Moral hilft nicht Scham, Schuld und Sühne

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FDP-Politiker und Philosoph

Expertise:

Lukas Köhler ist studierter Philosoph und FDP-Politiker. Seit 2017 ist er Mitglied des Deutschen Bundestags.

Selbst mit einem kompletten Flugverzicht könnten wir den Klimawandel nicht stoppen. Uns hilft kein Ökomoralismus, wir brauchen Innovationen und pragmatische Ideen. Ich habe welche.

Weltuntergang, Klimasünder und jetzt auch noch Flugscham: Aktuelle Umwelt- und Klimaschutzdebatten triefen vor Moralismus, und eines der liebsten Feindbilder moralischer Umweltschützer ist das Fliegen. Zweifelsfrei ist: Dessen Einfluss auf das Klima zu reduzieren ist nötig und möglich. Doch selbst mit einem kompletten Flugverzicht könnten wir den Klimawandel nicht stoppen - hier also mein progressiver Gegenentwurf zur Flugscham.

Flugscham ist in, weil sich schämen einfach ist - auch, wenn es sachlich nicht begründet ist.

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Leicht gebräunt und schwer erholt kam eine gute Freundin von mir gerade aus ihrem Urlaub in Lissabon wieder. „Wie war’s?“ fragte ich sie, woraufhin sie traurig lächelte. „Superschön“, seufzte sie, „aber eigentlich will ich solche Reisen wegen der hohen Klimabelastung nicht mehr antreten.“ „Okay. Wie hoch ist denn der Anteil“, fragte ich daraufhin, „den das Fliegen am weltweiten CO2-Ausstoß hat?“ „Keine Ahnung“, antwortete sie prompt, „das kann ich dir nicht einmal ungefähr sagen.“ Ich verstehe das, denn im moralisch aufgeheizten Klima ist es schwer, sich nicht zu schämen -   auch wenn es sachlich nicht begründet ist.

Die Horrormeldungen in den Medien heizen die Alarm-Stimmung an.

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Damit dürfte sie nicht die Einzige sein, was kein Wunder ist: Als „Klimakiller Nummer eins“ bezeichnet nicht nur der SWR das Fliegen, DIE ZEIT greift mit ihrem Titel „Die Hölle am Himmel“ noch tiefer in die apokalyptisch-journalistische Trickkiste und in Skandinavien ist „Flygskam“ längst zum Lebensgefühl geworden. Soweit, so unsachlich, aber weil das religiöse Dreieck aus Scham, Schuld und Sünde den Klimawandel nicht stoppen wird - und nur darum muss es uns gehen! -, packe ich die Sache lieber pragmatisch und progressiv an.

Wieso ausgerechnet bei der sichersten und schnellsten Reiseart sparen?

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Denn die korrekte Antwort lautet: Der Anteil des Luftverkehrs am weltweit emittierten CO2 liegt unter drei Prozent. Sicher: Auch hier gibt es ein Einsparpotenzial - aber wie sinnvoll ist es, diesen Anteil ausgerechnet bei der schnellsten und sichersten Form des Reisens zu sparen? Gar nicht, denn so ungern Vertreter des symbolischen Umweltschutzes es auch lesen mögen: Selbst wenn wir von heute auf morgen den gesamten Flugverkehr ersatzlos einstellen, würde die Erderwärmung dadurch nicht gestoppt.

Verzichtshandlungen dienen vielleicht dem ökologischen Image des Asketen - dem Klima aber nicht.

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Und falls Ihnen meine Argumentation Bauchschmerzen bereitet, müssen Sie wissen: Als Klimapolitiker habe ich weder die Zeit noch die Nerven für symbolisch-moralische Verzichthandlungen - die dienen vielleicht dem ökologischen Image des Asketen, ändern am Klimawandel aber leider gar nichts. Ich suche stattdessen nach Lösungen, die das Klima tatsächlich schützen - dazu gleich mehr, aber zuerst einige Klarstellungen:

Die Groko ist ein schlechtes Vorbild - man denke an die Bonn-Berlin-Flüge.

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Natürlich gibt es unnötige Flugreisen, die durch Zugfahrten oder Videokonferenzen ersetzt werden können; natürlich ist die GroKo auf einem Irrweg, wenn sie keinen Plan für die Klimaneutralität des Fliegens vorlegt und gleichzeitig den Ausbau von Hochgeschwindigkeitstrassen bei der Deutschen Bahn nicht voranbringt; und natürlich ist diese Bundesregierung ein schlechtes Vorbild, wenn sie ihre Mitglieder von Bonn nach Berlin fliegt, um die Maschine danach leer (!) zurückzufliegen. Das sind einige der dunklen Seiten der Flugmedaille, die sich politisch beheben ließen - es gibt aber auch helle: der interkulturelle Austausch der Völker, das Zusammenführen von beruflich getrennten Familien, die physische Vernetzung der Welt.

Wir brauchen: Wettbewerb statt Verbot und Innovation statt Askese.

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Und mal Hand aufs Herz: Halten Sie es für fair, dass die Regierung keinen guten Plan für die Zukunft des Fliegens hat, aber wir ein schlechtes Gewissen für unsere Urlaubsreisen haben sollen? Mein moralbefreiter, also pragmatisch-progressiver Gegenentwurf zur Flugscham besteht daher in einem zweifachen Umdenken: Wettbewerb statt Verbot und Innovation statt Askese.

Der Emissionshandel ETS fördert über den Preis die Entwicklung klimafreundlicher Technologien.

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Dieser Wettbewerb funktioniert bereits, und zwar in Form des Europäischen Emissionszertifikatehandels, kurz ETS. Dabei gibt die EU die exakte Höchstmenge der Klimagase vor, die in einem Jahr ausgestoßen werden dürfen, und versteigert Zertifikate, die Unternehmen jeweils zum Ausstoß einer Tonne CO2 berechtigen. Der Trick: Das Ziel wird genau erreicht, und jedes Jahr werden weniger Zertifikate versteigert, so dass der Preis steigt und damit all jene begünstigt, die klimafreundliche Technologien entwickeln. Auf diese Weise werden die klugen Kräfte des Marktes mit den wichtigen ökologischen Vorgaben des Staates kombiniert, und im Ergebnis wird nicht nur nachweislich CO2 eingespart, sondern es wird dort eingespart, wo es am günstigsten ist. Denn im Gegensatz zu moralischen Umweltschützern ist es der Atmosphäre vollkommen egal, wo das CO2 reduziert wird.

Wer fliegt, verbraucht Zertifikate, die anderswo fehlen. Klingt gut? Ist es auch! ETS sollte in allen Sektoren gelten.

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Der innereuropäische Luftverkehr nimmt bereits am ETS teil, so dass meine Freundin mit ihrem Flug dafür gesorgt hat, dass Zertifikate woanders fehlen, dadurch teurer werden und Unternehmen zu innovativem Denken anreizen. Klingt gut? Ist es auch! Und genau deshalb setzen wir uns mit Nachdruck für die Ausweitung des ETS auf alle Sektoren ein - denn auch wenn das wettbewerbsorientierte System des ETS kompliziert ist, können wir ganz pragmatisch festhalten: Es funktioniert.

Genauso wichtig ist allerdings der zweite, der progressive Gegenentwurf zur asketisch motivierten Flugscham: die Innovation. Denn seitdem wir Menschen im Zuge der Aufklärung die Vernunft für uns entdeckt und daraus wissenschaftliches Denken abgleitet haben, erlebt die Menschheit ein nie da gewesenes Maß an Fortschritt - ethisch, medizinisch und eben auch technisch. Und die Geschwindigkeit, in der dieser technische Fortschritt stattfindet, ist geradezu atemberaubend. Die Natur- und die Ingenieurswissenschaft haben so bahnbrechende Leistungen hervorgebracht, dass wir mit gutem Grund zuversichtlich sein dürfen - auch und gerade in der Flugbranche.

Bio-Kerosin und damit klimaneutrales Fliegen ist alles andere als utopisch.

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Trotz steigendem Flugverkehr verbrauchen Flugzeuge immer weniger Kerosin, vor allem aber geht die Forschung an alternativen Kraftstoffen mit großen Schritten voran. Das Fraunhofer Institut Umsicht hat bereits Bio-Diesel aus Klärschlamm hergestellt - Bio-Kerosin und damit klimaneutrales Fliegen ist also alles andere als utopisch. Wasserstoffflugzeuge sind zwar noch klein, haben aber ihre Jungfernflüge erfolgreich hinter sich gebracht. Und vor kurzem hat die bei München ansässige Firma Lilium ihr erstes Lufttaxi senkrecht starten lassen. 36 Elektromotoren bewegen den gerade mal 1,5 Tonnen leichten Fünfsitzer-Jet mit 300 km/h eine Stunde lang durch die Luft, perspektivisch sogar autonom - genau das sind die progressiven Ideen, die wir brauchen: forschen, tüfteln und weiterdenken statt schämen, beschämen und Weltuntergangsstimmung verbreiten.

Die Bundesregierung sollte dringend die Bahn ausbauen - dann wird sie auch besser genutzt.

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Und zum Abschluss noch zwei klare Forderungen an die Bundesregierung: Bauen Sie schnellsten die Deutsche Bahn besser aus - dann wird sie auch mehr genutzt! Und sobald Lilium seine Lufttaxis wie geplant im Jahr 2025 zum Einsatz bringt: nutzen Sie die - insbesondere für Ihre Wege zwischen Bonn und Berlin, statt wie bisher tonnenweise Kerosin in Leerflügen zu verschwenden!

Bis dahin wünsche ich aber erst einmal all jenen, die sich vom Ökomoralismus nicht haben einschüchtern lassen oder aufs Fliegen angewiesen sind, einen guten Flug - ganz ohne Scham!

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