Der Rassismus der Einsamen Wölfe

Die Politik darf Attentate rassistischer Einzeltäter nicht pathologisieren, sonst bekommt sie diese Form des Terrors nicht in den Griff, schreibt Florian Hartleb

Florian Hartleb ist Politikwissenschaftler und lebt als Politikberater in Tallinn / Estland. Sein Buch „Einsame Wölfe - Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ (Hoffmann und Campe) erschien im Herbst. 

Es war eine klar fremdenfeindliche Tat: In der Silvesternacht führte der 50-jährige Deutsche Andreas N. als mutmaßlicher Täter einen Anschlag mit seinem Auto in Bottrop und Essen durch. Als Arbeitsloser fühlte er sich benachteiligt und erkor Flüchtlinge als Sündenböcke für sein eigenes Dilemma. Das wird bereits an der Opferauswahl deutlich, da sich unter den Verletzten Syrer und Afghanen befinden. „Was sind das für Menschen, die so etwas tun können?“, fragt sich der Beobachter bei Attentaten von solch Einsamen Wölfen oft.

Als „Einsame Wölfe“ bezeichnet man Einzeltäter, die agieren, ohne direkt zu einer Terrororganisation zu gehören und einer Hierarchie unterworfen zu sein. Bei der Ausführung des Anschlags agieren sie allein, auch wenn sie sich vorher oftmals über das Internet, im virtuellen Raum, radikalisieren. Das passiert nicht über Nacht.

Trotzdem wird einheimischer Rechtsterrorismus durch Einzeltäter von der Politik eher ungern behandelt. Denn Law-and-Order-Forderungen sind hier nicht so leicht zu erheben wie bei Flüchtlingen, bei denen man Abschiebungen fordern kann. Bundesinnenminister Horst Seehofer etwa sagte, dass es zur „politischen Glaubwürdigkeit“ gehöre, nicht nur diesen Fall, sondern auch die Gewaltausbrüche von Asylbewerbern in Amberg kurz vor Silvester zu verfolgen. Hier zeigte er sich besonders aufgebracht - und will Gesetzesvorschläge machen, um sie abschieben zu lassen. Damit vermeidet er die eigentlich nötige grundsätzliche gesellschaftliche Debatte über rechte Terroristen. Denn wer deren Taten auf psychologische Aspekte reduziert, greift zu kurz.

Der tödliche Cocktail aus Frustration und politischen Parolen

Natürlich operieren Einsame Wölfe nicht im sozialen Vakuum. Trotzdem wird allzu oft auf eine Fülle von Persönlichkeitsstörungen fokussiert, die solche Einzeltäter in der Regel aufweisen. Im Fall von Andreas N. wurde offenbar Schizophrenie diagnostiziert. Das erstaunt nicht, legt man Vergleichsfälle an wie den Österreicher Franz Fuchs, ebenfalls mittleren Alters, arbeitslos und depressiv, der in den 1990er Jahren Briefbombenanschläge verübte.

Ebenso überrascht nicht, dass der Täter polizeilich nicht auffällig war. Das gilt auch für den Norweger Anders Behring Breivik und seinem Nachahmungstäter David S., der am 22. Juli 2016 die Stadt München in einen Schockzustand versetzte. Bei vielen dieser Einzeltäter finden sich diverse Anknüpfungspunkte für Kränkungen und ein nicht-existentes Einfühlungsvermögen: das oftmals zerrüttete Elternhaus, die fehlende Fähigkeit für soziale und partnerschaftliche Beziehungen, fehlende Jobperspektiven und diagnostizierte Krankheitsbilder wie Autismus, Depressionen oder Zwangsstörungen.

Es gibt eben aber auch eine andere Dimension als wichtigen Erklärungsfaktor: die Ideologie des Hasses, die nicht nur motivierend, sondern letztlich tatauslösend wirkt. Die Täter beschäftigen sich in Selbstpsychologie mit den Hintergründen von Amokläufern und Terroristen. Die „persönliche, individualisierte Kränkungsideologie“ kennzeichnet den Einsamen-Wolf-Terrorismus. Persönliche Frustrationen und Kränkungen ergeben zusammengerührt mit politischen Einstellungen einen tödlichen Cocktail.

Die Täter handeln mit Blick auf die Konsequenzen bewusst

Wichtig ist es, den Radikalisierungsprozess nachzuvollziehen. Oftmals lassen sich sogenannte „Turner-Tagebücher“ bei den Tätern finden. Das Werk des US-Amerikaners Amerikaner William L. Pierce gilt als „rechtsextremistische Bibel“. Es ist frei im Internet verfügbar und inspirierte zahlreiche Rechtsterroristen. Auch im Falle von Andreas N. stellen sich Fragen: Welche Seiten hat er im Internet aufgerufen? War er auf der Spieleplattform Steam unterwegs? Dass er einzeln losschlug, heißt nicht, dass er nicht mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt stand.

Einsame Wölfe führen zwar oftmals nur eine einzige Tathandlung aus, sind aber trotzdem Teil eines größeren ideologischen Rudels. Diese psychisch auffälligen rechtsterroristischen Täter zeigen sich von vorgeführten Aggressionen - etwa die mediale und virtuelle Diskussion über Terrorismus - angetan und sehen hier ein probates Mittel, ihre Probleme zu artikulieren. Ihr rassistisches Weltbild teilt die Welt in Freund und Feind, ihr Hass richtet sich gegen Minderheiten. Ob in Österreich, Großbritannien, Schweden oder Deutschland - in all den Ländern, in denen die Täter losschlugen, war zuvor immer eine polarisierende Debatte speziell über Migranten entfacht.

Es wäre daher verfehlt, den gesellschaftlichen Kontext auszublenden. Es zeigt sich vielmehr: Die Täter durchliefen zwar einen langen Prozess der Radikalisierung. In ihrer eigenen Realität handeln die Täter jedoch selbstgesteuert und mit Blick auf die Konsequenzen bewusst. Über Jahre haben sie ein politisches „Feindbild“ entwickelt, das sie mit terroristischen Mitteln zu bekämpfen versuchen.

Insgesamt verlangt die Prävention eine auf den ersten Blick paradox anmutende Strategie. Im virtuellen Leben ist es notwendig, die auffälligen Aggressoren sozial zu isolieren und rechtsextremistische Kommunikationsbrücken auf virtuellen Plattformen wie Steam zu zerschlagen. Terroristen können eher an ihr Ziel gelangen und Anschläge durchführen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten austauschen können.

Keine Einzelpersonen mehr, nur noch Gruppen

Im realen Leben müssen die oft sozial isolierten Menschen die Bindungen an die Gesellschaft zurückgewinnen. Hier sind pädagogische und psychologische Angebote gefragt, etwa auch im Umgang mit Persönlichkeitsstörungen. Depressionen beispielsweise werden immer noch tabuisiert, obwohl in den letzten Jahren eine mediale Aufklärungskampagne eingesetzt hat.

Der Einsame Wolf hat die positiven Aspekte des Individuums pervertiert und in eine angstmachende Form der irreparablen Verletzung umgewandelt - frontal gerichtet auf das Gegenüber, den Feind, dem jede Individualität abgesprochen wird. Er erkennt keinen einzelnen Menschen mehr, sondern steckt sie in Gruppen mit jeweiliger Andersartigkeit, beispielsweise spricht er von „den Juden“, „den Flüchtlingen“, „den Muslimen“ oder „den Schwarzen“. Innige soziale Verbundenheit wird so durch asoziale Sprengkraft ersetzt. Einsame Wölfe vermischen großspurige politische Erklärungen mit dem Mord an Menschen, die ihnen nichts getan haben, und zu denen keine persönliche Verbindung besteht. Sie sind die Symptome der Welt, in der wir leben, auch wenn wir die Ursachen gerne verdrängen. Wir müssen ihre Taten im politischen Zusammenhang sehen und dürfen ihre Absichten nicht durch „Entpolitisierung“ und „Pathologisierung“ negieren. Die Behörden meiden allerdings die notwendige Debatte darüber, dass neue Pfade beschritten werden müssen, um rechte Gewalt erkennen zu können - wenn man das will.

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