Deutschland braucht einen neuen Patriotismus

Eine Studie zeigt: 74 Prozent der Deutschen identifizieren sich mit ihrer Nationalität. Es braucht endlich eine Debatte über eine neue Form des Nationalstolzes– sie darf nicht der AfD überlassen werden.

Dr. Luuk Molthof ist Senior Research Fellow bei d|part, einem gemeinnützigen, unabhängigen und überparteilichen Think Tank mit Sitz in Berlin.

Als Niederländer hatte ich immer großen Respekt davor, wie in Deutschland in den letzten Jahrzehnten die eigene Vergangenheit aufgearbeitet wurde, wie sich mehrheitlich vom Nationalismus abgewandt und anstelle dessen eine europäische Identität ausgebildet und gepflegt worden ist. Trotz dieser positiven Errungenschaft ist es nötig, die mehrheitliche Skepsis der Deutschen gegenüber jegliche Form von Nationalstolz – die ich eigentlich immer für vernünftig gehalten habe – zu überdenken. Denn im Hinblick auf die Herausforderung des rechten Nationalismus ist ein neues Verhältnis zum Stolz und Patriotismus in Deutschland erforderlich.

Der Aufstieg der rechts-populistischen Alternative für Deutschland hat die Besorgnis über einen neuen deutschen Nationalismus wieder aufleben lassen. In einem Land, in dem eigentlich jegliche Form von Nationalstolz skeptisch begutachtet wird, etabliert die AfD einen entschieden (ethnisch) nationalistischen Diskurs und scheint damit bei Wahlen Erfolg zu haben.

Es ist ein Fehler, aus Angst untätig zu sein

Die Reaktion der deutschen Politik war bisher unzureichend. Einige KommentatorInnen wie Thea Dorn oder Yascha Mounk haben die Kultivierung einer "aufgeklärten" und "integrativen" Form des Patriotismus als Antwort auf die RechtspopulistInnen gefordert. Doch viele (progressive) deutsche PolitikerInnen scheuen sich immer noch vor Diskussionen über die Themen nationale Identität und Stolz, vermutlich aus Angst, die AfD damit noch weiter zu stärken. Dies ist meiner Meinung nach ein Fehler.

In einer aktuellen Studie, die meine KollegInnen und ich in Zusammenarbeit mit dem Open Society European Policy Institute umsetzten, haben wir eine Meinungsumfrage und Interviews mit politischen EntscheidungsträgerInnen durchgeführt, um die Einstellung der Deutschen zur nationalen Identität und Stolz zu untersuchen. Entgegen unseren Erwartungen stellten wir fest, dass die Deutschen (überhaupt) kein schwieriges Verhältnis zu ihrer nationalen Identität haben. Eine überwältigende Mehrheit der Befragten (74 Prozent) gab an, sich stark mit ihrer deutschen Nationalität zu identifizieren. Im Durchschnitt identifizierten sich unsere Befragten mehr mit deutschen MitbürgerInnen als mit Menschen, die in der gleichen Stadt leben, die die gleiche Religion teilen oder den gleichen Beruf ausüben. Auch zeigte sich, dass die nationale Identität den Befragten wichtiger erschien als ihre europäische Identität – auch wenn nur ein geringfügiger Unterschied wahrnehmbar ist. 

Stolz, deutsch zu sein

Interessanterweise identifizieren sich die meisten Deutschen nicht nur stark mit ihrer Nationalität, sie scheinen auch (einen latenten) Stolz damit zu verbinden. Denn wir haben unsere UmfrageteilnehmerInnen gefragt, auf welche Aspekte ihrer nationalen Identität sie, wenn überhaupt, am meisten stolz sind. Das Ergebnis: nur 12 Prozent der Befragten gaben an, kein Gefühl des Stolzes im Zusammenhang mit ihrer Nationalität zu besitzen, während die überwiegende Mehrheit der Befragten auf mindestens einen Aspekt ihrer deutschen Identität stolz war. Besonders großen Stolz verspüren viele Deutsche in Bezug auf das Grundgesetz, den Wohlfahrtsstaat und das kulturelle Erbe. Obwohl linksgerichtete WählerInnen eher dazu geneigt sind als rechtsgerichtete WählerInnen, sich von jeglichen Gefühlen des Stolzes zu distanzieren, zeigen unsere Ergebnisse, dass Nationalstolz keineswegs nur dem politisch rechten Spektrum wichtig erscheint.

Trotz der breiten öffentlichen Kritik an einem deutschen Patriotismus verfügt also ein Großteil der Deutschen über eine starke nationale Identifizierung, die mit einem grundlegenden Gefühl von Stolz verknüpft ist. Was würde es bedeuten, wenn die Deutschen nun in der Lage wären, ihre nationale Verbundenheit offener und selbstbewusster zu zelebrieren? Würde dies zu einem nationalistischeren, geschlosseneren und illiberaleren Deutschland führen? Die Antwort lautet: Nicht unbedingt.

Identitätsstiftend: Grundgesetz und Wohlfahrtsstaat

Unsere Studie zeigt, dass der latente Stolz, den wir bei dem deutschen BürgerInnen gefunden haben, nicht unbedingt mit nationalistischen und illiberalen Einstellungen korreliert. Befragte, die keinen nationalen Stolz verspürten, waren nicht unbedingt offener und liberaler als diejenigen, die angaben, stolz auf Deutschland zu sein.  Dazu haben wir herausgefunden, dass der Stolz etwa auf das Grundgesetz, den Wohlfahrtsstaat oder die Willkommenskultur mit einer überdurchschnittlichen Unterstützung liberaler demokratischer Prinzipien verbunden ist, während der Stolz zum Beispiel auf die technologischen und wirtschaftlichen Leistungen Deutschlands oder auf dessen kulturelles Erbe eher mit einer "geschlosseneren" Haltung verknüpft ist. Dies deutet darauf hin, dass ein differenzierteres Verständnis des deutschen Selbstbewusstseins erforderlich ist und dass offener Stolz sowohl eine Herausforderung als auch eine Ressource für eine gesunde Demokratie sein kann.

Aufgeklärter Patriotismus gegen dummen Nationalismus

Damit aus der nationalen Verbundenheit jedoch eine Stärkung der demokratischen Prinzipien resultiert, müssen die deutschen PolitikerInnen aller Parteien ihre (teilweise verständlichen) Vorbehalte überwinden und sich mit eigenen Angeboten in die Diskurse über eine nationale Identität und über Stolz einbringen. Denn einerseits sind dies wichtige Themen für Menschen aus allen politischen Lagern, das hat unsere Studie offenbart. Und andererseits sollte es nicht der AfD allein obliegen, zu definieren, was es bedeutet, Deutsch zu sein und worauf die BürgerInnen stolz sein können und worauf nicht. Alle Parteien sollten demnach versuchen, die bereits bestehenden Gefühle des Stolzes in einen integrativen und aufgeklärten Patriotismus zu kanalisieren, der sich klar vom dummen und ausgrenzenden Nationalismus unterscheidet, der die Schrecken der Vergangenheit anerkennt und dazu die Leistungen deutscher Erinnerungspolitik als die einer (im Großen und Ganzen erfolgreichen) offenen und toleranten Demokratie würdigt.

Ich hatte immer großes Verständnis für die deutsche Skepsis gegenüber Patriotismus, aber es wäre jetzt an der Zeit, diese Skepsis zu überdenken und ein neues, aufgeklärtes und inklusives Verhältnis zu entwickeln. 

Eine frühere Version dieses Artikels wurde auf Englisch im Independent veröffentlicht

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