Weiter so ist keine Alternative Jeder kann was tun - die Politik muss was tun

Bild von Lena  Riesenegger
Klimaaktivistin

Expertise:

Lena Riesenegger ist in der Klimagerechtigkeitsgruppe „Am Boden bleiben“ aktiv.

Flugscham hin oder her - die notwendigen Änderungen zur Reduktion des exzessiven Flugverkehrs müssen auf politischer Ebene umgesetzt werden. Statt Bonusprogramme für Vielflieger braucht es eine gerechte Besteuerung und eine personenbezogene Vielfliegerabgabe.

Seit etwa einem Jahr geistert das Phänomen Flugscham auch im deutschen Sprachraum herum. Was mit einer Initiative des schwedischen Fernsehmoderators Björn Ferry begann, breitete sich bald darauf auch auf die schwedische Bevölkerung aus. Seitdem stieg die Nachfrage nach Nachtzugverbindungen in Schweden massiv an und es gab einen Rückgang von mehr als drei Prozent bei den Inlandsflügen. Dass der durch Flugverkehr verursachte CO2-Ausstoß gesenkt werden muss ist keine Frage mehr. Und das wird nicht durch Scheinlösungen wie Kompensationen oder Wundertechnik geschehen.

Wir müssen weniger fliegen - doch die Politik sieht dem rasanten Wachstum der Flugreisen tatenlos zu.

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Wir kommen nicht darum herum: Insgesamt muss weniger geflogen werden. Der Verzicht von Flugreisen trägt auf individueller Ebene dazu bei. Doch nur mit diesem Akt der freiwilligen Selbstverpflichtung können wir die Klimakrise nicht abwenden. Die Politik scheint dabei nicht an einer systemischen Veränderung interessiert zu sein - anders lässt sich nicht erklären, wie sie dem rasanten Wachstumskurs der Branche tatenlos zusieht und den Ausbau von Alternativen vernachlässigt.

Im Jahr 2050 wird der Flugverkehr für fast ein Viertel aller globalen Emissionen verantwortlich sein.

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Vor 100 Jahren startete die erste internationale Linienflugverbindung – seitdem wurde das Fliegen über die Jahre hinweg demokratisiert und schließlich im globalen Norden zum Massenphänomen. Günstige Preise stellen sicher, dass auch Menschen mit geringem Einkommen fremde Kulturen kennen lernen und im Ausland lebende Familienmitglieder besuchen können. Und doch sind 2017 nur drei Prozent der Weltbevölkerung geflogen. 80 bis 90 Prozent haben noch nie ein Flugzeug betreten. In Zukunft werden sich immer mehr Menschen das Fliegen leisten können - Studien sagen ein massives Wachstum des Flugverkehrs voraus: Im Jahr 2050 wird er für fast ein Viertel aller globalen Emissionen verantwortlich sein.

Werden die Nicht-CO2-Effekte berücksichtigt, ist Fliegen hierzulande für zehn Prozent der Emissionen verantwortlich.

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Gleichzeitig ist Fliegen die umweltschädlichste Form der Mobilität. In den CO2-Statistiken der Luftfahrtlobby wird vieles unter den Teppich gekehrt. Insbesondere die sogenannten Nicht-CO2-Effekte wie die höhere Klimawirkung durch Kondensstreifen und Stickoxid-Emissionen in großer Höhe tauchen in den Berechnungen gar nicht auf. Werden diese mit berücksichtigt, ist das Fliegen in Deutschland für fast zehn Prozent der Emissionen verantwortlich. Und der Traum vom CO2-neutralen Fliegen liegt in weiter Ferne. In absehbarer Zeit wird es keine Technologie geben, die synthetisches Kerosin flächendeckend und bezahlbar bereitstellen kann. Dafür wären enorme Energiemengen und die entsprechende Infrastruktur notwendig – um unseren Bedarf zu decken sind diese schlicht nicht vorhanden.

Die Flugindustrie profitiert von unverhältnismäßigen Steuervorteilen.

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Machen wir so weiter wie bisher, fliegen wir auf direktem Weg in die Klimakrise. Wollen wir eine weitere Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad verhindern muss der Flugverkehr – insbesondere bei uns im globalen Norden - massiv reduziert werden. Schon jetzt gehört Ryanair zu den zehn größten CO2-Emittenten Europas. Gleichzeitig profitiert die Flugindustrie von unverhältnismäßigen Steuervorteilen wie der Ausnahme des Kerosins von der Energiesteuer und der internationalen Tickets von der Mehrwertsteuer.

Die Freiheit zu Fliegen schadet den Menschen im globalen Süden extrem.

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Das Image des Fliegens ist cool, es verspricht Weltgewandtheit und Freiheit, ist Ausdruck eines globalisierten Lebensstils. Diese Freiheit, die nicht nur beim Fliegen vehement eingefordert wird, geht aber insbesondere bei dieser Form der Mobilität auf Kosten vieler anderer. Auf Kosten der Menschen, die im globalen Süden von steigenden Meeresspiegeln und den daraus resultierenden Wetterextremen betroffen sind. Auf Kosten derjenigen, die global gesehen am wenigsten zum Klimawandel beitragen. Während wir uns Gedanken machen, wie wir die Bio-Handcreme aus dem Unverpackt-Laden am besten im Handgepäck für den Malediven-Urlaub unterbringen, zerstören die Auswirkungen der Klimaerhitzung dort Ökosysteme und Lebensgrundlagen.

Spenden für Kompensationsprojekte sind der Ablasshandel für ein gutes Gewissen. Mehr nicht.

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Auch mit Spenden für Kompensationsprojekte für einen vermeintlich CO2-neutralen Flug erkauft man sich nur ein reines Gewissen. Nicht umsonst gibt es Vergleiche zum mittelalterlichen Ablasshandel der Kirche. Die Projekte sind häufig intransparent, Studien zufolge berechnet ein Großteil die Einsparungen zu hoch. Letzten Endes tritt hier auch wieder die unglaubliche Ungerechtigkeit des Fliegens zutage: damit wir mit reinem Gewissen die Erde aufheizen können, sollen Menschen im globalen Süden ihre Treibhausgase reduzieren.

Wir brauchen bessere und billigere Bahnverbindungen - statt Bonusprogramme für Vielflieger.

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Die angeführten Probleme lassen es erahnen: Die Diskussion muss endlich über die des individuellen Flugverzichts Einzelner hinausgehen. Flugscham hin oder her - die notwendigen Änderungen zur Reduktion des exzessiven Flugverkehrs müssen auf politischer Ebene umgesetzt werden. Statt Bonusprogramme für Vielflieger braucht es eine gerechte Besteuerung und eine personenbezogene Vielfliegerabgabe. Flughafeninfrastrukturprojekte müssen gestoppt und sinnlose Inlands- und Kurzstreckenflüge eingestellt werden. Gleichzeitig braucht es massive Investitionen in Alternativen wie die Bahn, die diese auch länderübergreifen erschwinglich und komfortabel macht. Sind diese erstmal da, werden sie auch genutzt: so stellte die Lufthansa-Tochter Eurowings auf der Strecke Nürnberg-Berlin vor kurzem ihre Verbindung ein, weil der neue ICE Sprinter eine attraktive und schnelle Alternative darstellt. Und nicht zuletzt hängt an der Umsetzung eines nachhaltigen und gerechten Mobilitätssystems auch die Frage nach anderen Arbeitsbedingungen, Zeitwohlstand und grundsätzlicher Umverteilung.

Die Frage nach dem Flugverzicht hat die Diskussion aktueller gesellschaftlicher Normen angestoßen. Das ist gut.

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Dennoch scheint es auch einen Bewusstseinswandel zu geben. Vor allem in der jüngeren Generation und im Zuge der Bewegung um Fridays for Future wird Fliegen immer uncooler. Der Verzicht einzelner mag wenig am System an sich ändern. Auch ist es aus finanziellen oder familiären Gründen für die einen mehr und die anderen weniger leicht nicht mehr zu fliegen. Jedoch wird durch den Flugverzicht die Diskussion aktueller gesellschaftlicher Normen angestoßen und die Entscheidung, nicht zu fliegen, hat Einfluss auf das persönliche Umfeld: So zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie, dass die Hälfte der Befragten, die jemanden kannten der aus Klimaschutzgründen nicht mehr fliegt, erklärt, selbst aus diesem Grund weniger zu fliegen. Wenn nun genug Menschen für sich entscheiden nicht mehr, beziehungsweise weniger zu fliegen, sich organisieren, gemeinsam bestehende Verhältnisse kritisieren und auf diesem Weg beginnen, in der Öffentlichkeit Druck für Veränderung zu machen, dann können die Forderungen auf politischer Ebene umgesetzt werden.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Laszlo Lebrun
    Nimmt man den CO2 Rechner des Umweltbundesamtes zu Grunde und betrachtet man erstmals die Werte des deutschen Durchschnitts im Abschnitt Mobilität/ Flugreisen kommen interessante Erkenntnisse heraus:

    Das Modell des UBA berechnet vereinfachend, aber in der Größenordnung passend, 170 Kg CO2 pro Flugstunde* in der Economyclass. Die 0,56 t CO2 des deutschen Durchschnitts wurden dann rund 3,3 Flugstunden bedeuten.

    Dieser Durchschnitt versteckt allerdings eine sehr differenzierte Wirklichkeit.
    Währenddessen 40 % der deutschen nie fliegen, sind anderen wahren Klimaschänder.

    Dreht man alleine an der Stellschraube "Flugstunden" des Modells und lässt alle anderen Parameter beim deutschen Durchschnitt kommt erstaunliches heraus:

    Schon eine einziger Mittelstreckenreise (zum Beispiel in der Türkei oder nach Teneriffa =7-9 Stunden hin-zurück) bringt sie weit über dem Durchschnitt.

    Fügen sie noch eine Thailandreise hinzu (+22h), ist die Fliegerei bereits _den größten Posten deren persönlicher CO2-Bilanz_ geworden.

    Ein Berater, der jede Woche innerdeutsch zum Einsatzort und zurück fliegt, _verdoppelt alleine mit seiner Fliegerei seine CO2 Bilanz!_

    Ein beruflicher Vielflieger, der 250 h pro Jahr in der Business Class fliegt, belastet die Erde _mehr, als sechs durchschnittlichen Deutschen zusammen_!

    Das sind die Benchmarks die zählen!
    Es kommt auf dem individuellen Beitrag eines jeden an!

    *in dem Modell ist ein RFI von 2,5 berücksichtigt.
  2. von Olaf Genty
    Wenn ich einmal im Jahr einen Innereuropäischen Urlaubsflug antrete stört das niemanden. Das lasse ich mir von Greta und ihrer religiösen Gemeinschaft nicht vermiesen. Das Klima Thema lässt sich nicht auf die kleinen Leute abwälzen. Wie viele Promis heucheln ihre Klima Rettungs Unterstützung und fliegen mehrfach im Monat zwischen USA und D hin und her? Nehmt mal lieber die Industrie in die Mangel anstatt Psychospiele mit dem Gewissen einfacher Bürger zu veranstalten. Selbst wenn wir auch Urlaubsflüge verzichten,... Was meint ihr hilft das wenn Indien, China und Afrika gerade erst unseren Lebensstandart anvisieren. Wenn 450Mio EU Bürger nicht mehr in den Urlaub fliegen, aber 2,5 Mrd. Sich sehnlich wünschen das genauso zu können wie wir, .. das fliegen. Das ganze Thema ist viel komplexer als das eure populistischen Ideen zum Flugverzicht etwas ausrichten könnten.
    1. von Laszlo Lebrun
      Antwort auf den Beitrag von Olaf Genty 19.06.2019, 07:45:52
      Wenn Sie einmal im Jahr zu den innereuropäische Kanaren in Urlaub fliegen, fliegen sie insgesamt 9 h und stoßen dabei 1,5 t CO2 äquivalente in der Atmosphäre, das 2,5 fache des deutschen Durchschnitts. Alleine damit hätten sie ihre nachhaltiges Jahresbudget an CO2 Immissionen bereits ausgeschöpft.
      Natürlich haben Sie mit dem anprangern des Verhalten Anderer Recht, aber das befreit sie nicht von ihrer eigene Verantwortung.