Wo ist die coole muslimische Jugend hin? Salafismus? Klingt wie ein deutsches Dressing.

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Gründer von KuKü - Kunst und Kültür

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Ömer Mutlu ist Gründer von KuKü - Kunst und Kültür. KuKü ist ein interaktives Internetportal auf Türkisch und Deutsch. Veröffentlicht werden eigene Videos und Beiträge aus der KuKü-Community. Die Autoren befassen sich unter anderem mit Urbanität, Kunst aus dem Nahen Osten, Religion, Politik und Identitätsfragen.

Warum junge Muslime Erdogan-Anhänger werden. Der Gründer der Kulturplattform Kukü, Ömer Mutlu, erinnert sich an seine eigene Jugend und versucht, das Phänomen zu erklären.

„Ich liebe Gott, aber hasse seine Fans.“

So ähnlich ist es bei mir auch. Hass ist ein sehr starkes Gefühl – die wenigsten Menschen verdienen es, von mir gehasst zu werden. Und die coolen Fans meine ich auch nicht. Für mich kritisiert der Spruch die Instrumentalisierung und Politisierung der Religionen durch Menschenhand – sei es durch die Medien oder die Gesellschaft. Genau meine Religion steht im Fadenkreuz aller: der Islam.

Mit 15 Jahren kam ich nach Deutschland. Nein – nicht aus der Türkei. Geboren in Feldkirch, wuchs ich in einer 7000 Einwohner Gemeinde des beschaulich-idyllischen österreichischen Bundeslandes Vorarlberg auf. Ich bin quasi ein „Milka-Törk“. Bis zu meinem 25. Lebensjahr wusste ich nicht einmal, was Salafisten sind. Salafisten waren für mich Deutsche, die zum Islam konvertiert waren. Pierre Vogel, das Aushängeschild der deutschen Salafistenszene, war auch für mich der erste Salafist. Entdeckt habe ich ihn damals auf Youtube.

Es ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, Muslim in Deutschland zu sein.

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Ich bin der klassische Sohn einer klassischen Migrantenfamilie mit türkischen aka muslimischen Wurzeln. Classic. An Freiheit hat es mir nie gefehlt: Ich hab sie mir einfach genommen. Heimliche Parties, heimliches Rauchen, Alkohol. Warum? Nein, nicht was Sie denken. Nicht wegen meinen strengen Eltern und meinem muslimischen Background. Sondern weil ich viel zu jung für den Scheiß war. Meine Eltern haben es mir genauso wenig erlaubt wie die Eltern von Andreas oder Fabian. Die Jahre zogen ins Land. Ich wurde älter. Und es wurde schwieriger, in Deutschland Muslim zu sein.Als Kind war es einfach. Die Mutter meines deutschen Freundes, bei dem ich öfter über Nacht blieb, sollte wissen, dass ich kein Schwein esse. Das war's. Da wurde ich nicht gezwungen, mich ständig zu positionieren und zu rechtfertigen. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es für mich als Muslim. Immer mehr Fragen löcherten meinen Bauch: Warum darfst du kein Schwein essen? Wieso trinkst du als Muslim Bier? Ist das nicht verboten? Darf deine Schwester selbst entscheiden, wen sie heiratet? Trägt deine Mutter Kopftuch? Das sind noch die harmlosen. Die ständigen Fragen zwangen mich dazu, mir selbst die Frage zu stellen: Was bedeutet es eigentlich Muslim zu sein?

Kurze Anekdote: Als Jugendlicher war ich zu Besuch bei meiner deutschen Freundin. Ihre Mutter mochte mich anfangs nicht. Sie, die mehr Gefallen an gelegentlicher Meditation als am Glauben fand, sah den Grund für alles Übel auf der Welt in den Religionen. Ich verteidigte den Islam. Wies auf politische Interessen hin, die eher Gründe für Kriege sind als meine Religion. Aber damit stieß ich bei ihr auf Granit.

Eines Abends in der Küche. Meine Freundin, ihre Mutter, ein paar andere Erwachsene und ich. „Möchtest du auch einen Kakao?“ Ich holte Luft um zu antworten, da unterbrach sie mich schon: „Da ist bestimmt kein Schweinefleisch drin!“ Sie lächelte. Keine Ahnung, was sie meinte. Ein dummer Witz auf Kosten eines 15-Jährigen? Sehe ich so blöd aus? Dachte sie wirklich, dass ich nicht weiß, dass Kakao herzlich wenig mit Schweinfleisch zu tun hat? Anyway. Ich wusste nicht wie ich angemessen reagieren sollte. Es hat mich verletzt. Bloßgestellt. Krass gedemütigt. Der engstirnige Türke, der ständig aufmuckt, weil er kein Schwein konsumieren will.Vielleicht empfinden Sie diese Erfahrung als harmlos. Aber es ist nur eine von vielen. Nur weil ich Türke bzw. Muslim bin. Trotzdem habe ich mich dagegen gewehrt zu verallgemeinern. Schließlich gibt es auch die „Anderen“ (mit denen ich Gottseidank auch positive Erfahrungen gesammelt habe).

Als Muslim ist man ständig mit unterschwelligem, latenten Rassismus konfrontiert.

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Trotzdem: Da war die ständige Konfrontation mit unterschwelligem, latenten Rassismus. Egal ob in der Schule, auf der Arbeit oder im privaten Umfeld. Auch die Medien sind schon lange auf diesen Zug aufgesprungen: zum Beispiel in der Debatte rund um Jan B.

Ich habe mich von Jan Böhmermann überhaupt nicht angegriffen gefühlt. Nicht weil ich Anti-Erdogan bin, oder weniger Türke/Muslim als andere. Ich habe mich einfach nur nicht angesprochen gefühlt. Ich kann aber die krasse Reaktion der türkischen Community total nachvollziehen. Böhmi hat Papa Erdogan, den Mann, der sich um uns kümmert, uns ein Gefühl von Selbstbewusstsein gegeben hat, einen Ziegenficker genannt. Auch Didi hat sich in die aktuelle Diskussion eingemischt und einen Song für Recep Tayyip Erdoğan geschrieben, um Jan Böhmermann den Rücken zu stärken. Der Wert des Beitrags mag diskutiert werden - denselben Effekt wie Böhmermanns »Gedicht« hatte die Veröffentlichung seines Songs nicht. Richtet man seinen Blick nun auf die vielen Kommentare auf Facebook, die im Zuge der Diskussionen veröffentlicht werden, beschleicht einen das Gefühl, dass die Debatte ein gefundenes Fressen für all diejenigen darstellt, die sie für ihre eigene Hetze instrumentalisieren möchten.

Wird Rassismus wieder salonfähig?

Wolfgang L. schreibt zur Böhmermann-Affäre auf der Facebook Seite der Tagesschau: " (…) Der Großmufti von Ankara muss endlich begreifen, dass in Deutschland deutsches Recht gilt. Nicht türkisches Recht und erst recht nicht das Geschmiere eines Mannes, der an einem neunjährigen Mädchen 'die Ehe vollzogen' hat (...)" und bekommt dafür 582 Likes! Das "Geschmiere eines Mannes" ist eine Anspielung auf den Koran, das heilige Buch der Muslime. Welchen Zusammenhang sieht Herr Leisten nun, der ihn zu solch einer Aussage bewegt? Werden nun alle Bemühungen um einen Dialog, der seitens Verbänden, Vereinen oder Institutionen angestrebt wurde, in kürzester Zeit wieder zunichte gemacht? Was passiert nun mit der "deutsch-türkischen" Freundschaft? Wohin führt das Ganze? Und welche Lösungsvorschläge gibt es?

Was mich viel mehr beunruhigt: Wo war die Politik, während Akif Pirinçci & Thilo Sarrazin die Bühne hatten - die meines Erachtens viel krassere Sachen von sich gegeben haben als Jan Böhmermann? Sie wurden in Talkshows eingeladen. Die beiden haben nicht nur EINEN Politiker beleidigt, sondern eine ganze Ethnie und Community. Thilo durfte sogar weiterhin bei der SPD bleiben.

Liebe Medienschaffende. Die Türkei und die dortige Region hat so viel mehr zu bieten als nur die AKP und den Erdoğan. Ich fühle mich reduziert. Reduziert auf einen Menschen und eine Partei. Was ist mit der türkischen Kultur? Ihrer Kunst? Unseren Traditionen? Der Sufismus aus Konya, die Mevlana Tradition, Aleviten und Hadschi Bektasch Wali, Saz, Oud und Ney Musik, Volkslieder der Armenier, Ebru-Kunst, Karagöz und Hacivat, Literatur von Yunus Emre bis zur aussterbenden Art Dengbej der Kurden zu KEMENÇE (Kamanca), Contemporary art istanbul / azerbaijan. Die Türkei ist vielfältiger als AKP gegen PKK.

Man kann und soll kritisch gegenüber der Türkei sein. Ja. Aber woher sollen Jugendliche ihre Informationen bekommen, wenn sie sich für Dengbej, die Dede-Tradition oder armenische Volkslieder statt für die PKK interessieren? Keiner bedient diese Nachfrage.

Diese und ähnliche Erfahrungen können der Grund sein, wieso viele muslimische Jugendliche, sich heute mehr mit den Herkunftsländern ihrer Eltern, als mit Deutschland beschäftigen beziehungsweise identifizieren.

Erdogan gibt den türkischstämmigen Deutschen Halt und Stärke - und bindet sie an die Türkei.

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Wenn von deinen Großeltern bis zu dir, wenn deine ganze Familie immer wieder mit Ausgrenzung und Ablehnung gekämpft hat, suchst du nach Halt und Stärkung. Wenn Recep Tayyip Erdogan dir verspricht: „Du bist nicht alleine! Ich möchte dir helfen. Und ich möchte die Türkei stärker und moderner aufbauen!“ – dann gibt er jungen Menschen genau das, wonach sie suchen.

Durch meine Arbeit bei KuKü (Kunst und Kültür) verfolge ich schon seit Jahren die sozialen Netzwerke. Sie spiegeln wunderbar das Interesse von muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Weil die Inhalte ungefiltert sind. Auch wenn sie Millionen von Jugendlichen mit Klicks, Views, Kommentaren und Sharings erreichen – die Themen sind fast immer gleich: Vaterland, Religion, Hochzeit und teure Autos. Woran liegt das? Wie kann es sein dass die türkische Community die türkische Politik viel mehr verfolgt und verinnerlicht als die Politik die vor Ihrer Nase statt findet und sie unmittelbar betrifft. Ist das überhaupt so oder täusche ich mich vielleicht doch?

Ich weiß es nicht. Es gibt noch viel zu tun. Ich mach mir jetzt was zu Essen. Vielleicht einen Salat mit einem Salafisten-Dressing.

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Wo ist die coole muslimische Jugend hin?

Dieser Text ist eine von mehreren Antworten auf ein Essay der Journalistin und Autorin Cigdem Toprak. Weitere Antworten finden Sie hier.

Wie gefährlich ist die Religion?

Hier diskutieren Wissenschaftler und Aktivisten, ob Religion den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

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