Was unterscheidet Terrorismus von Amoktaten? Nur wenige Täter sind wirklich psychisch krank 

Bild von Nahlah Saimeh
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Expertise:

Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist seit 2004 Ärztliche Direktorin am LWL-Zentrum für Forensischen Psychiatrie Lippstadt. Seit 2011 ist sie im Referat Forensische Psychiatrie (DGPPN) und seit 2015 im Vorstand der DGPPN. Lehrauftrag an der Universität Konstanz im Fachbereich Psychologie

Amoktäter und Terroristen unterscheiden sich oft wesentlich, doch sie haben ein gemeinsames Ziel: die Selbstzerstörung der freien Gesellschaft herbeizuführen. 

Die klassischen Motive für Mord und Totschlag in Zivilgesellschaften bestehen aus Habgier, Eifersucht, oder Beseitigung einer unliebsamen Konkurrenz, gelegentlich aus Wahn und selten auch aus reiner Mordlust oder aus sexuellen Motiven.

Wir dürfen den Amoktätern kein mediales Echo geben

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Terroranschläge und sogenannte Amokläufe sind Prototypen zielgerichteter Hass-Kriminalität im öffentlichen Raum. Neu ist die phänomenologische Überlappung von Terror und Amoktaten. Die islamistisch begründeten Terroranschläge und zuletzt auch die Amoktat eines in Deutschland geborenen Deutsch-Iraners in München mit einem sehr verqueren rechtsextremistischen Motiv zielen auf jeden Bürger jedweder Religion, Ethnie, politischer Überzeugung, jedweden Geschlechts und Alters als Repräsentant einer freien, demokratischen Gesellschaft. Die Botschaft ist klar: jeder von uns könnte der nächste sein, auch in fast menschenleeren Kirchen. Amoktaten sind in der Regel motiviert aus persönlichem Hass auf bestimmte Gruppen und Personen. Der Amoktäter verfolgt den mit narzisstischem Grandiositätserleben aufgeladenen Showdown ohne transzendentalen Anspruch. Er tötet die, die ihn verschmäht haben. Die Tat ist eine mörderische Inszenierung unerfüllter Eitelkeit, eine letzte Bezeugung, zu Unrecht verkannter Größe. Schon deswegen ist sinnvoll, den Tätern – und damit solchen, die es werden wollen- kein mediales Echo zu geben.

Niemand wird als Terrorist geboren 

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Terror ist Methode und Ziel zugleich. Der religiös-fundamentalistisch begründete Terror ist eine Ideologie der transzendental begründeten Ausschließlichkeit und setzt auf wahllose, Homizid-Suizide im öffentlichen Raum, auf dass sich kein Bürger freier, westlicher Zivilgesellschaften noch sicher fühle. Das Ziel dieser Strategie ist die Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft selbst, die Entdifferenzierung des Denkens und die Abschaffung der persönlichen Freiheit in der Welt. Durch den Terror soll die Gesellschaft selbst sich autodestruktiv auflösen. 

Die Forensische Psychiatrie und Psychologie wird zur Einordnung des Phänomens regelmäßig nach Erklärungsmodellen der menschlichen Psyche befragt. Es gibt aber kein einfaches Prinzip von Ursache und Wirkung, keine einzige Wahrheit. Es geht der Forensik auch nicht um „Verständnis“, sondern um „Verstehen“ im Sinne des Erkennens, Beschreibens und Beurteilens von Modellen des menschlichen Denkens und Handelns an konkreten Täter-Personen. Keiner kommt als Terrorist auf die Welt. Jeder Täter hat eine eigene Entwicklung seiner Denkmuster und Überzeugungen durchlaufen und er hat sich zur Tat entschieden. Von daher muss die Frage nach den der Radikalisierung zugrunde liegenden Mechanismen einhergehen mit der konkreten, Täter bezogenen Risiko-Beurteilung und der Entwicklung wirksamer Deradikalisierungs-Programme, die auch die eigentlichen Bedürfnisse hinter der radikalen Propaganda untersuchen. Darin liegt die gesellschaftliche Verantwortung der Forensischen Psychiatrie, Psychologie und Kriminaltherapie.

Radikale Ideologien geben der inneren Leere und Wut ein Korsett

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Nur ein kleiner Teil der Täter ist im engeren Sinne psychisch krank. Vielmehr spielen bestimmte Strukturmerkmale der Persönlichkeit eine Rolle, wenn Menschen einen tiefgründenden, vernichtenden Hass entwickeln. Darin sind sich Terroristen und Täter, die im sozialen Nahfeld töten, recht ähnlich. Zu nennen sind hier in erster Linie schwere narzisstische Persönlichkeitsstörungen, die Borderline-Persönlichkeitsstruktur und die antisoziale Persönlichkeit. Sie gehören zu den frühen Bindungsstörungen und zeichnen sich aus durch rasches Frustriertsein, hohe Kränkbarkeit, die Neigung zu gewaltvollen Rache- und Grandiositätsphantasien.

Radikale Ideologien geben der inneren Leere und Wut ein Korsett. Im homizidal-suizidalen Akt entfaltet sich in einem einzigen Moment maximale Selbstwirksamkeit, wenn auch zum letzten Mal. In der Adoleszenz ist die Selbstwertregulation labil, junge Menschen sind auf der Suche nach sich und ihrem Platz in der Welt.

Für den dissozialen Psychopathen wird der Normenverstoß durch die Terror-Ideologie geadelt

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Freie Gesellschaften bieten eine Fülle an Möglichkeiten, aber damit auch eine Fülle des Scheiterns und der Fehlorientierung. Es bedarf einer persönlichen Reife, sich darin zu verorten. Hier liegt vor allem ein erzieherischer Auftrag. Man muss Ambivalenzen aushalten und mit Widersprüchlichkeiten leben. Die genannten Persönlichkeitsstörungen führen zu einer Verringerung der persönlichen inneren Flexibilität. Eine transzendental aufgeladene Kampfideologie befriedigt hingegen das Überlegenheitsstreben, bindet die Angst vor der Vielfalt und Ungewissheit und gibt primitive Orientierung.

Zudem kann im Außen vernichtet werden, wovor man sich im inneren fürchtet. Es wird eine einzige, überlegene Wahrheit vermittelt, verbunden mit der exklusiven Chance persönlicher Teilhabe. Der frühe Tod bewahrt vor späterer Enttäuschung.

Das kognitive Werkzeug, alle inneren Skrupel über Bord zu werfen, ist die Dämonisierung des Denkens. Der Andere wird seines Menschseins beraubt und zum Dämon erklärt. So wird Tötungshemmung vermindert. Für den dissozialen, gewaltaffinen Psychopathen wird der Normenverstoß durch die Terror-Ideologie geadelt.  

Wir alle sind aufgerufen, die pervertierten Begriffe fundamentalistischer Ideologien mit anderen Inhalten neu und klar zu besetzen, sinngebende „Gegen-Narrative“ zu entwickeln. Wichtig ist, sich dabei nicht an gesellschaftlicher Spaltungs-Rhetorik zu beteiligen.

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