Was verbindet Terroristen und Amokläufer? Der Weg zur Gewalt ist länger als die Radikalisierungsphase

Bild von Andreas Zick
Sozialpsychologe, Universität Bielefeld

Expertise:

Andreas Zick ist ein deutscher Sozialpsychologe. Er ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung und leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld.

Man kann über den Islam und sein Erbe der Gewalt reden, aber eine Generation unter Verdacht zu stellen, verschleiert, wie Identitäten entstehen und was die Botschaft der Gewalt ist.

Das Jahr 2016 wird geprägt sein von Bildern einer Gewalt, die im öffentlichen Raum ausgeübt wurde, zumeist von jungen Erwachsenen, die eine jihadistische Botschaft hinterlassen möchten. Das Jahr wird auch geprägt sein von Versuchen, durch Kontrollsysteme Terror einzudämmen, und nicht zuletzt wird die Gewalt die Wahrnehmung der Bevölkerung prägen und ‚Bedrohung’ tiefer in das Bild von Gruppen gravieren. Terror nährt den Verdacht, dass der Verdacht Wahrheit ist. In unserer letzten Umfrage zum Jahreswechsel 2015/16 meinten bereits 49% der Befragten, dass mit der Aufnahme von Flüchtlingen die Gefahr von Terrorismus steige. Eine illusorische Korrelation, die übersehen lässt, dass sich Menschen mitten unter uns radikalisieren.

Der Weg zur Gewalt ist länger als die Radikalisierungsphase.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Mit der Amoktat in München ist eine andere Form der Gewalt im öffentlichen Raum erschienen, aber auch hier scheint der psychisch auffällige Täter eine Botschaft verfolgt zu haben. Terror ist anders als Amok, darauf hat Nalah Saimeh schon in ihrem Causa-Beitrag hingewiesen. Immer klarer wird aber auch, dass es mit dem Blick auf die Sozialisation von jungen Menschen Parallelen beider Tattypen und –verläufe gibt. Sie können aus psychischen Problemlagen entstehen, weil sich die Realitätsprüfung der Täter pathologisch einschränkt, aber eine Pathologie wird als Analyse nicht reichen und der Weg zur Gewalt ist länger als die Radikalisierungsphase.
 

Terror ist Barbarei, Amok ist inszenierte Revolte

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Der Jihadismus ist organisierte Barbarei, wie der ägyptische Jihadist Abu Bakr Naji 2004 in seinem Buch ‚The Management of Savagery’ selbst bezeugt. Das Prinzip: Die Herstellung von Chaos, die durch eine Phase der Grausamkeit zur Ordnung geführt wird. Die Terrortaten in Deutschland und anderswo sollen Chaos schaffen. Dazu rekrutieren jihadistischen Gruppen „Gestörte, Desillusionierte, Gefährliche und Unentschiedene“, wie der Terrorforscher Peter Neumann festhält. Der Terror sucht Vernichtung, um an die Stelle des Chaos die eigene Ordnung zu setzen. Dazu bietet er professionelle Inszenierungsmöglichkeiten an. Der sog. IS hat eine virtuelle Komplettwelt erschaffen, die alles enthält, was insbesondere junge Menschen brauchen können, um Motive zu befriedigen. Auch für psychisch Kranke ist dort Platz. Anders die Amoktat, denn sie wird von vielen Tätern als Revolte inszeniert. An dem Ort, wo die Tat verübt wird, soll ein ‚Ich’ erscheinen und sich verewigen, wo es vorher nicht war. Wie im Terror sind alle anderen Feinde und die Täter Opfer, aber beim Amok schlagen die Täter dort zu, wo sie vermeintlich ausgestoßen sind.

Gewalt ist Ausdruck ultimativer Identität

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es ist nicht einfach, die Ursachen für die Radikalisierung in die eine oder andere Richtung auszumachen. Persönlichkeitsstrukturen, Gruppendynamiken wie auch der soziale Kontext bestimmen die Hinwendung zur Gewalt. Wir haben bislang drei Gruppen von Orientierungen ausgemacht, die die Hinwendung zur Gewalt prägen. Demnach unterscheiden sich jene, die im Zuge zunehmender Krisen radikal Dominanz über andere suchen, von jenen, die Beziehungen suchen und jenen, die Sinn suchen und extreme Sinnwelten ausbauen. Alle drei Orientierungen harmonieren in einer analogen oder digitalen Terrorgruppe oder Amokgemeinschaft und diese uneingeschränkte Akzeptanz aller zieht vor allem junge Menschen an. Es klingt perfide, aber die Gewaltgemeinschaften haben darin Integrationsqualität. Wesentlich für die Konversion in die fundamentalistische Welt ist dann das Ausmaß, in dem soziale Bedürfnisse befriedigt werden. Zugehörigkeit, das Verstehen von Ereignissen, sozialer Einfluss, Selbstwert und Vertrauen sind zentral und genau das suggerieren Terror- und Amokwelten. Mehr noch, in ihrer Simplizität und Banalität entwickeln sie sich zum modernen Lieferservice: Gewalt als Erlebniswelt und eine ultimative Identität, die in der Gewalt aufgeht.

Integrationskräfte mobilisieren, statt in die Diskriminierungsfalle treten

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Es wäre ratsam, den Ursachen und Biografien genauer und intensiver nachzugehen. Auch fundamentalistische und extremistische Gewalt, sowie Reden wie Schweigen über Gewalt, gehören in die Analyse. Wenn Menschen beginnen, sich für Gewaltbotschaften zu interessieren, dann braucht es gute Instrumente, um differenziert reagieren zu können. Erstens ist es vielen zu Beginn gar nicht bewusst, wie sehr sie in eine Szene hineingezogen werden, oder sich gegenseitig hineinmanövrieren. Beim Terror ist die Anwerbung und Mobilisierung niedrigschwellig. Das gilt aber auch für Amoktaten, die nach Columbine (1999) aus der von den Tätern auserkorenen „Revolution der Ausgestoßenen“ eine Kultur geschaffen haben.

Zweitens scheinen Aggression und Gewalt der Modus der Vergemeinschaftung zu sein, wo sie sonst nicht gelingt. Der Gewalt geht die Billigung voraus. Jihadisten, die ‚mitten unter uns’ zu welchen werden, spielen und inszenieren sich relativ früh über Gewalt. Die Tat erzeugt dann eine Realität jenseits der Realität. Man kann über den Islam und sein Erbe der Gewalt reden, aber eine Generation unter Verdacht zu stellen, verschleiert, wie Identitäten entstehen und was die Botschaft der Gewalt ist. Es muss darum gehen, früh und sensibel Personen und ihr soziales Umfeld zu erreichen und sie sprachfähig zu machen, ohne dass Stigmata die Annäherung blockieren. Drittens, könnte der Blick auf jene, die sich zurecht oder bar jeder Objektivität separiert fühlen, besser gelingen. Als der Münchener Täter auf dem Dach orientierungslos herumirrte, wurde er als „Kanake“ angerufen. Er, der vermutlich in einer nationalistisch rechtsextremen Ideologie genau das Gegenteil suchte. 

Sie können an dieser Stelle derzeit keinen Kommentar schreiben.