Klimaschutz durch Anspruchsbegrenzung Pioniere und Störenfriede müssen durch Verzicht den Wandel vorwegnehmen

Bild von Niko Paech

Expertise:

Niko Paech ist außerplanmäßiger Professor im Bereich der Pluralen Ökonomik an der Universität Siegen

Ein Verbot von Plastikhalmen, die Förderung von E-Mobilität - die Politik betreibt nur Symbolik. Der Einzelne muss Rechtfertigungsdruck ausüben. Bis der Rückbau der Industrie unausweichlich wird.

Der Planet ächzt unter Modernisierungsstress. Gemessen an ihrer Gesamtbilanz sind alle Nachhaltigkeitsbemühungen, die auf technischen Neuerungen, marktwirtschaftlichen Prinzipien und politischen Entscheidungen beruhten, fehlgeschlagen. Es findet sich kein ökologisch relevantes Handlungsfeld, in dem die Summe bekannter und neuer Schadensaktivitäten nicht permanent zugenommen hätte. Nun will am 20. September das Klimakabinett tagen, zudem haben sich Streiks angekündigt. Welche Wirkungen sind davon zu erwarten?

Vermutlich nicht mehr als das, was lange geschieht: Der ökologische Handlungsdruck wird schmerzfrei und folgenlos an die drei Abteilungen des bewährten Problemverwaltungsapparates weitergeleitet. Bei der ersten handelt es sich um die Wissenschaft, von der innovative Technologien erwartet werden, welche die Umwelt entlasten - ohne den permanenten Güterzuwachs zu beeinträchtigen. Sodann ist die Wirtschaft dafür zuständig, die nachhaltigen Lösungen, auf denen das nunmehr grüne Wachstum beruht, profitabel zu vermarkten. Drittens sollen parlamentarische Entscheidungen durch vernünftige Rahmenbedingungen und Gesetze dazu beitragen, dass sich Klimaschutz und Wohlstandschutz bestens ergänzen.

Technische Innovationen bewirken bestenfalls, dass Nachhaltigkeitsdefizite verlagert werden

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Kein anderes Land dürfte relativ zu seiner Größe derart üppig in diese Logik einer ökologischen Modernisierung investiert haben wie Deutschland. Die sogenannte „Energiewende“ wird weltweit als Kopiervorlage für „grünes“ Wachstum bestaunt, was wiederum selbst erstaunt. Verkörpert doch gerade dieses Unterfangen par excellence die Tragik technizistischer Weltrettungsprogramme. Wird nämlich das realisierte und absehbare CO2-Vermeidungspotenzial der Erneuerbaren in Relation zum dafür notwendigen Ressourcenaufwand, insbesondere zu den Naturbeeinträchtigungen gesetzt, bestätigt sich einmal mehr, dass technische Innovationen bestenfalls bewirken, Nachhaltigkeitsdefizite in andere physische Dimensionen zu verlagern, die ebenfalls schnell an ihre Belastungsgrenzen stoßen.

Selbst wenn es je gelänge, für den aktuellen Lebenswandel ökologische Substitute zu erfinden, resultierte nur ein Fass ohne Boden. Es entstünden immer mehr Verkehr und ständig neue Güter, die ökologisch zu entschärfen wären: in der Digitalisierung, in der Industrieproduktion, im Wohnungsbau, im zunehmenden Waren- und vor allem globalen Personenverkehr, im Service- und Freizeitkonsum ... Es ist kein Ende in Sicht. Wie auch? Dieselben demokratischen Regierungen, die nur so lange gewählt werden, wie sie Wohlstands- und Freiheitsgeschenke versprechen können, sollen zugleich ein Klimaschutzwunder vollbringen. Dieser Spagat entspricht dem eines Drogensüchtigen, der parallel zu einer Entzugskur die Heroindosis erhöhen möchte.

Die Politik entlastet nur das Wähler-Gewissen, nicht die Ökosphäre

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deshalb bleibt politischen Entscheidungsträgern nichts anderes übrig, als mit purer Symbolik (etwa dem Verbot von Plastikstrohhalmen) oder additiven Maßnahmen (etwa der Förderung der E-Mobilität) Nachhaltigkeitsengagement zu simulieren. Damit lässt sich zwar das Gewissen der Wähler, nicht aber die Ökosphäre entlasten. Die unbändige Verführungskraft dieser grünen Kosmetik speist sich nicht nur daraus, dass sie vorgibt, einen Lebensstil retten zu können, der nicht zu retten ist. Vor allem gibt sie den perfekten Blitzableiter ab, der von individueller Verantwortung entlastet.

Wenn die Technik versagt, hilft nur eine Anspruchsbegrenzung

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die von niemandem offen ausgesprochene Konsequenz dieses Irrwegs lautet: Wenn sich das Genuss-ohne-Reue-Versprechen eines grünen Wachstums als Schimäre offenbart, enden zugleich die politischen Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung. Denn wenn die Technik versagt, hilft nur eine Anspruchsbegrenzung. Soll diese global gerecht erfolgen, läge die vertretbare Güterausstattung eines Individuums weit unter dem, was die meisten Europäer angehäuft haben.

Ein gradueller Rückbau der Industrie wird unausweichlich

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Folglich könnte eine wirksame Nachhaltigkeitspolitik hierzulande nur in Reduktion bestehen: Genügsamkeit, Sesshaftigkeit, regionale und lokale Versorgungssysteme sowie ein gradueller Rückbau der Industrie wären unausweichlich. Natürlich ließe sich ein derartiges Postwachstumsprogramm sozial nivellierend umsetzen, sodass jene, die nicht oder am wenigsten über ihre ökologischen Verhältnisse leben, von Einschränkungen verschont blieben. Aber das beträfe eine verschwindende Minderheit. Somit müsste die Politik ausgerechnet jener Mehrheit, von der sie gewählt werden möchte, einen Wohlstandsentzug auferlegen. Dagegen wäre die Quadratur des Kreises ein Kinderspiel.

Nachhaltige Lebenskunst geht zunächst von einer weniger risikoscheuen Minderheit aus

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deshalb kann der letzte Ausweg nur in dezentralen Entwicklungen bestehen, die den nötigen Wandel ungeachtet politischer Mehrheiten und technischer Vorbedingungen exemplarisch vorwegnehmen. Klimafreundliche Lebensführungen, die individuell oder vernetzt ausgeführt werden, bringen ökologisch ruinöse Praktiken unter Rechtfertigungsdruck. Sie bilden das einzig wirksame Kommunikationsinstrument, mit dem ein kultureller Wandel befördert werden könnte. Dieser lässt sich nicht von oben oktroyieren. Menschen verändern ihren Lebensstil nur, wenn sie innerhalb ihres sozialen Umfeldes andere beobachten können, die glaubwürdig eine nachhaltige Daseinsform praktizieren. Die Verbreitung nachhaltiger Lebenskunst geht zunächst von einer weniger risikoscheuen Minderheit aus, die entsprechende Blaupausen vorlebt, die dann von anderen übernommen werden können.

Es nützt also nichts, auf eine Politik zu setzen, die handlungsunfähig ist, weil sie von Mehrheiten abhängt, die nicht bereit sind, spontan ihren Lebensstil abzuwählen. Nötig ist, dass Teile der Zivilgesellschaft den Wandel in Nischen vorwegnehmen. Begleitet von der wachstumskritischen Nachhaltigkeitsforschung kann erprobt werden, welche Versorgungssysteme, Arbeitszeitmodelle, Bildungsinhalte, Ernährungsweisen und wie viel Konsum, Mobilität, Wohnraum, Service-Komfort sowie Digitalisierung mit einer global gerechtigkeitsfähigen Lebensführung vereinbar wären. Nur so lassen sich weitere Teile der Gesellschaft und schließlich auch die Politik in Resonanz versetzen. Unersetzlich sind dabei Pioniere und Störenfriede, die den Steigerungswahn durch praktizierte Gegenentwürfe delegitimieren und damit zugleich eine Alternative anbieten. Kein leichter Weg, aber der einzige.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Frank Fidorra
    Der beschriebene radikalökologische Ansatz (so nenne ich das mal) wird nicht funktionieren. Nicht nur, weil die "Masse" nicht mitspielt, wie Herr Paech selbst zugibt, sondern weil Deutschland nicht allein auf der Welt ist. Selbst wenn Deutschland den von Herrn Paech vorgeschlagenen Weg gehen würde, gäbe es sicher andere Länder, die die Probleme innovativ angehen würden. Die wären am Ende erfolgreicher und leistungsfähiger. Deutschland kann sich mit selbstgewählter Askese nur selbst ins Abseits manövrieren.

    Völlig unverständlich ist für mich auch der Innovationspessimismus, der dem Artikel zu Grunde liegt. Das verstehe ich schon deshalb nicht, weil wir an vielen entscheidenden Stellen bereits Lösungen vorliegen haben, die allerdings implementiert werden müssen (was schwierig genug ist). Regenerative Energieerzeugung, emissionsfreie Fahrzeuge, kompostierbare Kunststoffe sind nur Beispiele.

    Der Verdacht entsteht, dass Herr Paech den Klimawandel zur Durchsetzung ganz anderer politischer Ziele nutzen will. Dieses Aufladen der Klimadebatte mit sekundärpolitischen Agenden ist für das eigentliche Ziel erheblich kontraproduktiv.
  2. von Uwe R.
    "Pioniere und Störenfriede müssen durch Verzicht den Wandel vorwegnehmen"

    Na dann mal mit gutem Beispiel voran und auf die Wohlversorgung und Absicherung beim Staat verzichten.

    Ansonsten war und ist Deutschland noch das Land der Nobelpreisträger, Naturwissenschaftler, Ingenieure, Techniker, Meister, Facharbeiter und Tüftler. Da kann man eher drauf vertrauen.