Der kleine Mann und die AfD

Die etablierten Parteien wollen die Wähler der Rechtspopulisten mit besserer Sozialpolitik zum Umdenken bewegen. Es ist jedoch fraglich, ob das funktionieren wird. Nicht die soziale Lage, sondern die Ablehnung von Merkels Flüchtlingspolitik ist der Grund für die Wahlentscheidung.

Prof. Dr. Holger Lengfeld ist Professor für Soziologie an der Universität Leipzig, er untersucht schwerpunktmäßig soziale Ungleichheit. 

Seit der letzten Bundestagswahl wird in Politik und Gesellschaft intensiv darüber diskutiert, wie man weitere Wahlerfolge der AfD verhindern kann. Die politische Linke hat dazu eine recht klare Position. Gegen die AfD helfe eine sozial gerechtere Politik, vor allem mehr Umverteilung zugunsten sozial Schwacher. Auch die Gewerkschaften bewegt das Thema. So hat Frank Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, gegenüber dem „Tagesspiegel“ jüngst eine bessere Renten- und Mietpolitik gefordert, damit weniger Menschen Grund hätten, AfD zu wählen. Dabei scheint er vor allem sozial Schwächere im Auge zu haben.
Diese These vom „kleinen Mann“, der AfD wählt, ist populär. Nicht nur, weil sie griffig und plausibel ist, sondern auch, weil sie der Forderung nach mehr Sozialpolitik, ein Kernbestandteil linker und sozialdemokratischer Positionen, zusätzliches Gewicht verleiht. Diese These unterstellt, dass Menschen mit kleinem Geldbeutel AfD wählen, weil sie mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden sind und dafür die Regierung verantwortlich machen. Eine sozialere Politik, so die Annahme, würde diese Protestwähler wieder zurück zu den etablierten Parteien bringen.

Ablehnung von Zuwanderung bringt der AfD ihre Wähler, nicht die Sozialpolitik 

Nur, stimmt die These? Meine Einschätzung ist: Sehr wahrscheinlich nicht. Diese Antwort ergibt sich, wenn man einen Blick auf die jüngste soziologische Forschung wirft. Diese liefert ein Bündel von Befunden zur Frage, was AfD-Wählerinnen und -wähler bewegt. Ein Punkt ist, dass die AfD seit ihrer Gründung im Jahr 2013 ein für sozial Schwache ausgesprochen abschreckendes sozialpolitisches Profil hat. Mehr Markt, weniger Umverteilung und mehr Eigenverantwortung: So kann man das AfD-Parteiprogramm zur Sozialpolitik auf den Punkt bringen. Auch wenn die Wähler kaum Parteiprogramme lesen, liegt es nahe, dass die AfD in ihren Augen sozialpolitisch nicht sehr attraktiv ist.
Einen weiteren Befund liefern neueste Umfragestudien. Sie zeigen zwar, dass sozial Schwächere häufiger zur AfD neigen als es die Mittelschichten oder die besser Gestellten tun. Diese Studien können aber nicht belegen, was für Motive diese Menschen dafür haben. Wie weiterführende Analysen ergeben, ist es vor allem die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland, die ein Teil der sozial Schwächeren stärker kritisiert als andere im Land. Nicht ihre schwache soziale Lage an sich, sondern die Ablehnung von Zuwanderung bringt die kleinen Leute zur AfD, so der wissenschaftliche Befund.
Warum das so ist, können wir nicht exakt belegen. Ein Grund scheint zu sein, dass die kleinen Leute die Zuwanderer, die ja meist ebenfalls sozial schwach sind, vor allem als Konkurrenten um Jobs ansehen. Je mehr von ihnen auf den Arbeitsmarkt strömen, desto mehr Konkurrenz für die angestammten kleinen Leute, und genau das soll die AfD verhindern. Mehr Umverteilung, beispielsweise durch Rentenzuschüsse für Geringverdiener, könnte den sozial Schwachen zwar helfen. Aber vom AfD wählen würde es sie wohl kaum abbringen – zumal diese Sozialleistungen aus Gleichheitsgründen auch den Zuwanderern zugutekommen müssten.

Annäherung an AfD-Positionen erzielt nicht den gewünschten Erfolg

Hinzu kommt: Selbst wenn man einige der sozial Schwachen zum Umdenken bringt, würde dies wohl nicht ausreichen, um die AfD deutlich zu schwächen, sie etwa unter die 5-Prozent-Hürde zu drücken. Dies liegt daran, dass nur ein Teil der kleinen Leute und eben nicht alle von ihnen zur AfD neigen. Und: Die AfD hat, nach allem, was wir wissen, auch zahlreiche Anhänger in dem Mittel- und Oberschichten. Die erreicht man mit mehr Umverteilung aber nur schwer.
Für die meisten AfD-Wähler war, über alle Schichten hinweg, die Unzufriedenheit mit Merkels Flüchtlingspolitik der wohl wichtigste Grund für ihre Entscheidung. Befragungen zeigen: Bei kaum einem Thema sind sie sich so einig wie bei diesem. Heißt das, dass die etablierten Parteien sie durch eine härtere Gangart in der Asylpolitik zurückgewinnen könnten? Tatsächlich hat keine Partei zuletzt so viele Wähler an die AfD verloren wie CDU/CSU, und Innenminister Seehofer hat mit seinem Vorstoß zur Zurückweisung von woanders schon registrierten Asylbewerbern ein deutliches Signal an AfD-Wähler gesetzt: Wir kümmern uns um eure Sorgen. Allein, die Annäherung an AfD-Positionen brachte nichts ein. Jüngste Umfragen zeigen, dass CDU/CSU weiter an Wählergunst verloren haben, während die AfD derzeit Spitzenwerte von bis zu 17% erreicht. Offenbar befinden sich die etablierten Parteien in einem Dilemma: Selbst dann, wenn sie die AfD in Teilen kopieren, führt das nicht zum gewünschten Erfolg.

Die AfD-Wählerschaft könnte sich zukünftig stark wandeln 

Sicher mag vieles für mehr Anstrengungen in der Renten- und Wohnungspolitik sprechen. Auf diese Weise aber AfD-Wähler in großer Zahl zum Umdenken zu bringen, wird, wenn sich die politische Gesamtsituation nicht ändert, kaum gelingen. Allerdings wissen wir nicht, was die Zukunft bringt, hier liegt eine Ungewissheit. Zum einen hinkt die Wissenschaft der Realität schon jetzt erheblich hinterher. Die für die Forschung so wichtigen Umfragedaten werden von unabhängigen Instituten aufwändig erhoben, und es dauert bis zu zwei Jahre, bis die Forscher sie endlich in Händen halten und analysieren können. Oft vergeht dann noch weit mehr als ein Jahr, bis die Studie publiziert ist. Dies macht es schwierig, aktuelle Fragen aus Politik und Gesellschaft, etwa wie man mit der AfD umgehen soll, zu beantworten.
Zum anderen könnte sich die AfD-Wählerschaft zukünftig stark wandeln. In der AfD mehren sich Stimmen, die fordern, die wirtschaftsliberale Ausrichtung aus der Gründerzeit der Partei endgültig über Bord zu werfen und durch einen Nationalismus von links zu ersetzen: Umverteilung ja, aber nur für Deutsche. Sollte sich diese Position durchsetzen, dann würde die AfD zum dritten Mal in ihrer noch jungen Geschichte einen massiven Kurswechsel vollziehen. Als Folge könnte die Linkspartei noch mehr Wähler als bisher schon an die AfD verlieren, und die SPD würde in Prozentregionen absinken, wo früher nur die FDP zuhause war. Ausgeschlossen ist dieses Szenario nicht.

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  1. von Sabine Sowieso
    Wenn ich noch einmal "Kleine Leute" lese, kotze ich.