Weg mit den Pauschalisierungen "Die" muslimische Jugend gibt es gar nicht

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Student und engagiert bei JUMA - jung, muslimisch, aktiv

Expertise:

Yunus Güllü ist 18 Jahre alt und studiert im 2. Semester Publizistik und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Er ist aktives Mitglied im Projekt JUMA – jung, muslimisch, aktiv der RAA Berlin.

„Konservativ“ bedeutet werteorientiert. Aber nur, solange der konservative Mensch kein Muslim ist. Ist er ein Muslim, bedeutet "konserativ": traditionell und "rückständig". Natürlich spielen Werte und Normen für „konservative“ Menschen eine entscheidende Rolle. Doch diese Werte und Normen dürfen nicht eindimensional betrachtet werden. Genauso wenig, wie Muslime nicht eindimensional betrachtet werden sollten. Aber genau das geschieht leider allzu oft. Wie jetzt auch wieder in der Jugendschelte von Cigdem Toprak.

Es heißt, die „muslimische“ Jugend lebe unter den Zwängen ihrer Eltern. Sie leide unter der Prüderie und dem Konservatismus ihres Umfelds. Dies wirft die Journalistin Cigdem Toprak der vorangegangenen Generation, der renommierten zweiten Generation der sog. „Gastarbeiter“ vor. Mal ganz unabhängig davon, dass ihre Sichtweise stark simplifiziert und undifferenziert wirkt, ist diese in der Überschrift des Artikels implizierte mutmaßliche Homogenität innerhalb der muslimischen Jugend kaum vorzufinden.

Die Aufteilung in liberale und reaktionäre Muslime wird der Realität nicht gerecht.

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„Die muslimische Jugend“ gibt es nicht. Und die Zweiteiligung zwischen liberalen und vermeintlich „reaktionären“, konservativen Muslimen erst recht nicht.

Mit ihrem Artikel bläst Cigdem Toprak ins selbe Horn wie radikale Feministinnen, die Musliminnen aus ihrem Umfeld zu reißen versuchen, um sie „endlich“ befreien zu können. Sie spricht konservativen, vermeintlich „reaktionären“ Muslimen mit ihrem Text den freien Willen ab. Als gäbe es keine Musliminnen, die freiwillig den Entschluss fassten, Kopftuch zu tragen. Als sei es surreal und unvorstellbar, dass darunter auch Muslima sind, die eben nicht unbedingt aus religiösen Häusern kommen. Doch an dieser Stelle wäre es sicherlich von Vorteil, sich mit dem von Frau Toprak inflationär verwendeten Begriff „konservativ“ auseinanderzusetzen.

Warum soll man nicht konservativ und glücklich damit sein?

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Es wirkt verstörend, dass in aktuellen Debatten und vor allem im islamischen Kontext der Begriff „Konservatismus“ primär mit Rückständigkeit assoziiert wird. Als könnten junge, konservative Muslime nicht ebenso frei und glücklich sein, wie Frau Toprak es beschreibt. Doch wofür steht eigentlich „konservativ“?

„Konservativ“ bedeutet werteorientiert. An dieser Debatte stört, dass eine nicht zu unterschätzende Zahl an Leuten annimmt, konservativ und Muslim bedeute traditionell und anachronistisch. Natürlich spielen Werte und Normen für „konservative“ Menschen eine entscheidende Rolle. Doch diese Werte und Normen dürfen nicht reduktionistisch und eindimensional betrachtet werden.

Jeder Muslim ist ein Mensch, der aus vielen Teilen besteht und eine eigenständige Persönlichkeit ist.

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Ein Muslim besteht wie jedes andere Individuum quasi aus mehreren Partikeln, seine muslimische Identität ist dabei nur eine dieser vielen Partikel, die ihn schlussendlich als Persönlichkeit charakterisieren. Und so ist es nicht abwegig, konservativer Muslim sowie konservativer Europäer zugleich zu sein, was in aktuellen Zeiten nationaler Egoismen vielleicht gar nicht mal so verkehrt scheint. Vielleicht sollte man daher einfach einen anderen Begriff verwenden, weil dieser so negativ behaftet wirkt.

Ich bete jetzt übrigens mal eben - unfrei fühle ich mich deshalb aber nicht.

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Übrigens, an dieser Stelle lege ich während des Schreibens eine Pause ein und verrichte das Abendgebet. Genauso, wie ich in meinem Alltag fünfmal den „Stop-Button“ bediene, um ihn zu entschleunigen und Ruhe zu finden. Das muss nicht jeder mögen und es mag nicht für jeden verständlich sein, aber nein, mich braucht niemand befreien. Ich bin schon frei. Ich bin genauso frei wie die Muslime, die sich heute geschlechtergemischt in einem Shisha-Cafe eine Pfeife „gönnen“, um sprachlich auch im Jugendjargon zu bleiben. Ich bin genauso frei wie eine Muslima, die aus Überzeugung Kopftuch trägt und genauso frei wie eine, die es nicht tut. Ich könnte all diese Dinge genauso tun wie viele andere muslimische Altersgenossen auch, aber ich tue es aus freiem Willen heraus nicht. Vielleicht bin ich nicht so der Hedonist, aber eines bin ich definitiv: Frei.

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Wo ist die coole muslimische Jugend hin?

Dieser Text ist eine von mehreren Antworten auf ein Essay der Journalistin und Autorin Cigdem Toprak. Weitere Antworten finden Sie hier.

Wie gefährlich ist die Religion?

Hier diskutieren Wissenschaftler und Aktivisten, ob Religion den gesellschaftlichen Frieden gefährdet.

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