Gesundheit ist viel mehr als Medizin

Berlins Wissenschaft hat viel zum Wohlbefinden der Gesellschaft beizutragen. Aber es kommt auch auf die Patienten an - als Mitspieler im Drama des Lebens.

Detlev Ganten war Gründungsdirektor des Max-DelbrückCentrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch, Vorstandsvorsitzender der Charité und ist Präsident des World Health Summit (www.worldhealthsummit.org).
Ernst Peter Fischer ist Wissenschaftshistoriker und Autor des Buches „Die Charité“, Siedler Verlag 2009.

Am Anfang darf eine Verbeugung stehen: Die „Berlin University Alliance“ (BUA) mit der Freien Universität, der Humboldt-Universität, der Technischen Universität und der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat die Exzellenzstrategie gewonnen. Gemeinsam werden große Herausforderungen bearbeitet. Globale Gesundheit, Global Health, ist ein solches übergreifendes Thema der Zusammenarbeit in der BUA.

Der seit 2009 ausgerichtete World Health Summit hat sich zu einem der wichtigsten internationalen Treffen für globale Gesundheit entwickelt. Es geht darum, wie die Wissenschaft zu den Patienten findet, aber eben auch darüber hinaus zur Gesundheit der Bevölkerung beiträgt - nicht nur in Deutschland, sondern global. Afrika ist einer der Schwerpunkte. Damit die Medizinforschung hier Durchschlagskraft erreicht, sind die Komplementärwissenschaften gefragt, die in einem strategisch angelegten Innovationszentrum Politik-, Sozial-, Geistes-, Kultur-, Geo-, Wirtschafts- und Technikwissenschaften mit der Medizin verknüpfen. Ein universitärer Exzellenzverbund ist für ein solches holistisches Global-Health-Konzept ein guter Ausgangspunkt.

Krankheiten können heute behandelt und zunehmend auch geheilt werden. Gesundheit ist aber viel mehr als Medizin. Gesundheit im globalen Kontext zu verbessern, ist eine wahrhaft große Herausforderung. Die Anwendung hervorragender Wissenschaft und Medizin für die Vorsorge, Prävention und Behandlung sind eine wichtige, aber nicht ausreichende Voraussetzung.

Berlin schafft lokale Voraussetzungen für globale Ambitionen

Der Aufbau effizienter, robuster, interdisziplinärer Strukturen, Partnerschaften und effiziente Governance sind eine Notwendigkeit. Globale Vorhaben müssen lokal und national praktiziert werden, sonst funktioniert das global nicht. Die ehrgeizigen Pläne des Berliner Senats, Berlin zu einer kooperativen Gesundheitsstadt auszubauen, sind eine gute lokale Voraussetzung für globale Ambitionen. Unterstützende Aktivitäten der Bundesregierung sind hilfreich. Gesundheit ist einer der innovativsten und größten Wirtschaftsbereiche. Für manche vielleicht überraschend, aber Bildung ist der wichtigste Faktor für Nachhaltigkeit immer und überall und für die Gesundheit weltweit.

Von der „Berliner Medizin-Schule“ sind in der Vergangenheit wichtige Impulse ausgegangen. Die Wissenschaft war damals wie heute in den Themen und in der Reichweite global und für Wissenschaftler wie Koch, Behring, Ehrlich und Virchow waren Persönlichkeiten wie Pasteur oder Darwin im Geiste immer präsent. Ohne eine Besinnung auf diese große Tradition wäre Berlin nicht die internationale Wissenschaftsstadt, die es heute wieder geworden ist.

Je mehr wir heute den Ursachen von Erkrankungen näherkommen, zeigt sich, dass die Wissenschaften keine Geheimnisse mehr offenlegen, sondern sie bedeutsam vertiefen. Das gilt in besonderem Maße für die Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann das definierte Ziel der „Abwesenheit von Krankheit“ nicht mehr aufrechterhalten, da - bei einer gründlichen molekularen Untersuchung - immer mehr Biomarker auf Risiken hinweisen und „gesund“ und „krank“ keine eindeutigen Kategorien mehr sind. Wenn wir für globale Gesundheit eintreten, müssen wir aber das Ziel kennen.

Patienten sind nicht Objekte sondern Subjekte der Zustandsverbesserung

Patienten werden dieses Ziel eher erreichen, wenn sie sich nicht als Objekte behandeln lassen, nämlich dann, wenn sie als für sich selbst verantwortliche Subjekte zur Verbesserung ihrer eigenen Situation beitragen. Dieser Eigenbeitrag der Gesellschaft und des Einzelnen gehört mit zu der angestrebten Ganzheitlichkeit im Gesundheitswesen, die nur im Wechselspiel von Innen und Außen zustande kommen kann: Der Mensch mit seiner individuellen Biologie in seiner regionalen Umwelt verbunden durch Kultur und den persönlichen Lebensstil. Natürlich muss einem Patienten von außen ärztliche Hilfe zukommen, wenn er verletzt oder erschöpft ist, wenn Funktionen und Organe versagen. Aber Menschen sind Mitspieler im Drama ihres Lebens.

Zu den für das Jahr 2030 anvisierten Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen zählt gute Gesundheit für alle. Berlin hat dabei viel zu bieten und beizutragen. Was gibt es Wichtigeres als Wohlbefinden für den Einzelnen und Gesundheit für die Gesellschaft? Was gibt es Wichtigeres als interdisziplinäre Zusammenarbeit für ein Ziel mit so hohem Anspruch? Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nimmt sich dieses Themas in einer neuen interdisziplinären Arbeitsgruppe an. „Wissenschaft muss Verantwortung übernehmen“ ist der Titel eines Aufsatzes von Mitgliedern des Akademischen Thinktanks „M8 Allianz“, der den World Health Summit in Berlin organisiert und inspiriert hat.

„Global Health“ als Grand Challenge

„Global Health“ als Grand Challenge und übergreifendes Thema für die Exzellenzstrategie über die BUA hinaus passt zur Gesundheitsstadt Berlin - bearbeitet mit der gesamten Berliner Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und den Perspektiven vielfältiger internationaler Kooperationen, der WHO, der Bill & Melinda Gates Foundation, dem Wellcome Trust, Oxford University, der London School of Hygiene and Tropical Medicine, die in Berlin ein Büro eröffnet haben, um am Potenzial der Stadt teilzuhaben. So könnte Berlin zu einem wichtigen Ort für die Entwicklung einer modernen holistischen Sicht auf Gesundheit und Krankheit werden und einen Beitrag leisten zu einem für den Einzelnen und für die Gesellschaft erlebbaren humanen Fortschritt. Alexander von Humboldt hat mit seinem Naturgemälde diese holistische Sicht auf die Erde und auf den Menschen als Erster erkannt, beschrieben und bekannt gemacht, er hätte Freude daran.

Die Entscheidung über die Exzellenzstrategie ist ein ermutigendes Ergebnis und - richtig verstanden - der Beginn einer gemeinsamen Anstrengung. Es wäre wunderbar, wenn Berlin sein beneidenswertes wissenschaftliches und gesellschaftliches Potenzial für dieses noble globale Ziel einsetzt. Die Stadt hat Grund zum Optimismus - eine der Grundlagen für eine gute Gesundheit.

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  1. von Regina Langel
    "Patienten werden dieses Ziel eher erreichen, wenn sie sich nicht als Objekte behandeln lassen, nämlich dann, wenn sie als für sich selbst verantwortliche Subjekte zur Verbesserung ihrer eigenen Situation beitragen. Dieser Eigenbeitrag der Gesellschaft und des Einzelnen gehört mit zu der angestrebten Ganzheitlichkeit im Gesundheitswesen, die nur im Wechselspiel von Innen und Außen zustande kommen kann: Der Mensch mit seiner individuellen Biologie in seiner regionalen Umwelt verbunden durch Kultur und den persönlichen Lebensstil. Natürlich muss einem Patienten von außen ärztliche Hilfe zukommen, wenn er verletzt oder erschöpft ist, wenn Funktionen und Organe versagen. Aber Menschen sind Mitspieler im Drama ihres Lebens"

    Soso, ich kenne da eine Junge Frau, Schlank und Rank, sportlich unterwegs und Ihre Mahlzeiten sind immer Gesund ausgelegt und trotzallem hat sie Augenkrebs bekommen. So ist das. Der Eigenbeitrag dieser jungen Frau hat zu nichts gebracht ausser Ihrer Erkrankung. Und wenn die Umwelt daran Schuld hat, hat sie wohl, was soll man als Patient dann tun? Sich der Umwelt ausschließen? Was heißt das wohl dann? Suizid? So ein Schmarrn habe ich schon lange nicht gelesen. Ja Danke schön gelesen zu haben, das man ja selber Schuld sei, an irgendeiner Erkrankung die man irgendwann bekommt. Arroganz hoch drei.