Es lebe der kostenlose ÖPNV!

Kaum hat die geschäftsführende Bundesregierung mal eine gute Idee, kommen die Bedenkenträger an und präsentieren ihre Totschlagargumente. Die sind aber falsch.

Dr. Franz Alt ist Philosoph, Journalist und Publizist. Bekannt wurde er als Moderator der Sendungen "Report" (ARD, 1972-1992), "Querdenker" und "Grenzen-los" (beide 3sat). Mehr von Franz Alt auf seiner Homepage.

Kaum diskutiert die Bundesregierung eine neue zukunftseisende, ökologisch interessante und sozial fortschrittliche Idee, schlägt die Stunde der ewigen Bedenkenträger. Kostenloser Öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV) – wer soll das denn bezahlen? Wie sollen die Kosten zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt werden? Kann der Öffentliche Nahverkehr überhaupt noch ausgebaut werden ohne überlastet zu sein?

Die Zahl der Pendler und die Länge der Staus steigt.

Lauter Totschlagargumente! Kostenloser Öffentlicher Nahverkehr bietet die große Chance, rasch die schlimmsten Auswüchse der katastrophalen Verkehrssituation hierzulande zu entschärfen. Hauptsächlich im Verkehrsbereich verfehlt Deutschland seine Klimaschutzziele. 2018 verursachen vor allem der PKW-Verkehr und die noch immer wachsende LKW-Dichte weit mehr CO2-Emissionen als 1990. Versprochen war, dass es bis 2020 weit weniger werden. 2017 standen die Autofahrer hierzulande häufiger im Stau als je zuvor – insgesamt 52 Lebensjahre. Das waren 245 Milliarden Schäden für die deutsche Volkswirtschaft. Die Zahl der Pendler steigt ständig. Heute gibt es dreimal mehr  Wochenendpendler als noch im Jahr 2000. Ist Autofahren denn gar nicht heilbar?

Die Idee mit dem Gratis-ÖPNV ist richtig!

Doch! Die Idee der amtierenden Bundesregierung ist gut und richtig. Minister aus CDU/CSU und SPD (Altmaier, Schmidt und Hendricks) haben parteiübergreifend der EU den Vorschlag eines kostenlosen ÖPNV unterbreitet, um die Luftqualität in deutschen Städten zu verbessern. Einem Land, das so mobil sein muss wie das Industrieland Deutschland, fehlte bisher jede geistige Mobilität für Alternativen zum bestehenden Chaos. Jetzt ist endlich politischer Wille zur Veränderung gefragt und siehe da - die Bundesregierung kann noch handeln, wenn auch erst auf Druck aus Brüssel.  

Dieselprivileg und Entfernungspauschale streichen - dann hat man Geld für das Projekt.

Und die Gegenfrage „Wer soll das bezahlen?“ ist leicht zu beantworten. Nach Berechnungen des Umweltdachverbands „Deutschen Naturschutzring“  (DNR) würde allein die Streichung des Dieselprivilegs bei der Mineralölsteuer jedes Jahr sieben Milliarden Euro in die Staatskassen spülen. Die Streichung der Entfernungspauschale brächte fünf Milliarden Euro. Durch den bisherigen Ticketverkauf beim ÖPNV wurden pro Jahr lediglich sechs Milliarden Euro eingenommen, die zu ersetzen wären, so der DNR. Der vorgeschlagene Umbau der Finanzierung ist sozial gerecht, ökologisch hilfreich und finanzierbar.

Die alleinerziehende Krankenschwester, die keine Entfernungspauschale geltend machen kann, weil sie gar kein Auto besitzt, würde entlastet. Während die Liebhaber großer Dreckschleudern zur Kasse gebeten würden. Die Gesundheit aller Menschen würde besser geschützt. Die Klimaziele der Bundesregierung würden eher erreicht und die Mobilität aller würde entspannter.

81 Prozent der Menschen in Deutschland halten die Verkehrswende für nötig!

Deutschland braucht eine Offensive für den ÖPNV. Eine andere Politik ist möglich. Autofahren ist heilbar. 81 Prozent der Deutschen halten eine Verkehrswende für dringend nötig. Immer mehr Menschen, immer mehr Autos und zu wenig Platz. Zu viele Autos stören einfach. Wir müssen Verkehr neu denken. Es ist bisher hauptsächlich der politische Wille, der im Stau steckt. Immer mehr Autos bedeuten mehr Stress, weniger Freizeit und schlechtere Gesundheit.

In den Nachrichten hören wir jetzt ständig, es drohen Fahrverbote. Wir wäre es denn mal mit der Nachricht, es „droht“ bessere Luft?

11 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Apu Veetsogito
    oder gleich ne Abwrackpramie von Auto auf Fahrad Lastenrad oder Monatskarte. es gibt noch viele Möglichkeiten.
  2. von Apu Veetsogito
    Noch besser wär´s natürlich von jedem Fahrzeughalter eine Quittung für ein Neufahrrad gegen ein ÖPNV Zeitticket einzulösen. Dann könnte dieser mal neue Perspektiven entdecken
  3. von Apu Veetsogito
    Warum nicht mit der Zulassung von ner Blechkiste ein Monatsticket ausstellen ? Wenn die Verkehrsbetriebe befürchten das nur die Fußganger und Fahradfahrer umsteigen.
    Dann können die Autobesitzer ihre Kisten auch ordentlich parken und mal stehenlasssen. Wenn ich mal micht mit dem Fahrad unterwegs bin zahle ich gerne auch mal für Bahn oder sogar Taxi
  4. von Theodor König
    Der Artikel ist gut - nur lassen Sie bitte die arme alleinerziehende Krankenschwester weg, "die keine Entfernungspauschale geltend machen kann, weil sie gar kein Atuo bestzt." Dieser Anteil des Beitrags ist Unsinn.

    Die Entfernungspauschale kann JEDER geltend machen, ob er zu Fuß geht, das Fahrrad oder das Auto benutzt oder eben den Nah- und Fernverkehr. Diese Errungenschaft wurde auf Betreiben der Grünen 2001 durchgesetzt. Schon damals sollte die Pauschale nicht nur den Autofahrern zugute kommen, sondern sie sollte den Verkehr auch auf den Öffentlichen PNV, ja sogar auf den Fernverkehr "umleiten". Ein steuerlicher Anreiz, das Auto zu benutzen, sollte durch die Pauschale für alle wegfallen.
  5. von Harald Mertes
    -2-

    So hat ein kleiner Zoo in meiner Umgebung für "Investitionen" die Preise angehoben. Die Anzahl der Besucher ging zurück. Jetzt hat er mit höheren Eintrittspreisen weniger Einnahmen. Toll. So manche überzeugend daher kommende Berechnung entpuppt sich halt dann einfach als Milchmädchenrechnung.

    Warum kaufen die Leute für viel Geld ein Auto? Weil es lustig ist, im Stau zu stehen? Oder weil der bestehende und schon jetzt hoch subventionierte ÖPNV einfach kein attraktives Angebot darsteltt? Anstatt den Bürger einfach für dumm zu erklären, sollte man sich mal Gedanken machen, warum der ÖPNV oftmals verschmäht wird. Mangelnder Service und eine mangelnde öffentliche Sicherheit ist halt auch ein Faktor: lieber mehr bezahlen, als mit den Gedudel aus den Kopfhörern zweier Mitfahrer, dem Dönergestank eines Dritten belastigt, oder gar angepöbelt, zusammengeschlagen oder vergewaltigt zu werden. Ob diese Ängste berechtigt, real oder nur von den Betroffenen so gefühlt werden, der als "kostenlos" suggerierte ÖPNV verjagt diese Ängste nicht.

    Die Idee ist nicht neu. Und man hat weniger die Autofahrer zum ÖPNV bekehrt als die Radfahrer und Fußgänger, was ökologisch ein Rückschritt bedeutete. Weder wuchtet der Handwerker auf dem Weg zum Kunden 100 kg Werkzeug noch die Familie ihren Wocheneinkauf samt der Bierkästen in die Bahn. Dafür fuhren z.B. in Portland immer häufiger Drogendealer mit, um dort ihren Geschäfte nachzugehen. Finanzierungsprobleme gab es dann auch, wie auch in Hasselt. Die Systeme sind allesamt gescheitert. Letzten Endes auch daran, dass den ÖPNV-Betreibern jeder wirtschaftliche Anreiz genommen wird, einen guten und effizienten Service zu bieten. Und so werden die Kosten explodieren. Der Bürger wird der Dumme sein und für diese Ineffizienz zahlen müssen. Dann bezahle ich lieber meinen Fahrschein und kann dafür eine Gegenleistung erwarten.
  6. von Harald Mertes
    "Die Experten, oder diejenigen, die sich dafür halten!", pflegte mein Lateinlehrer immer zu sagen. Daran muss ich bis heute denken, wenn ich für komplexe Probleme einfache Lösungen offeriert bekomme wie in diesem Artikel.

    Zum einen gibt es kostenlosen Nahverkehr nur, wenn Busfahrer wie die Monbteuer in den Werkstätten ohne Lohn arbeiten, die Betriebsmittel wie Kraftstoffe und Ersatzteile gratis geleifert werden wie die Busse und Bahnen selbst. Also es gibt keinen kostenlosen Nahverkehr. Punkt.

    Damit geht es nur um die Frage, ob die Nutzer der Bahnen einen fairen Anteil entrichten, oder ob man hauptsächlich die Nichtnutzer mit den Kosten belastet. Das ist eine einfache Frage der Gerechtigkeit.

    Und da werden fleißig Falschinformationen und einfache Behauptungen gestreut, um die Sache attraktiv erscheinen zu lassen:

    Beispiel 1: "Die alleinerziehende Krankenschwester, die keine Entfernungspauschale geltend machen kann, weil sie gar kein Auto besitzt, würde entlastet." Natürlich kann die Krankenschwester ohne Auto die Entfernungspauschale geltend machen, denn die kann unabhängig davon geltend gemacht werden, welches Verkehrsmittel benutzt wurde, und ob überhaupt Kosten entstanden sind. Also eine glatte Lüge des Autors.

    Beispiel 2: "... allein die Streichung des Dieselprivilegs bei der Mineralölsteuer jedes Jahr sieben Milliarden Euro in die Staatskassen spülen." Abgesehen davon, dass Diesel auch hoch besteuert wird, Dieselfahrzeuge mit einer noch höheren Kfz.-Steuer belastet werden, von einem Privileg also keine Rede sein kann, muss man mit mit Ausweichreaktionen rechnen. Schon jetzt gibt es Tanktourismus. Je größer die Preisdifferenzen werden, desto eher lohnt es sich. Schon jetzt donnert so mancher LKW von Frankreich oder Luxemburg bis nach Polen durch. Außer Feinstaub, verstopften Straßen und Stickoxiden haben wir gar nichts. Die Anzahl wird zunehmen. Ob dann wirklich 7 Mrd. Mehreinnahme da stehen, das wird sehr die Frage sein.

    Foirtsetzung folgt.
  7. von X Violett
    Kostenloser Nahverkehr ist in mehrfacher Hinsicht DIE Idee, gleich eine ganze Reihe von Problemen anzugehen. Und die komische Seite: die Idee ist geboren worden, um zu vermeiden, dass die fossilen Dreckschleudern zu Fahrverboten führen. Da führt die Fürsorge für diese Dreckschleudern geradezu zur Entlastung der Atmosphäre!

    Übrigens ist diese Idee die erste und allereinzige grundlegende Idee, die die Verhandler bei ihren monatelangen Mauscheleien nun tatsächlich am Schluß ausbrüten konnten.

    Vielleicht gibt es ja noch weitere gute und grundlegende Ideen - eigentlich sollten dafür die Jugendorganisationen der Parteien mit ihren jungen ausgeruhten Gehirnen berufen sein.

    Wir warten...
  8. von Christoph Hensel
    Schöner Kommentar von Jemandem, der im Innenstadtring wohnt. Würden Sie am Rand, oder sogar hinter dem BAB Ring wohnen kämen sie nie auf die Idee so etwas zu schreiben, weil das Leben eben Anders ist, als wie sie es sich vorstellen.
  9. von Tumtrah Sberk
    Grundsätzlich ist der ticketlose ÖPNV als Idee zu begrüßen.
    Bevor aber diese Überlegungen greifen können, Sollte zuvor für Berlin ein in die Zukunft weisender Generalplan erarbeitet werden.
    Mehr Schienenverkehr bei Ausbau es Schienennetzes. Zurückbau der M-Bus-Linien.
    Einsatz von Kurzstreckenbussen mit Elektroantrieb.
    Neben dem S-bahnring müsste auch ein zweiter und dritter Ring eingeplant sein, der die Erweiterung der Stadt im Auge hat.
    Dasgeht nicht von jetzt auf nachher.
    Deshalb langfristige Planung. Wobei die Erstellung des BER ken Vorbild sein sollte.
  10. von Paul Schneider
    Die Idee ist endich mal eine gute!!!
    Die Kosten sind natürlich zu stemmen, wir schaffen es ja auch wahnsinnige Autobahnen zu bauen und zu warten, und außerdem kann es bei dem Thema nicht um Kosten gehen, unser Klima ist unbezahlbar, damit tun wir allen ein Gefallen.