Die Gefahren des "Party-Patriotismus"

Die Fußball Weltmeisterschaft bringt eine allgemeine Deutschlandbegeisterung mit sich. Doch die Grenze zum Nationalismus kann schnell verschwimmen.

Ricarda Lang und Max Lucks sind Bundessprecherin und -sprecher bei der Grünen Jugend.

Deutschland ist im Deutschlandfieber: Auch dieses Jahr erleben wir wieder wie Balkone, Autos und Gesichter mit Deutschlandflaggen geschmückt werden. Spaß an Sport ist super, allerdings steht hier oft nicht die Begeisterung für Fußball im Mittelpunkt, sondern der Wunsch, die Zugehörigkeit zur Nation zu demonstrieren. 
Dabei ist klar, Patriotismus ist nicht gleich Nationalismus. Doch die Grenzen sind oft fließend und es ist wichtig, zu hinterfragen, welche Konsequenzen „Party-Patriotismus“ hat. Es geht nicht darum, jeden der sich eine Deutschlandflagge ans Auto hängt zum Nationalisten zu erklären oder diese zu verbieten. Sondern darum wie der Gebrauch von nationalen Symbolen in ihrer Masse zu einer Stimmung beiträgt, die eine Aufwertung eines nationalen „Wir“ und die Abwertung „der Anderen“, die nicht zum Kollektiv gezählt werden, normalisiert.

Antidemokratische und menschenfeindliche Einstellungen haben durch den sogenannten "Party-Patriotismus" zugenommen

Diese Stimmung gibt nationalistischen Kräften Rückenwind, da sie sich in ihrem Anliegen bestätigt fühlen und die Situation nutzen, um für ihre Ungleichwertigkeitsideologie zu werben. Insbesondere das Motiv „dass wir nun endlich wieder stolz auf unser Land sein können“ wurde von den Rechten massiv instrumentalisiert und hat sie gestärkt. 
Auch die Sozialpsychologin Dagmar Schediwy, die während verschiedenen nationalen Fußballgroßereignissen Interviews mit Fanmeilenbesucher*innen durchführte, belegt, dass für einen Großteil der Fußballfans das „öffentliche Bekenntnis zum eigenen Deutschsein“ die Hauptmotivation für das Tragen von Deutschland-Accessoires und Flaggen darstellte. Und der Soziologe Wilhelm Heitmeyer zeigte mit seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“, die die Entwicklung von Vorurteilen gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere Minderheiten, von 2002 bis 2011 untersuchte, dass der sogenannte „Party-Patriotismus“  zu einer Zunahme von antidemokratischen, rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen beitrug.

Kritische Äußerungen an dem Deutschlandfieber werden mit Hass- und Drohkommentaren überzogen

Dass das Deutschlandfieber eben nicht harmlos ist, bekommt auch jeder schnell zu spüren, der sich kritisch dazu äußert. Wer hinterfragt, ob „Party-Patriotismus“ tatsächlich vollkommen entspannt ist, gilt als Nestbeschmutzer und muss mit Unmengen an menschenverachtenden Kommentaren und Gewaltdrohungen rechnen. Schon vor zwei Jahren zur Europameisterschaft 2016 bekamen wir in den sozialen Medien, aber auch per Mail oder Post, zahlreiche Hasskommentare und Bedrohungen von Menschen, die sich offensichtlich in ihrem nationalen Stolz verletzt fühlten und diesen nun mit allen Mitteln verteidigen wollten. Und auch in diesem Jahr erhielten wir, bereits bevor wir uns überhaupt zum Thema geäußert hatten, Nachrichten von anonymen Accounts auf Twitter, in denen Menschen zunächst klar stellen, dass sie natürlich keine Nationalisten sind, um uns im nächsten Satz zu wünschen, dass wir wegen unserer Kritik am „Party-Patriotismus“ im Mittelmeer ertrinken. Das wirkt schon fast wie Satire. Doch es ist ein Zeichen für die Verrohung und Entgrenzung der politischen Debatte. Wenn es nicht mehr möglich ist, ohne Angst vor Todesdrohungen eine kritische Diskussion über Patriotismus und Nationalstolz zu führen, haben wir ein Problem.

In Zeiten des Rechtsdrucks braucht es eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalstolz und Patriotismus

Oft wird auch behauptet, dass durch das Tragen der Deutschlandflagge vor allem der positive Bezug auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zum Ausdruck gebracht werden soll. Doch Demokratie ist für uns ein universeller Wert, den es global zu erkämpfen gilt, und nicht die Quelle für nationalen Stolz. 
Wir befinden uns am Scheideweg. Es geht um nicht weniger als die Frage, ob die pluralistische Demokratie eine Zukunft hat. Während Rechtsextreme an Macht gewinnen und konservative Parteien ihnen nach dem Mund reden, gerät die Idee der universellen Freiheit und Gleichheit aller Menschen in Vergessenheit. Gleichzeitig wird der Fokus aufs Nationale für immer mehr Menschen zur attraktiven Alternative zu transnationalem Handeln und gemeinsamen europäischen Lösungen.  Dem müssen wir uns entgegen stellen: für universelle Menschenrechte und eine global ausgerichtete Politik kämpfen. Dazu gehört gerade in Zeiten des Rechtsrucks auch eine kritische Auseinandersetzung mit Nationalstolz und Patriotismus.

Regenbogenflagge statt Deutschlandflagge

Die Vorstellung, dass es beim Fahnenschwenken vor allem um ein Zeichen der Demokratie ginge, wird zur Farce, wenn zeitgleich die Angriffe auf Menschenrechte, auf demokratische Grundprinzipien und die Freiheit der Presse im Austragungsland Russland ignoriert werden. Wer sich während der WM für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stark machen möchte, kann das viel eher durch die Unterstützung von Menschenrechts- und LGBT-Aktivist*innen in Russland tun, und in diesem Jahr vielleicht einfach mal die Regenbogenflagge zur Hand nehmen.

 

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