​China hat eine Wahl. Europa auch!

Die Konfrontation zwischen den USA und China bleibt aus. Das verschafft den Europäern Zeit, sagt der Sinologe und Philosoph Ole Döring. Zeit zu gestalten.

Von Ole Döring, habilitierter Philosoph und Sinologe. Döring lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin und der Polytechnischen Universität Hongkong. 

Der Besuch des US-Präsidenten Donald Trump in China macht jedem deutlich, vor welcher Alternative die Menschheit steht, wenn es um die Entwicklung ihrer politischen Ordnung und Kultur geht. Tasten wir uns durch den medialen Nebel, ergeben sich klare Konturen.

Das beste an diesem Besuch ist, dass er im Rahmen der Symbolpolitik geblieben ist und die durchaus vorhandenen Spannungen für den Moment gelöst werden konnten. Der Preis ist allerdings beachtlich. Die chinesischen Gastgeber haben vorgeführt, wie gering die Substanz ist, die den US-Präsidenten politisch legitimiert und wie leicht er zu manipulieren ist. Der Vertreter einer selbsternannten westlichen Demokratie ließ sich vom "Erhabenen Führer" Xi Jinping eine oligarchische Agenda verschreiben, die nicht dadurch weniger Besorgnis erregend wird, dass ihr "Konsenspapier" vom 9. November ganz auf die persönliche Zusammenarbeit beider Regenten ("head-of-states diplomacy") zugeschnitten ist. Für diesen Preis hat Präsident Trump eine Chance vertan, China auf Augenhöhe zu begegnen und an höheren Standards politischen Engagements mitzuarbeiten.

Die USA konzedieren: China soll das Problem Nordkorea aus eigener Stärke lösen

Die USA konzedieren: China soll das Problem Nordkorea aus eigener Stärke lösen. China kann Trumps martialische Rhetorik durch die Beschränkung auf friedliche Mittel entschärfen.

Die USA konzedieren: Kulturelle, gesellschaftliche und inhaltliche politische Fragen kommen nicht vor. China durfte erwarten, dass die USA, in welcher Form auch immer, zumindest aus Respekt gegenüber der eigenen Nation, ein Bekenntnis zu Recht und Gerechtigkeit einfordern würden - und dürfte auf entsprechende Zugeständnisse vorbereitet gewesen sein. Trump fällt ohne Not weit hinter das hier Übliche und Mögliche zurück.

Die USA gestattet Chinas Machtzuwachs, unter Verkennung der eigenen Schwäche

Die USA konzedieren: Im Namen der "Terrorbekämpfung" behält China eine Blanko-Vollmacht für jegliche Maßnahme auf eigenem oder fremdem Boden. So begünstigen sie Regimes, die pro-aktiv die eigene Deutungshoheit zum willkürlichen Machtgebrauch einsetzen, namentlich gegenüber Flüchtlingen. Wo sich Angst und Schläue in dieser Weise verbünden, entsteht eine illegitime Gegengewalt zur Demokratie. Die USA gestattet Chinas Machtzuwachs, unter Verkennung der eigenen Schwäche.

Die USA konzedieren: Die gemeinsame Unterstützung der Industrien, die der militärischen Stärke, Sicherheit und technologischen Entwicklung dienen, hat Priorität. Dadurch wird der militärisch-industrielle Sektor ebenso wie technologisches Kontroll- und Machbarkeits- Denken einseitig privilegiert. Zugleich erhalten Geheimdienste, Polizei und Zensoren immer effizientere technische Instrumente. Andererseits werden gewaltenteilende Funktionen des Staates und die Wurzeln für Frieden und Würde in der Gesellschaft entwertet.

Die USA konzedieren: Der Ausbau der Verknüpfung von Finanzindustrie und Informationstechnologie schreitet voran. Der Zuwachs an Effizienz kommt allein dem globalen Apparat zugute. Der Abhängigkeit der Politik und Wirtschaft von Finanzinteressen ohne gesellschaftliche Kontrolle oder Legitimation wird nichts entgegen gesetzt.

Die USA konzedieren: Chinas regionale Interessen zwischen Korea und Afghanistan stehen unter keinem übergeordneten inhaltlichen politischen Vorbehalt. Die USA ziehen sich weiter aus der aktiven Verantwortung zurück, überlassen die Region China und dem Nationalismus der Problemstaaten.

Die Vereinbarungen eröffnen auch Hollywood weiteren Zugang zu den Köpfen der chinesischen Konsumenten im Sinne der Kommerzialisierung des Denkens und Träumens. Insgesamt wächst Chinas Macht aus sämtlichen relevanten Quellen konsequent weiter. An wem kann sich Xi konstruktiv reiben? Welche anderen starken Positionen kann China kulturell und politisch respektieren? Nachdem es innerhalb von 40 Jahren zu einer immer selbstbewusster gestaltenden Kraft geworden ist, was gibt es noch für China "vom Westen zu lernen"?

Durch die Umarmung des Amerikaners hält China sich den Rücken frei

Durch die Umarmung des Amerikaners hält China sich ironischer Weise den Rücken frei. Xi führt Trump wie einen Tanzbären vor. Der will geliebt werden und erhält die Liebe, die man kaufen kann. Er badet im Abglanz der souveränen Machtfülle Xi's, erblickt im Spiegelbild das Licht der Sonne und vergisst, dass er selbst nur scheint wie der Mond .

So zeigt sich Chinas Stärke als gelassene Routine. China und die Welt verschaffen sich etwas mehr Zeit. Es werden Ressourcen frei, die bei einem konfrontativen Handeln gebunden blieben. Hier liegt die große Chance, diese Zeit, dieses Geld, diese Arbeit in nachhaltige Projekte der gesunden und gerechten Entwicklung der Menschheit zu stecken - und sei es, weiterhin in China zu investieren. Denn auch heute ist Chinas wichtigster Beitrag zur Weltpolitik zunächst einmal eine besser werdende Innenpolitik.

Die USA müssen hieraus ihre eigenen Lehren ziehen. In der Gesellschaft greift längst tiefe Nachdenklichkeit um sich, wie es um die politische Kultur steht. Will Europa es nun aber dem politisch bankrotten Trump-Regime oder der Weisheit Chinas überlassen, welche Kräfte und Interessen die Entwicklung der Menschheit bestimmen? Wir sollten uns nicht auf die chinesischen Spin-Doktoren verlassen, die rational aus eigener Interessenlage und Sichtweise ihrer professionellen Arbeit nachgehen. Freilich unterstützen die Medien Trumps epische Fehleinschätzung, solange das opportun erscheint. Sie tun das mit festem Blick auf die eigene Öffentlichkeit. Der beeindruckend ausgeklügelten chinesischen Medienmaschinerie könnten wir eine unabhängige, eigene Kompetenz zur Seite stellen, wenn wir dafür die Voraussetzungen schaffen würden.

Es liegt auch im chinesischen Interesse, seine Vasallen so stark wie möglich zu halten - und entspricht der strategischen Klugheit klassischer Politik. Als Deutsche und Europäer können wir dabei eine gestaltende Rolle einnehmen. Wenn wir demonstrieren, dass es auch andere Wege zu Stärke und Menschlichkeit gibt.

Lesen Sie auch Ole Dörings Essay auf Tagesspiegel.deWarum wir keine Angst vor China haben müssen.

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