Rebellion = Freiheit? Konservativ heißt nicht unfrei - auch nicht bei Muslimen

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Studentin und engagiert bei JUMA - jung, muslimisch, aktiv

Expertise:

Leila El-Amaire studiert Rechtswissenschaften und ist aktives Mitglied beim Berliner Juma-Projekt. Als solches ist sie auch Teil der Steuerungsgruppe der Neuen Deutschen Organisationen. Sie arbeitet derzeit als Projektleiterin bei i,Slam e.V. in Berlin und arbeitet hierbei mit antirassistischem Fokus viel in den Bereichen Kunst und Kultur. Über i,Slam ist sie viel als Slam-Poetin, Spoken Word Artist und Aktivistin unterwegs.

Die muslimische Jugend soll sich gegen alles wenden, was ihre Eltern repräsentieren - tut sie das nicht, kommt das offenbar einem Verrat an den deutschen Werten gleich. So liest es sich in Cigdem Topraks Generalabrechnung. Das ist eine furchtbar undifferenzierte Sicht auf die Dinge, die auch der Komplexität vieler unterschiedlicher "muslimischer" Lebenswelten in diesem Land kein bisschen gerecht wird. Es ist an der Zeit, in den Begriff der Freiheit auch die Freiheit, nicht zu rebellieren, sondern einverstanden zu sein, mit einzuschließen. 

Man würde meinen, dass man in dem hiesigen Diskurs über "die Muslime” schon so alle möglichen Positionen gehört und überwunden hat. Positionen, die für den Mehrheitsdiskurs eine vermeintliche Expertise oder gar Differenziertheit aufweisen, jedoch einzig und allein der erneuten Kategorisierung und Stigmatisierung des Phänomens “die Muslime” dienen.

Der Diskurs über Muslime wird vor allem ausgrenzend geführt.

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Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Freiheit. Seit jeher müssen sich muslimische Frauen, die sich für ein Kopftuch entschieden haben, anhören, sie seien unfrei. Sogar unfrei eines objektiven Urteilsvermögens, was sich normenrechtlich unter anderem in dem Berliner Neutralitätsgesetz verankert hat. Das hierbei herangezogene Freiheitsverständnis wurde dabei so sehr reduziert, dass es gezielt exkludierend auf eben jene Frauen wirkt.

Die Journalistin und Autorin Cigdem Toprak hat an dieser Stelle gefragt: "Wo ist die coole muslimische Jugend hin". Sie vermisst bei der jüngeren Generation Muslime in Deutschland den "Freiheitsdrang", unterstellt ihnen Konservatismus und Konformität.

Nun jedoch auch jungen Menschen einen mangelnden Freiheitsdrang vorzuwerfen, weil sie nicht gegen ihre Eltern rebellieren (was auch immer Rebellion hier überhaupt bedeuten mag), stellt noch mal eine neue Stufe des unverhohlenen Ausschließungsmechanismus dar, den viele junge Menschen muslimischen Glaubens dieser Tage über sich ergehen lassen müssen.

Wenn das dann auch noch von einer Person kommt, die vermeintlich als Expertin gelesen wird, weil sie mit einem muslimischen Background groß geworden ist oder sich heute so positioniert, dann erscheint jeder Widerstand gegen solch ein aufgestülptes und limitiertes Freiheitsverständnis wie eine krampfhafte Rechtfertigung. Obwohl es einer Rechtfertigung freilich nicht bedarf.

Kann ein Freiheitsverständnis ganz bestimmte Haltung verlangen?

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Wie viel Freiheit kann einem Freiheitsverständnis inne wohnen, welches auf ein ganz bestimmtes Lebenskonzept reduziert ist? Bin ich unfrei, wenn ich mich nicht gegen die gesellschaftlichen Normen oder gar staatlichen Normen auflehne? Oder bin ich dann gar konservativ? Man kann dieses Spiel auf mehreren Ebenen spielen, um zu zeigen, wie kurz gedacht die Assoziationskette “Freiheit=Auflehnung=Rebellion gegen die Eltern=Coolness” ist. Man kann aber auch einfach dabei bleiben, dass es Generationskonflikte in Familien geben kann und wird und jedes Kind sie anders angehen kann. Nicht zuletzt auch, weil die Beziehung zu den eigenen Eltern nun mal eine sehr viel- und vor allem tiefschichtige ist. Wenn man nun “frei” sein möchte, wie die eigenen “deutschen” Freunde, und das wiederum bedeutet in Clubs feiern zu gehen, dann ist das absolut legitim. Problematisch wird es jedoch, wenn der Umkehrschluss, nämlich nicht in Clubs feiern zu gehen, als konservativ oder nicht freiheitsliebend abgetan wird.

Generationen lassen sich nicht nur schwer miteinander vergleichen.

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Auch ist es sehr fragwürdig Generationen mit einander zu vergleichen, deren Kämpfe sich in vielen Bereichen überschneiden, aber in vielen dann eben auch nicht. Dann jedoch mit der selben Erwartungshaltung an die spätere Generation heranzutreten, ist schlichtweg realitätsfern.

Interessant fand ich auch die Aspekte der Shisha Bars und der vermeintlich geschlechtergetrennten Sitzordnung. Tatsächlich sind Shisha Bars ein Raum geworden, in welchem sich nicht wenige junge Menschen muslimischen Glaubens treffen bzw. verabreden. Ich persönlich kenne keine Shisha Bars mit geschlechtergetrennter Sitzordnung. Ich kenne nur abgeranzte Shisha Bars, in welchen fast ausschließlich nur Männer sitzen und die schickeren Versionen, die immer durchmischt sind. Teilweise gibt es in diesen schicken Shisha Bars sogar Regelungen, die eine Durchmischung stringent durchsetzen.

In einigen Shisha-Bars gibt es keinen Alkohol. Ist das jetzt uncool?

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Die angesagtesten Shisha Bars unter den muslimischen Jugendlichen sind vor allem jene, wo kein Alkohol verkauft wird. Nun kann man das erneut als konservativ, konform oder reaktionär abtun, man kann es aber auch einfach lassen, solch eine Präferenz von alkoholfreien Orten überhaupt in irgendeiner Weise zu kategorisieren oder negativ abzuwerten. Oder anders formuliert: Ist das Trinken eines Minztees und das Rauchen einer Shisha plötzlich dann cool und nachahmungswert, wenn es die “deutschen” Freunde tun?

Basierend darauf nun zu fragen, wo die “coole” muslimische Jugend hin sei, zeigt ein großes Loch auf, welches die Autorin des Artikels “Wo ist die coole muslimische Jugend hin?” in ihrer Lebenswirklichkeit hat. Wenn man aus ihrem Freiheitsverständnis und ihrer Definition des Coolseins auf die muslimische Community blickt, dann kann ich ihre Frage verstehen. Das ändert leider nichts daran, dass dieser Blick unheimlich verengt und beschränkt auf eben ihre eigene reduzierte Lebenswirklichkeit ist.

Sich nicht gegen die muslimische Eltern aufzulehnen, wird als Verrat an deutschen Werten missverstanden.

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Ihre Maßstäbe sind keine universellen und nicht auf jegliche Communities anwendbar. Es ist, wie so oft, so, dass man eine klare Definition von Deutschsein auf den Tisch haut. Denn um nichts anderes geht es im Grunde. Deutsch bist du nur, wenn du dieselben Werte vertrittst, den selben Humor hast, dieselbe Definition von Spaß teilst und überhaupt, dich gegen alles wendest, was deine Eltern repräsentieren. Sich nicht gegen sie aufzulehnen, kommt einem Verrat an den deutschen Werten gleich. Das ist zumindest der Eindruck, der mir vermittelt wird, wenn ich diesen Artikel lese.

Dieselbe Haltung, unter der Cigdem Toprak früher litt, legt sie nun den neuen Jungen gegenüber an den Tag. 

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Das Paradoxe ist ja, das ich mit vielem mitfühle, was die Autorin schreibt, z.B. wenn sie darüber schreibt, dass ihre Kämpfe nicht gesehen worden sind und sie sich durch aufgedrückte Labels zerrissen fühlt. Leider macht sie nur dasselbe mit eben jenen jungen Muslimen, und damit auch mit mir, über die sie in diesem Artikel schreibt. Sie sieht und erkennt die Kämpfe unserer Generation nicht an, steht einem Teil unserer Identität, den wir für uns gewählt haben, abwertend gegenüber und stülpt uns Labels über. Dabei sind wir uns, wie bereits erwähnt, in unseren Kämpfen überhaupt gar nicht so unähnlich. Schade eigentlich.

Und sorry, aber so cool wie jetzt, war die muslimische Jugend noch nie. #generationbattles

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Wo ist die coole muslimische Jugend hin?

Dieser Text ist eine von mehreren Antworten auf ein Essay der Journalistin und Autorin Cigdem Toprak. Weitere Antworten finden Sie hier.

Wie gefährlich ist die Religion?

Hier diskutieren Wissenschaftler und Aktivisten, ob Religion den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

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