Bonusprogramme von Versicherungen  Bonustarife und Fitnessapps: Das Hintertürchen aus dem Solidarprinzip?

Bild von Maria  Klein-Schmeink
Gesundheitspolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Maria Klein-Schmeink ist seit 2009 Abgeordnete des deutschen Bundestags und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Seit der 18. Wahlperiode ist sie Sprecherin für Gesundheitspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Brauchen wir eine Belohnung für unseren täglichen Spaziergang oder Lauf durch den Park? Maria Klein-Schmeink hält Bonusprogramme hauptsächlich für eine Marketingstrategie und nicht für nachhaltige Prävention und Gesundheitsförderung. Hierein muss deutlich mehr investiert werden. 

Gerade in der gesetzlichen Krankenversicherung wird Solidarität sehr weitgehend gelebt und gerade deshalb schätzen die Bürgerinnen und Bürger sie so ungemein, wie zahlreiche Umfragen immer wieder bestätigen. Hier heißt es grundsätzlich: Jeder Mensch zahlt so viel, wie er angesichts seines Einkommens leisten kann und erhält die Behandlung, die er im Krankheitsfall benötigt. Gesunde für Kranke, Junge für Alte und kostenfreie Versicherung von Kindern und nicht erwerbstätigen Ehepartnern. Vor allen Dingen gibt es keinen Risikoaufschlag, das heißt ganz egal ob ich chronisch krank bin oder eine Behinderung habe, ich zahle den gleichen Beitragssatz.

Der Webfehler im heutigen Solidarsystem: etwa 10 Prozent der Bevölkerung, Gutverdienende, Selbständige und Beamte können oder müssen sich privat versichern und tragen zu dieser Solidarität nicht bei. Unter anderem deshalb gibt es die Forderung nach der Bürgerversicherung, in die alle einzahlen. Im Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung hadern junge, gesunde und gutverdienende Menschen manchmal mit dem Solidarprinzip; es locken günstige private Krankenversicherungen, deren Prämien erst mit zunehmendem Alter deutlich ansteigen. Der scheinbar stetig steigende Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung erscheint ihnen dagegen ungerecht, wo sie sich doch gesund ernähren, viel Sport treiben und so nur selten zum Arzt müssen. Gern vergessen sie für den Moment, dass auch sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lebensverlauf ein schwerwiegenderer Krankheitsfall treffen wird, der hohe Behandlungskosten verursacht. Dann sind die gleichen Menschen froh, in einem Gesundheitssystem aufgehoben zu sein, welches von vielen Schultern getragen wird und jeden unterschiedslos gut behandelt.

Der Webfehler im heutigen Solidarsystem: 10 Prozent der Bevölkerung sind privat versichert. 

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Deshalb müssen wir besonders wachsam sein, wenn es Entwicklungen im System der gesetzlichen Krankenkassen gibt, welche dieses Prinzip aufweichen können.

In den letzten Wochen sind, angestoßen durch eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sogenannte Bonusprogramme der gesetzlichen Krankenkassen ins Blickfeld gerückt. Früher eher ein klassisches Element der privaten Krankenversicherungen, wurden diese von der großen Koalition mit dem Präventionsgesetz zu einer Pflichtleistung der Krankenkassen ausgestaltet. Schon in ihrem Grundansatz zielen diese Bonusprogramme aus meiner Sicht auf ein zu enges Verständnis von Prävention ab, welches hauptsächlich auf kurzfristige Verhaltensänderungen und Belohnung setzt. Denn Statistiken zeigen: Davon profitieren vor allem bereits Gesundheitsbewusste. Ich halte es für wichtiger, vor allem Versicherte, die bisher keinen oder nur einen geringen Bezug zu gesundheitsbewusstem Verhalten und individuellen Präventionsleistungen haben, zu erreichen, aufzuklären, an ein gesundheitsförderndes Verhalten heranzuführen und sie darin zu bestärken. Hierfür müssen wir deutlich mehr als heute investieren. Strukturiert eingesetzt, machen in diesem Zusammenhang auch Gesundheits-Apps z.B. als Unterstützung beim Abnehmen, zum Führen eines Diabetes-Tagebuches und Ähnliches einen Sinn.

Es muss deutlich mehr für Prävention und gesundheitsförderndes Verhalten investiert werden. 

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Davon abgesehen müssen wir uns aber auch fragen, ob es Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung ist, mit Versichertengeldern das bereits Gesund-Sein mit Geldern oder anderen Prämien zu belohnen. Die Verbraucherzentrale NRW hat in ihrer Untersuchung festgestellt, dass fast ein Drittel der Bonusbedingungen aus Werten besteht, die allein Gesundbleiben belohnen. Prämien von bis zu 100 Euro locken. Sie sind damit aus meiner Sicht hauptsächlich ein Marketinginstrument zur Gewinnung und Bindung junger und gesunder Versicherter und dienen nicht wirklich der Prävention und Gesundheitsförderung.

Die Bonusprogramme sind hauptsächlich eine Marketingstrategie. 

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Umso mehr gilt dies für den zunehmenden Einsatz von sogenannten Wearables innerhalb dieser Bonusprogramme. Die Verlockung diese, im Rahmen der Bonusprogramme einzusetzen, ist natürlich groß. Denn die Botschaft ist einfach: Wer sich bewegt, sagen wir einmal 10.000 Schritte am Tag, der wird dafür auch belohnt. Das kommt bei all den, oben angesprochenen, jungen und fitten Versicherten natürlich erst einmal gut an. Ein cooles Fitnessarmband oder eine Smartwatch tragen und dafür auch noch Geld von der Kasse.

Hier müssen wir uns grundlegende Fragen stellen:

Ist es ungerecht, dass Kranke und Alte nicht im gleichen Maß an den Belohnungen teilhaben können? 

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Brauchen wir wirklich einen Bonus fürs Spazierengehen, für unseren Lauf durch den Park? Ist es gerecht, wenn all diejenigen, die aufgrund ihrer Krankheit oder ihres Alters nicht mehr in der Lage sind, an solchen Bonusprogrammen im gleichen Maße teilzuhaben, die Prämie in dem Umfang auch nicht erhalten können? Ist überhaupt der Datenschutz gewährleistet, wenn Versicherte mit Hilfe dieser Apps und Wearables ihre persönlichen Vital- und Bewegungsdaten zur Verfügung stellen? Gesetzliche Krankenkassen dürfen diese nicht sammeln, da haben wir zum Glück sehr strenge Datenschutzregeln in unseren Sozialgesetzbüchern. Aber was machen Google oder Apple mit diesen Fitnessdaten, die mit Hilfe der Tracker gesammelt wurden?

Der Schutz der Fitnessdaten ist gefährdet. 

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Aber auch im Bereich der privaten Krankenversicherung stellt der Einsatz von Wearables und Gesundheits-Apps eine Verlockung dar, der wir mit Wachsamkeit begegnen müssen. Die Generali Versicherung macht hier mit ihrem Vitality-Tarif einen ersten Schritt auf einem Gebiet, auf das auch viele andere schon länger ein interessiertes Auge geworfen haben. Auch hier wird der Einsatz von Wearables und Gesundheits-Apps mit Boni kombiniert. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass die Tarife in der privaten Krankenversicherung nicht, wie in der gesetzlichen Krankenversicherung, strikt einkommensbezogen erhoben werden, sondern sich nach dem individuellen Krankheitsrisiko des zu Versichernden richtet. Da wäre es doch nur allzu verführerisch, die mithilfe von Gesundheits-Apps und Wearables gewonnenen Daten auch für die Tarifkalkulation zu nutzen. Im Moment ist das noch eine Zukunftsvision, aber wie schnell aus Zukunft Wirklichkeit werden kann, zeigt uns gerade die rasante Entwicklung der Digitalisierung ja ständig aufs Neue.

Deshalb müssen wir jetzt vorausschauend agieren, um die Potentiale, welche die Digitalisierung im Gesundheitswesen bietet, für eine gute Versorgung voll auszuschöpfen und ihr gleichzeitig die Regeln vorzugeben, die nötig sind, um Datenschutz, Patientensicherheit und die informationelle Selbstbestimmung von Versicherten und Patienten zu gewährleisten.

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