Die Krise der Natur und der Naturkundemuseen

Der Brand im Nationalmuseum in Rio de Janeiro ist eine unermessliche Tragödie für Brasilien.  Was viele aber nicht bedenken: Es ist auch ein Verlust für die gesamte Menschheit.

Johannes Vogel ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, Leibniz Institut für Biodiversitäts- und Evolutionsforschung  und Professor für Biodiversität und Wissenschaftsdialog an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Meine Gedanken sind seit Tagen bei den Beschäftigten des Museu Nacional da Universidade Federal do Rio de Janeiro, die ihr Museum und all seine Schätze durch ein verheerendes Feuer am Abend des 3. Septembers verloren haben. Mehr als 20 Millionen Sammlungsstücke gingen in Flammen auf, der größte Teil davon naturkundliche Objekte, vom Dinosaurier bis zur Kieselalge. Die tiefe Verbundenheit und das Verantwortungsgefühl  von Museumsmitarbeiterinnen und - mitarbeitern mit ihren Institutionen und Sammlungen lassen sich nicht einfach in Worte fassen, sondern manifestieren sich oft in außergewöhnlichen Taten. Während der Bombenangriffe auf Berlin im Zweiten Weltkrieg haben beispielsweise Beschäftigte unseres Naturkundemuseums Feuerwache gehalten und Brandbomben vom Dach geworfen, um Brände zu verhindern. Dabei haben sie gleichzeitig ihr eigenes Leben riskiert. Ich bin sicher, dass auch noch heute Kuratorinnen und Kuratoren in vielen Institutionen weltweit ähnliche Heldentaten vollbringen würden, wenn sie mit einer ähnlichen Situation konfrontiert wären. Leider, oder zum Glück, waren am Sonntagabend, als das Feuer ausbrach, keine Menschen im Museum in Rio de Janeiro. Das Gebäude und die einzigartige Sammlungen sind verloren, aber ohne Verlust oder Schaden für Menschenleben. Dennoch ist dieser Brand eine unermessliche, traurige Tragödie für Brasilien und die gesamte Menschheit. Brasilien, so scheint es, hat ein großes Stück seiner Geschichte, seiner nationalen Identität, seines Wissens über Natur verloren.

Von Deutschland aus kann man diesen Verlust kultureller und naturkundlicher Objekte und Artefakte nicht wirklich einschätzen, aber die erst 2017 erschienene, wunderschöne Broschüre zum 200. Jubiläum des Museums gibt einen faszinierenden Einblick in diese umfassende nationale brasilianische Sammlung. Jetzt ist die Broschüre zu einer Trauerrede mutiert – was für eine Tragödie. 

Institutionen, die die Natur sammeln und erforschen, werden vernachlässigt

Der vernichtende Feuersturm  wurde zum Teil durch fehlende Mittel für Infrastruktur und Instandhaltung verursacht - ein Schicksal, das dieser Palast von 1818 mit vielen Institutionen ähnlichen Alters auf der ganzen Welt teilt - sowohl in der entwickelten Welt als auch in den Schwellenländern. Im Jahr 2018 wird die Natur als selbstverständlich angesehen und Institutionen, die die Natur sammeln und erforschen, werden vernachlässigt. Der Respekt, den unsere Vorfahren hatten, zeigt sich in den von ihnen gegründeten großen Naturkundemuseen in London und Berlin. Sie sind heute unterfinanziert und können daher ihr Potenzial nicht entfalten. Doch ihre Sammlungen und ihre wissenschaftliche und öffentliche Arbeit könnten den Menschen helfen, verantwortungsbewusst zu leben und auf diesem Planeten zu überleben.

Brasilien ist das artenreichste Land der Erde. Der Amazonas ist eine der sogenannten Lungen unseres Planeten. Wir müssen dieses einzigartige Naturerbe verstehen, schützen und verwalten, um die Sicherheit des Klimas und der biologischen Vielfalt unseres Planeten zu gewährleisten. Der Amazonas und andere Naturräume in der Welt werden zerstört, oft durch Feuer  um menschliche Bedürfnisse und Gier zu stillen. Der Regenwald brennt für Rinder oder Soja, oft für die internationalen Märkte, die Natur wird mit rasanter Geschwindigkeit zerstört.  Die Fähigkeit Brasiliens, seine einzigartige Natur verantwortlich und nachhaltig zu bewirtschaften, wird durch den Verlust von Sammlungen, des einzigartigen Archivs der (Natur-) Geschichte, stark eingeschränkt.

Das Naturkundesmuseum gehört zu den bedeutendsten der Welt

Das Studium der Natur und der biologischen Vielfalt ist einer der schönsten Berufe der Welt. Der Erwerb von Wissen über die Natur ist ein Teamsport mit vielen Spielern; er nutzt Satellitendaten, Modellierung, Bodenbeobachtung, Bürgerkunde und Sammlungswissenschaft. Diese Sammlungen werden hauptsächlich in Museen aufbewahrt und kuratiert. So erforschen wir die Biodiversität und immense Vielfalt des Lebens und entdecken neue Arten. Wir erfüllen damit die Hauptaufgaben von Naturkundemuseen, nämlich die Natur zu entdecken und zu beschreiben sowie den Menschen für Natur zu begeistern. Unsere Sammlungen sind der Schlüssel zum menschlichen Wissen über die Natur. Diese naturkundlichen Sammlungen stellen eine weltweit verteilte, wissenschaftliche Infrastruktur mit zwei bis drei Milliarden dokumentierten Objekten dar. Sie wurde in den letzten 400 Jahren von Zehntausenden von Menschen gesammelt, beschrieben und geordnet. Die Sammlung des Naturkundemuseums in Berlin gehört zu dieser internationalen Infrastruktur. Mehr noch, sie gehört zu den bedeutendsten Sammlungen der Welt – 10 Prozent aller weltweit bekannten Arten sind hier beschrieben und als Typen hinterlegt – seit 1810, heute untergebracht in Gebäuden von 1889 und 1917. Objekte von Alexander von Humboldt, Charles Darwin und Adelbert von Chamisso sind bei uns - im Herzen Berlins.

Naturkundliche Sammlungen zeugen von der Kraft der Aufklärung und sie sind vernetzt. Die Expertise für bestimmte Organismengruppen ist, gerade auch wegen der immensen Vielfalt des Lebens, auf verschiedene Institutionen weltweit verteilt und wir leihen uns seit jeher wechselseitig Objekte für Forschung aus. Mit diesem Brand in Brasilien hat also auch das Museum für Naturkunde Berlin, wie viele andere, unwiederbringlich Sammlungsobjekte verloren. Von uns waren rund 400 Käfer, Spinnen und Fliegen an das Nationalmuseum in Rio de Janeiro ausgeliehen und sind in diesem Inferno mitverbrannt. Einige von ihnen sind die Originaltypen, die hinterlegt wurden, als die Art erstmals für die Wissenschaft beschrieben wurde. Alle in Rio verbrannten Exemplare sind unersetzlich. Sie waren einzigartige Objekte, die uns geholfen haben, unsere Welt zu verstehen, zu vermessen und nachhaltig zu entwickeln.  

Das Wissen über die Natur muss sicher bewahrt werden

Die biologische Vielfalt war und ist der Schlüssel zu einem guten Leben für die Menschen auf diesem Planeten, sie sind das Unterpfand für eine nachhaltige Bioökonomie. Obwohl wir alle von der Natur abhängig sind, scheinen wir dennoch ihre Bedeutung für unser eigenes Wohlbefinden und unsere Zukunft nicht zu verstehen. Wir verbrennen die Natur und wir unternehmen zu wenig, um unser Wissen über die Natur sicher zu bewahren. Dies ist eine neue Dimension der sich beschleunigenden Zerstörung.

Die Zeit für tiefgreifende Veränderungen ist gekommen. Naturkundliche Sammlungen, das Erbe der Menschheit, von Hamburg über Halle bis nach Berlin benötigen deutlich mehr Unterstützung als sie derzeit bekommen. Als Nationales Deutsches Naturkundemuseum dient das Museum für Naturkunde Berlin seit über 200 Jahren seinen Besucherinnen und Besuchern und der globalen Wissenschaft. Mit über 30 Millionen einmaliger Objekte, von riesigen Dinosauriern zu mikroskopisch kleinen Kieselalgen zählen wir, im Herzen Berlins und Deutschlands, zu den sechs bedeutendsten Sammlungen für Natur. Es gibt in Berlin viel zu tun. Nach einem 90 jährigem Stillstand haben wir seit 2007 dank kräftiger Unterstützung des Landes Berlin und des Bundes bereits 30 Prozent der riesigen, und im Krieg stark beschädigten Liegenschaft renoviert und konnten somit wichtige Teile unserer Sammlung sichern. Ich will nicht, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Berliner Naturkundemuseums sich zu Heldentaten genötigt fühlen müssen, um wie im zweiten Weltkrieg mit ihrem persönlichen Einsatz unser Haus vor Feuer zu retten. Nein, es muss jetzt eine Anstrengung aller Partner geben, von den Parlamenten über die Regierungen bis zur Gesellschaft, unser einmaliges und global wichtiges Erbe, das Erbe Alexander von Humboldts, zu sichern, zu bewahren und zu entwickeln – für die Zukunft der Menschheit. Um unser Museumsgebäude zu renovieren und auskömmlich zu finanzieren, nach fast einem Jahrhundert von Zerstörung und Stillstand, braucht es Bewegung, Geld und Willen. Jetzt, denn wir stehen mit einem Zukunftsplan bereit! Wie viel und was wird gebraucht?  Viel ist es nicht, wenn man es mit dem vergleicht, was auf dem Spiel steht. Zwanzig Euro pro Sammlungsstück für die Infrastruktur und zwei Euro pro Sammlungsstück als auskömmliche Grundfinanzierung reichen, um die Zukunft eines einmaligen Naturkundemuseums und einer Weltklasseinstitution zu sichern. Der Bundestag, das Abgeordnetenhaus, Bundes- und Landesregierung, die Gesellschaft, wir alle können jetzt ein Zeichen setzen – für Natur.

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