Deutschland und Frankreich müssen Vorreiter im Bereich Künstliche Intelligenz werden

Der 55. Jahrestag des Elysee-Vertrags ist der optimale Zeitpunkt, um eine europäische KI-Revolution unter deutsch-französischer Führung auszulösen. Für diesen Transformationsprozess braucht es Macrons Ambitionen und Merkels Führungsstärke.

von Rüdiger Lentz, Geschäftsführer des Aspen Institute Deutschland, und Ioanna Kohler, Geschäftsführerin des Aspen Institute France.

Der Wettlauf im Bereich der Künstlichen Intelligenz hat begonnen. In den USA führt Silicon Valley weiterhin das Rennen an, obgleich die Trump-Administration auf diesem Gebiet eher durch Nichtstun glänzt. Amerikanische KI-Bots meistern komplexe Spiele wie Atari und Jeopardy; der Heliograf schreibt Zeitungsartikel; und Technologien wie Amazon’s "Echo" werden mit Daten gefüttert, welche über kurz oder lang die Entwicklung von Robotern ermöglichen wird, die die Arbeit von Notaren, Buchhaltern, Schiedsrichtern oder Fabrikarbeitern übernehmen können.

Es ist das erklärte Ziel von China, die USA noch vor 2030 als weltweit führende KI-Macht vom Thron zu stürzen. Sie ist auf dem besten Weg dahin. China wird voraussichtlich sein selbstgestecktes Ziel von 150 Milliarden Euro Investitionsvolumen im Bereich der Halbleiterforschung übertreffen und man zieht dort jetzt schon in Erwägung, Kurse zu KI und maschinellem Lernen als Pflichtfach in den weiterführenden Schulen einzuführen. Im Bereich der zum Thema KI veröffentlichten Forschungsarbeiten hat China die EU-28 bereits überholt und gerade letzte Woche hat das KI-System von Alibaba zum ersten Mal das Leseverständnis eines Menschen übertroffen. Auch Kanada, Japan und Großbritannien haben längst eigene ambitionierte Strategien im Bereich Künstliche Intelligenz verabschiedet.

Und wo steht Europa? Während Macron, Merkel’s CDU und die Europäische Kommission allesamt neue Formen einer vertieften digitalen Kooperation in Forschung und Entwicklung einfordern, versucht die Europäische Union noch eine gemeinsame Position und Politik zu finden. Um Europa auf diesem Sektor zu stärken, fordern die Parteien im jüngst veröffentlichten Sondierungspapier der möglichen "Großen Koalition" in Deutschland eine deutsch-französische Führung bei der europäischen KI-Revolution.

Mehr transeuropäische Schwergewichte im Bereich der Innovation

Der diesjährige 55. Jahrestag des Elysee-Vertrags – der Magna Carta der deutsch-französischen Beziehungen – bietet Frankreich und Deutschland dafür die beste Gelegenheit. Hier sind drei mögliche Ansatzpunkte für Merkel und Macron: Zuerst sollten Deutschland und Frankreich Macron’s Sorbonne Idee aufgreifen und eine europäische DARPA gründen, mit der KI-Forschung als Kernbereich. Das Ziel muss sein, mehr trans-europäische Schwergewichte im Bereich der Innovation, wie zum Beispiel das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intellegenz (DFKI) zu gründen und auszubauen. Dadurch können dann im Schneeballeffekt wiederum mehr europäische Promotionen und Forschungszentren im Bereich KI gefördert werden.

Gleichzeitig müssen die staatlichen Investitionen in KI-Forschung und Technologien spürbar steigen; die europäische Cloud muss ausgebaut werden; die Zuwanderungsgesetze müssen reformiert werden, um weltweit die besten Talente nach Europa zu locken; und Europas etablierte Firmen und Industrie sowie der Mittelstand in den Bereichen Automotive, Maschinen und Geräte, und sogar Mode müssen von den Innovationen im Bereich KI profitieren und auf deren Erkenntnisse zugreifen können.

Zweitens sollten Frankreich und Deutschland dafür garantieren, dass die europäische Beteiligung am KI-Wettlauf auf den Werten unserer offenen Gesellschaft beruht. Der Drang, diesen Wettstreit zu gewinnen darf nicht dazu führen, dass zentrale Werte wie die Menschenwürde, Selbstständigkeit, Sicherheit, das Recht auf Privatsphäre, Fairness, Transparenz und Verantwortlichkeit dafür geopfert werden. Beide Länder sollten eine gemeinsame KI-Kommission ins Leben rufen, welche die Grundsätze und Regeln im Bereich der Forschung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz festlegt.

Automatisierung der Arbeit und Anspruch auf Würde in Einklang bringen

Schließlich findet die KI-Revolution ja nicht einem Vakuum statt, sondern in einer Zeit des wachsenden Populismus, in welcher die Bürger den Glauben an die Legitimität vorhandener Institutionen – und teilweise sogar an die Demokratie als solche – verlieren. Eine solche KI-Kommission könnte gemeinsam mit den Gesetzgebern daran arbeiten, die durch Künstliche Intelligenz bedingte Automatisierung der Arbeitswelt mit dem Anspruch auf Würde und Respekt des Einzelnen in Einklang zu bringen. Dabei geht es darum über plakative Versprechungen hinaus, wie die von Silicon Valley oder die des bedingungslosen Grundeinkommens, die Gesellschaft auf den Wandel vorzubereiten und die Politik zu befähigen sicherzustellen dass KI von einer Mehrheit akzeptiert und als allgemeines Gut anerkannt wird und nicht als Schreckgespenst gesehen wird.

Drittens sollten Frankreich und Deutschland den internationalen Dialog zu KI-fähigen Waffen wieder aufleben lassen. In gleichem Maße wie das Schießpulver und Atomwaffen die Art und Weise der Kriegsführung tiefgreifend und nachhaltig verändert haben, wird KI eine dritte Revolution in der Kriegsführung herbeiführen. Es ist zu erwarten, dass die KI-Technologie in diesem Bereich, genau wie im zivilen Bereich, für Demokratien, aber auch für Schurkenstaaten,Terrororganisationen und Kriminelle, billiger, leichter verfügbar und massenhaft einsetzbar sein wird.

In zwei offenen Briefen haben deshalb die weltweit führenden Technologieexperten bereits  davor gewarnt, dass „autonome Waffen die Kalaschnikows von morgen werden“. Beispielsweise könnten mithilfe von 3D-Druckern schon bald Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Drohnen in der Größe von Insekten massenweise produziert werden, die die strategische Balance in der Luft, an Land und auf See nachhaltig verändern könnten. Wie brisant das Thema ist, zeigt das Verhalten Russlands: Sie ließen im vergangenen Monat Gespräche im Kreise der Vereinten Nationen in Genf zu automatisierten Waffen platzen, als es darum ging, internationale Regeln mit Blick auf sogenannte „Killer Robots“ zu erörtern.

In der Tat produzieren russische Rüstungsfirmen bereits heute beispielsweise Maschinengewehre, die selbstständige Zielentscheidungen treffen, eigenständige T-14 Super-Panzer, und sogar einen mit einer Schusswaffe ausgestatteten Roboter namens "Fedor". Deutschland und Frankreich sollten daher, gemeinsam mit gleichgesinnten Partnern in der NATO und der G7, eine Führungsrolle in der Reglementierung und Beschränkung von autonomen Waffen anstreben. Darüber hinaus sollte dieses Bündnis garantieren, dass die Zivilgesellschaft über die Entwicklungen und die tödlichen Bedrohungen in diesem Bereich informiert ist und bleibt, und es sollte den Transfer von zivilen KI-Technologien dort beschränken, wo es für die Entwicklung tödlicher Waffen umfunktioniert werden kann.

Künstliche Intelligenz ist wohlmöglich eine der größten und weitreichendsten Veränderungen im Leben der Menschheit seit der Erfindung des Computers. Die aktive Gestaltung dieses Transformationsprozesses ist es wert, dass Emmanuel Macron seine Ambition, Vision und seinen Optimismus und Angela Merkel ihre Führungsstärke und ihr globales Ansehen gemeinsam dafür nutzen, dass diese Transformation nicht nur erfolgreich, sondern auch nachhaltig und gewissenhaft durchgeführt wird. Europa’s KI-Strategie sollte dabei nicht versuchen, die USA oder China zu kopieren, sondern auf seine eigenen Stärken setzen – den deutsch-französischen Motor, den Binnenmarkt, das Versprechen der Grundrechte, die Vorzüge des Sozialstaates, eine wachsende Start-Up Szene, sowie seine Soft Power und der Vorreiterrolle und Vorbildfunktion im Bereich von werteorientierten Regulierungen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Eye Risk
    Die Autoren erklären, dass "Menschenwürde, Selbstständigkeit, Sicherheit, das Recht auf Privatsphäre, Fairness, Transparenz und Verantwortlichkeit" durch eine KI-Allianz zwischen Deutschland und Frankreich geschützt werden könnten. Mir leuchtet das nicht ein. Warum braucht man dafür Italien und Niederlande nicht? Diese Länder haben ähnlich verfasste politische Systeme und in ihnen leben Millionen EU-Bürger, und die Debatte in diesen Ländern ist ähnlich weit wie in Deutschland und Frankreich.