Fakescience - eine Warnung vor dem Hashtag

Unter dem Hashtag #FakeScience laufen Berichte über sogenannte Raubverlage in der Wissenschaft. Daran stimmt vieles nicht so ganz - zuvorderst der Begriff FakeScience selbst.

 

Arndt Leininger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er forscht zu Wahlen, Wähler*innenverhalten und Volksabstimmungen.

Das Phänomen des "predatory publishing” bezeichnet das Vorgehen pseudowissenschaftlicher Verlage (“Raubverlage”), die  Wissenschaftler*innen die schnelle Publikation ihrer Studien in vermeintlich wissenschaftlichen Fachzeitschriften anbieten. Tatsächlich findet dabei aber das versprochene wissenschaftliche Begutachtungsverfahren nicht statt. So landen auch, aber nicht ausschließlich, nicht abgesicherte Ergebnisse in wertlosen Online-Zeitschriften, die aber von Laien nicht unbedingt von reputierten Fachzeitschriften zu unterscheiden sind.

Im reißerischen Ton der aktuellen Berichterstattung über die Vorgänge geht jedoch leicht unter, dass betroffene Wissenschaftler*meist selbst Opfer der Raubverlage sind und nur eine geringe Zahl an Wissenschaftler*innen betroffen ist.

Zunächst ist schon der Begriff, der offensichtlich eine Abwandlung des Begriffs Fake News ist, problematisch. Dieser mag einmal einmal relativ neutral der Beschreibung bewusst falscher mit manipulativer Absicht in Sozialen Medien geteilten Artikeln gedient haben. Mittlerweile ist er zu einem politischen Schlagwort geworden, das vor allem von Rechtspopulist*innen gegen vermeintliche “Systemmedien” verwandt wird.

Die NDR-, WDR- und Süddeutsche-Zeitung-Journalist*innen hinter der #FakeScience-Recherche würden es sicher ablehnen angesichts weniger meist unbeabsichtigter Fehlinformationen in journalistischen Beiträgen als #FakeNews bezeichnet zu werden. Nun liefern sie mit #FakeScience jedenfalls Impfgegner*innen, Klimawandelskeptiker*innen und anderen Wissenschaftsfeinden ein Stichwort, mit dem sie es sich in ihren Filterblasen aus Misstrauen und Angst bequem einrichten können. Das ist gefährlich, weil die bisherige Berichterstattung zu oberflächlich ausfällt, um das so erzeugte Zerrbild korrigieren zu können.

#JunkScience wäre besser gewesen

Der Begriff #FakeScience impliziert, dass alles bei Raubverlagen publizierte Studien ‘fake’, also falsch, seien. Vieles ist aber ernstgemeinte Forschung, die jedoch mangelhaft, irrelevant oder beides ist. #JunkScience wäre der bessere Hashtag. Manches ist sogar gut, aber ein*e junge*r unerfahrene Nachwuchswissenschaftler*in ist auf einen Raubverlag hereingefallen. So sind die meisten der Erwähnung findenden Wissenschaftler*innen Opfer der Raubverlage, die nichtsahnend Steuergeld für wissenschaftlich wertlose Journals oder Konferenzen ausgeben. Der Begriff #FakeScience schafft hier leider eine missverständliche Tonalität.

Die bisherige Berichterstattung enthält zudem vage Formulierungen wie “viele”“rasant gestiegenen Zahlen” oder “relevante Größe”, jedoch ohne Zahlen zu nennen. Wenn konkrete Zahlen genannt werden, dann ohne relevante Vergleichszahlen. Das sind Kennzeichen betrügerischer Wissenschaft, die die #FakeScience-Recherche eigentlich anprangern will. Eine der wenigen Zahlen, die man der bisherigen Berichterstattung entnehmen kann, ist, dass “mehr als 5000 [deutsche] Wissenschaftler” betroffen seien. Das soll wohl nach viel klingen, aber tatsächlich entspricht dies nur etwas 1,5 Prozent der 393.400 wissenschaftlich Beschäftigten an deutschen Hochschulen und Hochschulkliniken. In dieser Zahl sind Wissenschaftler*innen bei den großen Forschungsgesellschaften, in anderen Instituten und der Privatwirtschaft noch nicht enthalten.

Die Wissenschaftler kennen die Namen der für sie relevanten Fachjournale

Tatsächlich fällt nur ein ganz kleiner Teil der Wissenschaft, und die meisten nur einmal, auf Raubverlage hinein. Noch weniger publizieren bewusst in Raubverlagen. Warum ist dem so? In der Wissenschaft ist die Qualität der Veröffentlichungen noch immer wichtiger als deren Quantität. Vermeintliche Fachzeitschriften aus Raubverlagen genießen keinerlei Reputation in der Wissenschaft. Eine solche Reputation muss über Jahre, ja Jahrzehnte, aufgebaut werden. Wer dennoch in solchen Zeitschriften publiziert erfährt keine Resonanz im Fach und steht in Bewerbungsverfahren bestenfalls als naiv schlimmstenfalls als Betrüger*in da.

Die Existenz tausender sogenannter “predatory journals” mag für Laien unübersichtlich sein, für Wissenschaftler*innen stellt sie kein Problem dar. Für mich als Wahlforscher beispielsweise sind bloß ein bis zwei dutzend Fachzeitschriften relevant, deren Namen ich auswendig weiß. Den meisten Wissenschaftler*innen geht es ähnlich. In ihrem Feld gibt es eine handvoll Top-Journals oder Verlage gibt in denen man nur zu gerne publizieren würde. Daneben gibt es noch einige weitere Publikationsorte, die auch noch sehr gut bis gut sind.

Raubverlage sind weniger Thema als Publikationsdruck oder Drittmittelabhängigkeit 

Warum sollen also Wissenschaftler*innen in vermeintlich großem Stil bei Raubverlagen publizieren? Unter der Überschrift “Warum so viele Forscher auf unseriösem Weg publizieren” verweist der NDR nur vage auf Forschungsförderer wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und lässt unerwähnt, dass die DFG schon seit 2010 die Publikationslisten auf Anträgen begrenzt. Dies tut, sie um den Publikationsdruck, den sich Raubverlage zu Nutze machen, entgegenzuwirken. Neben Publikationsdruck, auch unter dem Stichwort “publish or perish” bekannt, und weiteren Problemlagen wie der sogenannten Replikationskrise, Drittmittelabhängigkeit und unsicheren Karriereperspektiven spielen Raubverlage aber nur eine untergeordnete Rolle. Für die meisten Wissenschaftler*innen sind Anfragen von Raubverlagen nämlich schlicht Spam, ärgerlich aber schnell weggeklickt.

Es fällt auf, dass die namentlich genannten Wissenschaftler*innen vornehmlich aus Disziplinen kommen, die Forschungsgelder aus der Privatwirtschaft erhalten. Die Privatwirtschaft, Medien und Öffentlichkeit kann man mit #FakeScience nämlich leichter täuschen. Auf Publikationen bei Raubverlagen fallen hauptsächlich Personen außerhalb der Wissenschaft herein, auch Journalist*innen. Welche Zeitung hat nicht schon mal über offensichtlich hanebüchene Studien im Panorama- oder, schlimmer, Wissenschaftsteil berichtet?

Das SZ Magazin berichtet über einen solchen Fall. Eine von Fachleuten leicht als haltlos erkennbare Studie in einem “predatory journal” gelangte über die Nachrichtenagentur AFP auch in die SZ und andere Qualitätsmedien. Das liegt nicht an Raubverlagen, sondern daran, dass Journalist*innen nicht bei Wissenschaftler*innen nachfragen, ob die zu berichtende Studie seriös ist. Oft ist der Zeitdruck schuld, manchmal ist aber vielleicht auch die Geschichte zu gut als dass man sie durch weiteres Nachfragen kaputt machen möchte. Auf der Wissenschaftsjournalismuskonferenz Scicar letztes Jahr berichtete ein Journalist von einer Redaktionskonferenz. Als er dort darauf hinwies, dass eine in der Konferenz diskutierte Studie nicht seriös sei, entschied der Chefredakteur: Dann veröffentlichen wir sie halt im Panorama-Teil.

Zuspitzung dient der Auflagensteigerung und, ja auch, der Skandalisierung gesellschaftlicher Problemlagen. Das sollte nun erreicht sein. Es wird dringend Zeit, dass jetzt differenzierter, hintergründiger und unaufgeregter berichtet wird. Was sonst am Ende übrig bleibt ist im Zweifel der Schaden an der Wissenschaft, frei nach dem Motto: “Glaube keiner Statistik… .” Hier sind auch wir Wissenschaftler*innen gefordert: wir müssen bereitwilliger und auch eigeninitiativ Bereit stehen, um zu erklären und einzuordnen. Denn sonst wird nicht mit uns gesprochen, sondern nur über uns berichtet.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Jürgen Link
    Zitat: "......betroffene Wissenschaftler*meist selbst Opfer d.r Raubverlage sind .."

    Das kann bezweifelt werden! Informierte Wissenschaftler, und ein Wissenschaftler ist informiert, wenn er Wissenschaftler sein will. kennen den Wert, den Zeitschriften in der Wissenschaftsgemeinschaft haben, wie ja auch im Artikel ausgeführt.

    Zumindest in Medizin und Naturwissenschaften kann er sich ACdarüber auch an Hand von Impact Faktoren schnell informieren.

    Wenn er trotzdem in einer unseriösen Zeitung publiziert, ist davon auszugehen, dass er weiß, was er tut.

    PS: Übrigens nur zur Klarstellung: Es gibt sehr renommierte Online-Zeitschriften und längst nicht jede Online Publikation ist "Fake".
    Außerdem gibt es auch unter den "wissenschaftlichen" Print Zeitschriften bzw. Verlagen ausgesprochen unseriöse Exemplare, z. B. solche, die von Konzernen finanziert werden und folglich nur drucken, was den Konzernen passt. Kommt bei Medizin-Publikationen nicht so selten vor.