Die Alltäglichkeit des Übergriffs Die Grenzüberschreitung fängt bei "Hey Süße" an

Bild von Naomi Larsson
Redakteurin beim britischen "Guardian"

Expertise:

Naomi Larsson ist Redakteurin und Reporterin beim britischen "Guardian". Ende 2017 hat sie im Rahmen eines Stipendiums für zwei Monate beim Tagesspiegel hospitiert.

Pfiffe und blöde Sprüche sind den meisten Frauen unangenehm und belästigen sie. Es kann natürlich noch viel schlimmer werden. Aber auch das reicht schon für Wut und Empörung.

An einem Nachmittag im Spätsommer radelte ich auf meinem Nachhauseweg durch einen Vorort im Norden Londons. Ich war komplett in meine eigenen Gedanken versunken, als ich plötzlich ein Pfeifen hörte. Es kam von einer achtköpfigen Gruppe von Männern, alle zwischen 20 und 30. Einer von ihnen, ein recht kleiner Kerl, ließ auf das Hinterherpfeifen Worte folgen, rief mir obszöne Kommentare zu und griff sich in den Schritt. Ich fühlte mich verletzt und attackiert.

Frauen etwas hinterherschreien, nennen Briten "Catcalling", ein Begriff, der verharmlost.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Im Englischen haben wir ein Wort für das Verhalten dieser Männer: „catcalling“. Es klingt harmlos, aber es meint im Wesentlichen eine Art der sexuellen Belästigung. Es beschreibt das frauenverachtende Verhalten, wenn Männer auf offener Straße einer ihnen fremden Frau anstößige Kommentare hinterherrufen. Der Begriff „catcalling“ verharmlost dieses Verhalten derart, dass wir es mittlerweile einfach akzeptieren oder ignorieren.

Pfiffe und Sprüche über sich ergehen lassen? Nein, ich antworte jetzt. Ich will wissen, was die Männer sich denken.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Ich kann das nicht. Die letzten Monate habe ich nicht einfach weggehört oder das Hinterherpfeifen als ein Verhalten akzeptiert, das Frauen über sich ergehen lassen müssen. Ich will wissen, mit welcher Berechtigung Männer Frauen auf ihr Äußeres reduzieren und was sie sich von ihrem grenzüberschreitenden Handeln erwarten. Ich habe angefangen, Männern zu antworten, die mir obszöne Kommentare hinterherrufen. Ich versuche, mit ihnen in Dialog zu treten, um zu erfahren, wieso sie Frauen erniedrigen. Ich tue es zum Teil auch aus Verzweiflung, um die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen.

Die Obszönitäten reduzieren mich darauf, ein Objekt zu sein.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Deshalb stieg ich damals, an diesem Nachmittag im Spätsommer, von meinem Fahrrad und bat den Kerl, der mir gerade noch seine sexuellen Fantasien hinterherschrie, damit aufzuhören. Ich blieb höflich, ich benutzte sogar das Wort Bitte. Seine Reaktion: Er fragte, ob ich einen Kuss von ihm will. Er rückte so nah an mich heran, dass ich seine Bierfahne riechen konnte. Einige der anderen Männer wandten sich ab, die anderen beteiligten sich an den beleidigenden Bemerkungen. Ich erspare Ihnen die Details. Aufgeplustert und stolz wie ein Pfau standen sie da und stellten ihre „Männlichkeit“ unter Beweis. Ich war machtlos. Scham und Angst machten sich in mir breit, ich war ihnen ausgeliefert und wurde durch ihre Worte zu einem reinen Objekt reduziert.

Meist werden die Männer noch aggressiver, wenn ich sie auf ihr Verhalten anspreche.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die meisten Begegnungen enden so – mit noch mehr Anfeindung und der kompletten Abweisung jeglicher Schuld. Bisher hat sich niemand entschuldigt. Kein Wort der Reue. Der Versuch, mit den pöbelnden Männern in den Dialog zu treten, scheint daher meist sinnlos und manchmal sogar gefährlich. Ich mache es nur noch, wenn ich mich sicher genug fühle. Es ist mittlerweile fast zur Sucht für mich geworden: Ich will, dass sie Reue zeigen, ich will, Einfluss auf ihr Handeln nehmen.

Die Anonymität der Situation ermutigt sie zu ihrem Handeln.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Flüchtigkeit des Moments, verleiht dem Hinterherpfeifen eine gewisse Anonymität. Das wissen die Männer, die das tun natürlich, und es ermutigt sie. Ich dachte, dass ich durch direkte Konfrontation diesen Sicherheitsabstand durchbrechen kann - und sie für ihre Taten geradestehen müssen. Das sollte doch jeden dazu bewegen, das eigene Handeln zu überdenken. Dachte ich.

Als ein Mann mir „Hey Süße“ zuflüsterte, als ich abends an ihm vorbeilief, drehte ich mich um und fragte ihn nach seinen Absichten. Er schien überrascht und sogar ein wenig beschämt, bestritt aber, dass er irgendetwas gesagt hat. Zwei andere Männer waren nicht so wortkarg. Sie machten sexuelle Anspielungen, und als ich sie mit diesen konfrontierte – trotz meiner inneren Wut blieb ich höflich und ruhig -  beschimpften sie mich als Schlampe und Schlimmeres.

Jedes Pfeifen, jedes „Na Süße?“, jedes „geiler Arsch“ ist den meisten Frauen unangenehm.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Jedes Pfeifen, jedes „Na Süße?“, jedes „geiler Arsch“ ist den meisten Frauen unangenehm, belästigt sie und macht sie wütend. Es kann natürlich noch schlimmer werden, wenn das Verhalten über Worte hinausgeht. Die #metoo-Debatte hat das Ausmaß der Belästigung verdeutlicht und gezeigt, wie weitverbreitet solche Vorfälle sind. Das macht das „catcalling“ aber nicht weniger schlimm. Und wer weiß, ob es nur bei der verbalen Belästigung bleibt.

Frauen werden tagtäglich daran erinnert, dass sie in einer sexistischen Welt leben.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Verletzende Bemerkungen sind eine ständige Erinnerung daran, was viele Frauen tagtäglich am eigenen Leib erfahren. Sie erinnern daran, dass Frauen in einer sexistischen Welt leben. Wie so viele andere Frauen habe auch ich mir den Großteil meines Lebens verbale Attacken und schlüpfrige Kommentaren anhören müssen – von Unbekannten aber auch von Leuten aus meinem Bekanntenkreis. Ein Mann fing einmal an, vor mir zu masturbieren – das war die bisher körperlichste Erfahrung von Belästigung.

Man riet mir zu einem Gerät names "Vergewaltigungsalarm" - für alle Fälle.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Trotzdem halte ich meine Hausschlüssel nachts auf meinem Nachhauseweg in der Hand, um sie gegebenenfalls als Waffe einzusetzen. Ich fühle mich etwas sicherer dadurch. So oft wurde mir abgeraten, nachts alleine nachhause zu gehen. Mir wurde mehrfach ein sogenannter „Vergewaltigungsalarm“ angeboten, ein elektronisches Gerät, das bei Knopfdruck, ein Notruf an die Polizei sendet – für den Fall der Fälle.

Frauen sollen auf die Belästigungen reagieren, sie ignorieren oder sich bewaffnen? Statt das Männer damit aufhören!

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Sexuelle Belästigung jeder Art – ob nur verbal oder körperlich – war immer schon ein gefährlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Noch immer wird den Frauen angeraten, Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und dummes Geschwätz zu ignorieren. Dass Männer einfach ihr Verhalten ändern könnten, fiel meist unter den Tisch. Die Reaktion auf Enthüllungen rundum Harvey Weinstein, geben Hoffnung, dass dieses Verhalten nicht länger geduldet wird. Der Sinneswandel wird kommen. Bis dahin werde ich meinen Kampf gegen die „catcaller“ weiterführen. Und sei es nur, um endlich eine Entschuldigung zu hören.

- übersetzt aus dem Englischen von Max Tholl

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Gabriele Flüchter
    Alles, was Naomi Larsson schreibt, kann ich so unterschreiben, genau das ist es, was vielen Menschen an sexueller Belästigung tagtäglich begegnet, leider.

    Belästiger sind nach meiner Einschätzung meistens eher feige und suchen Macht Bestätigung da, wo sie keinen Gegenwind befürchten müssen, z.B. da,wo, außer mir selbst, nicht viele andere Leute sind.
    Als mir das mal passierte, ein Mann lief neben mir und begann, lüstern zu agieren, versuchte ich einfach, demonstrativ die Straße zu wechseln, aber der Mensch kam hinterher. Ich sagte, ich wolle ohne ihn Spazieren gehen, er grinste und blieb dran.

    Es war aus Sicherheitsüberlegungen heraus nicht klug, denke ich, aber ich kam so in Rage, dass ihn laut und unter Verwendung von Kraftausdrücken anbrüllte - in einer Weise, die ich selbst eher verabscheue - da guckte er erschrocken und huschte davon.

    Es ist schlimm, wenn Menschen auf der Suche nach ihrer eigenen Macht nur noch etwas wahr nehmen, wenn sie autoritär angebrüllt werden.

    Bei solchen Menschen muss im persönlichen Leben etwas ganz grundlegend schief gelaufen sein.
  2. von Thomas Tharun
    Mutig

    Ich finde das sehr mutig. Und bei allem sollte sich die Autorin auch immer absichern. Ganz erfolglos ist sie damit ja nicht. Der Effekt wird größer, wenn sie Nachahmerin und Nachahmer findet. Als Mann kann ich übrigens ja auch Ähnliches erleben.

    Thomas Tharun, Hamburg