Klimaschutz Ökoroutine: Strukturen ändern statt Menschen

Bild von Michael Kopatz
Sozialwissenschaftler Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Expertise:

Michael Kopatz ist Projektleiter der Forschungsgruppe Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut. Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die Auswirkungen der Energiewende auf die Gesellschaft, die Entwicklung von Strategien zur Linderung von Energiearmut und der kommunale Klimaschutz.

Die Politik muss Verantwortung übernehmen und hohe Standards setzen. Dann wird Klimaschutz zur gesellschaftlichen Routine und Bio auch für alle bezahlbar.    

Mit überwältigender Mehrheit sprechen sich die Deutschen für mehr Tierwohl im Stall aus. Doch nur ein Bruchteil der Willigen lässt die Bereitschaft an der Fleischtheke erkennen. Liegt das am Preis? Ganz sicher nicht bei den Gutverdienern. Zumindest jeder zweite Bundesbürger kann sich Bio bequem leisten. Doch während ein Grill auch mal 800 Euro kosten darf, brutzeln darauf zumeist die Koteletts zum Dumpingpreis. Diese gelebte Schizophrenie ist Routine. Besonders schwer fällt es uns, mögliche Gefahren der Zukunft in der Gegenwart zu beachten. Ob die globale Erwärmung oder die langfristigen gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums: Im Alltag verdrängen wir die möglichen Folgen unserer Lebensführung.

Drei Jahrzehnte der Umweltbildung in Form von Kampagnen, Flyern und Webplattformen haben bewirkt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger zu über 90 Prozent für den Klimaschutz aussprechen. Und ganz sicher haben viele auch ein schlechtes Gewissen beim Fliegen. Doch die Routinen haben sich kaum geändert.

Nur höhere Standards helfen gegen klimaschädliche Routinen. 

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Wir tun nicht, was wir für richtig halten, weil die Informationen nicht unsere Routinen ändern. Das lässt sich neurologisch erklären. Doch Veränderungen, etwa im sozialen Umfeld, vermögen durchaus unsere Gewohnheiten zu beeinflussen. Darauf basiert beispielsweise das Konzept der »Weight Watchers«. Von großer Bedeutung ist zudem das objektive Umfeld, etwa Rauchverbote in Gaststätten oder der Preis von Tabak. Der große Vorteil beim Klimaschutz ist: Unsere Routinen können sich viel leichter ändern als unsere Ernährungsgewohnheiten oder die Rauchgewohnheiten. Denn Effizienzstandards im Neubau verändern das Entscheidungsverhalten von Bauherren ohne deren Zutun. Das ist ungefähr so, als würde man den Nikotin- und Schadstoffgehalt von Zigaretten durch gesetzliche Vorgaben schrittweise so weit reduzieren, dass sie am Ende nicht mehr gesundheitsschädlich sind. Die schrittweise angehobenen Energiestandards für Neubauten haben die Bauherren von komplizierten Gewissensfragen entlastet.

Die Automobilindustrie heuchelt Umweltschutz, setzt ihn aber nicht in die Tat um. 

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Das gilt sogar für ganze Unternehmen. Deren Chefs verkünden zwar permanent Innovationen, aber die Bereitschaft zum Wandel ist dürftig. Gut zu beobachten ist das gerade in der Automobilindustrie, die sich dem Vernehmen nach für wahnsinnig innovativ hält. Doch die ersten Diesel mit besonders niedrigem Rußausstoß kamen aus Frankreich. Der Hybrid-Prius aus Japan, der Tesla aus den USA und das selbstfahrende Auto von Google. Feinstaub, Stickoxide, Lärm: Manager verdrängen und leugnen die Probleme. Die Blaue Plakette für Städte wäre ein Innovationsmotor. Wenn klar wäre, dass ab dem Jahr 2023 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge in den Innenstädten akzeptiert würden, dann käme Nachfrage von ganz allein in Fahrt. Solche strukturellen Änderungen verändern Routinen. Und sie sind billig zu haben im Gegensatz zu den Milliardensubvention für den Kauf von Elektroautos, die offenbar nicht vermocht haben, das Entscheidungsverhalten beim Autohändler zu ändern.

Wenn Bioprodukte der Standard sind, werden sie auch für jeden erschwinglich.  

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Strukturen ändern statt Menschen, das ist das Konzept der Ökoroutine. Es ist längst Alltag, und kaum jemand hat es mitbekommen. Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, weil wir die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht haben. Weitgehend unbemerkt haben Lege-Hühner in der EU heute doppelt soviel Auslauf wie noch 2003. Es mag verblüffend einfach klingen, aber wenn wir in der Europäischen Union die Standards in der Tierhaltung und der Landwirtschaft Schritt für Schritt verbessern, dann landen in 20 Jahren nur noch Bioprodukte in dem Einkaufswagen. So endete auch die Zweiklassengesellschaft am Mittagstisch.

Statt nur mit moralischen Appellen von den Bürgern das »richtige« Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver die Produktion zu verbessern. Wer ernsthaft die Vielfliegerei bremsen will, wendet sich nicht an das Individuum, sondern limitiert die Starts- und Landungen auf dem gegenwärtigen Niveau.

Europa darf sich beim Klimaschutz nicht von seinen Partnern abhängig machen.

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Wie realistisch sind solche Ambitionen in Anbetracht der Wahl von Donald Trump? Der Republikaner machte bisher regelmäßig klar, wie irrelevant der Klimaschutz für das Wohl der USA ist. Die Chinesen hätten sich das ausgedacht, um der US-Wirtschaft zu schädigen. Womöglich hat der Wahlausgang desaströse Auswirkungen auf die internationalen Verhandlungen zur Begrenzung der globalen Erwärmung. Die Intention der Ökoroutine ist dadurch gleichwohl nicht gefährdet. Die bisherigen Standards wurden schließlich auch ohne die Zustimmung der Amerikaner beschlossen. Das gilt beispielsweise für den CO2-Ausstoß der Autoflotte, oder den Standby-Verlust von Elektrogeräten. Sie gelten in der gesamten Europäischen Union, befördern grüne Innovationen und haben internationale Strahlkraft. Denn Produkte aus den USA und China müssen die hiesigen Standards einhalten.

Gewiss, um Standards und Limits ins Werk zu setzen, braucht es mutige und entschlossene Politiker/-innen und engagierte Bürger. Wenn die Menschen in Berlin auf die Straße gehen und rufen »Wir haben es satt!«, können sich verantwortungsbewusste Landwirtschaftspolitiker leichter durchsetzen. Die Agrar- und Verkehrswende wird sich dabei nicht Hand in Hand mit BASF und VW auf den Weg bringen lassen. Die Profiteure der alten Ordnung sind gegenwartsfixiert, dafür gibt es viele systemische Gründe. Reformer haben es daher nicht leicht, doch der Einsatz lohnt sich. Der jüngste Beleg ist die Energiewende. Das Gesetz für Erneuerbare Energie nahm vor 30 Jahren seinen Anfang mit den Aktivitäten eines Solarvereins in Aachen. Solarstrom ist heute Routine. Es ist schwer, Strukturen und Routinen zu ändern, aber es ist möglich.

Michael Kopatz ist der Autor von "Ökoroutine - Damit wir tun, was wir für richtig halten", oekom verlag, München 2016.

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