeittätigkeiten in der Klinik warten nach Feierabend oft noch zusätzliche Nebenjobs, Existenzängste und Wochenendseminare auf die PiA. Und dies in einem Berufsfeld, welches durch regelmäßige Konfrontationen mit schweren Krankheitsbildern ohnehin herausfordert. Wie soll ich zukünftig anderen glaubhaft etwas über die Bedeutung des eigenen Selbstwertes vermitteln, wenn ich während der Ausbildung selbst unter prekären Bedingungen arbeiten muss, weil es an Alternativen für dieses Berufsziel mangelt?

Wer nun also die mindestens acht Jahre bis zum Abschluss der Ausbildung übersteht, hatte im Schnitt ein Einser-Abitur und war jahrelang massiven strukturellen und finanziellen Belastungen ausgesetzt. Ob dies wünschenswerte Eignungsvoraussetzungen sind, lässt sich diskutieren; es handelt sich jedenfalls um eine eher einheitliche Gruppe, die dann die maximal heterogene Gruppe der Patient*innen abdecken soll.

Eine Reform der aktuellen Psychotherapieausbildung ist also mehr als notwendig. Das hat mittlerweile auch unser aktueller Gesundheitsminister Jens Spahn verstanden, denn mit dem unter ihm vorbereiteten Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz sollen die prekären Umstände während der Ausbildung verändert werden. Der Gesetzesentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit geht Donnerstag für die zweite und dritte Lesung in den Bundestag. Mit diesem sollen zukünftige Psychotherapeut*innen ab 2020 ein Psychotherapiestudium absolvieren, an das keine Aus-, sondern eine Weiterbildung mit angemessener Bezahlung angehängt wird. So ist jedenfalls die Argumentation.

Die aktuellen Aussichten für die Reform des Psychotherapeutenausbildungsgesetzes sind aber alles andere als rosig, denn neben der Finanzierungsfrage werden im Gesetzesentwurf zehntausende jetzige Psychologiestudierende sowie Psychotherapeut*innen in Ausbildung vergessen. Ihnen wurde in Spahns Reformplänen eine Vergütung von 1000 Euro versprochen, womit noch immer trotz universitärem Abschluss nicht einmal der Mindestlohn-, geschweige denn die Entgeltgruppe für Psycholog*innen erreicht worden wäre.

Die sich für Reformen eingesetzt haben, sollen leer ausgehen?

Ironisch, dass ausgerechnet diejenigen, die sich jahrelang für Reformen und gegen die aktuell vielerorts herrschenden ausbeuterischen Ausbildungsbedingungen eingesetzt haben, leer ausgehen sollen. Und auch die bundesweit erfolgreiche Petition für faire Übergangsregelungen für Psychologiestudierende und PiA, die mehr als 84.000 Unterstützer*innen fand, wird damit nicht ausreichend beachtet. Es würde sich ein Zweiklassensystem ergeben, in dem einige weiterhin trotz abgeschlossenen Studiums als Praktikant*innen eingestellt und andere angestellt und entlohnt würden.

Wir verdienen einen von Bund und Ländern geregelten Übertritt ins neue Ausbildungssystem, das viele Mängel des alten Gesetzes beheben soll. Hierfür müssen in der Konzeption Finanzierung und notwendige Nachqualifizierungsmöglichkeiten sichergestellt werden, ohne mit einem PiA-Stellenabbau einherzugehen. Es kann nicht sein, dass in den nächsten zwölf Jahren immer noch der Großteil der Kosten der Psychotherapeutenausbildung selbst gestemmt werden müssen und man sich als PiA wegen hoher Ausbildungsgebühren verschuldet.

Meine Lehrerin hatte Recht: Der Studiengang der Psychologie mit anschließender Psychotherapieausbildung ist ein teurer und exklusiver Weg. Und trotzdem sind wir viele, die diese Ausbildung anstreben, oder absolviert haben - mit der Leidenschaft und dem Willen, Menschen durch psychotherapeutische Behandlung zu unterstützen. Dieser Wunsch hat mich zu diesem Studium bewegt und wird mich auch für meinen kommenden Weg prägen, aber der Zugang zu so einem wichtigen Berufsfeld sollte nicht von den finanziellen Ressourcen, sondern der eigenen Eignung und Leistung abhängen.

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