Kirche 1989 und heute "Suche Frieden und jage ihm nach!"

Bild von Maria Beyer
Pfarrerin

Expertise:

Maria Beyer ist Pfarrerin in Hartha, Mittelsachsen.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Religion braucht Deutschland? 30 Jahre nach dem Mauerfall könnte die Kirche von den Erfahrungen von damals lernen: Die gemeinsamen Gespräche dürfen in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft nicht abreißen, schreibt Maria Beyer.

Überall im Lande wird in diesen Tagen zurückgedacht. Ich selbst sehe mich als junge Theologiestudentin am Morgen des 9. Oktobers 1989 in die Straßenbahn steigen. Eine beklemmende Stimmung liegt über der Stadt. Wie wird dieser Tag enden? „Zur Not auch mit der Waffe in der Hand!“, hallt es durch das Schweigen in der Bahn. Schwarz auf Weiß stand es am Wochenende in der Leipziger Volkszeitung, dass die Errungenschaften des Sozialismus mit allen Mitteln verteidigt werden sollen. An der Theologischen Fakultät ist an diesem Montag kaum an Studieren zu denken.

Wir konnten nicht bis zum Abend warten. Wir mussten etwas tun, unsere Sorgen aussprechen – miteinander, füreinander, für unsere Stadt. Dankbar feierten wir Studentinnen und Studenten der Theologischen Fakultät schon am Morgen einen Gottesdienst, der sich noch stärker in meine Erinnerung gebrannt hat als das Friedensgebet am Abend.

Wir sangen die alten Lieder - „Sonne der Gerechtigkeit“. Wir stimmten in die Klagen und Vertrauensgebete der alten Propheten ein und beteten selbst für die Stadt und das Land und alle, die am Abend – auf welcher Seite auch immer – Dienst zu tun hatten. Wir wussten nicht, was geschehen würde. Aber wir waren getrost.

Schon lange wurde in den Kirchen weitgreifender gedacht und freier geredet. Sie boten denen Raum, die anderswo keinen mehr hatten. Nun öffneten sich auch an jenem Abend die Türen. Viele kamen, die selten oder nie eine Kirchenschwelle übertraten. Drinnen wurde ausgesprochen, was die Menschen bewegte, sie erlebten Gemeinschaft und erfuhren Stärkung. Das Gebet für den Frieden war auch ein Gebet für die, die noch nie gebetet hatten.  Es einte uns nicht die Agitation gegen die Mächtigen im Land, sondern die Hoffnung auf Veränderung, die Suche nach neuen Wegen. Wir hatten ein gemeinsames Ziel. Das Miteinander bei den Friedensgebeten erlebten wir als eine große Kraft. Im Licht der Laternen standen wir endlich auf der Straße. Unwirklich der Moment – bis heute. Aus den Lautsprechern erklang der Aufruf zu Besonnenheit. Keine Gewalt! Er trug sich fort. Und wir gingen immer weiter. Schritte auf einem neuen Weg. Das Erstaunen ist geblieben.

Die Kirchen wirken häufig still oder mit sich selbst beschäftigt.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

30 Jahre danach denken wir zurück und kennen neben dem Wunderbaren auch Ernüchterndes. Die Aufbruchstimmung flaute ab. Auch waren die Kirchen wieder so gut oder schlecht besucht wie zuvor – es gab keine Wiedereintrittswelle, wie einzelne hofften. Die besondere Rolle der Kirchen in der DDR verlor sich schnell. Wohl blieb die Erfahrung, dass die Kirche da war, als sie gebraucht wurde. Sie tat ihren Dienst mit und für die Menschen. Viele standen gemeinsam für eine Sache ein – lebensbejahend und gewaltlos.

Die Suche nach neuen Wegen ist der großen Sorge vor unüberschaubarem Wandel gewichen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Gesellschaft hat sich verändert, driftet offenbar mehr und mehr auseinander. Die Kirchen wirken häufig still oder mit sich selbst beschäftigt. Für fast 80 % der Ostdeutschen spielen Kirche und Glaube kaum oder gar keine Rolle im Alltag, sagen Statistiken. Geblieben ist die Sehnsucht nach einem guten gelingenden Leben. Dabei scheint die Suche nach neuen Wegen der großen Sorge vor unüberschaubarem Wandel gewichen. Wir sehen viel Unzufriedenheit und reden von Klage auf hohem Niveau. Und übersehen leicht, dass es nicht zuerst um materielle Sorgen geht. Wir hören den Ruf nach Heimat und etwas, was Bestand hat und überhören dabei leicht den Schrei nach Gemeinschaft und Halt.   

Kirchen sind da wichtig, wo Menschen ihre persönlichen Fragen stellen dürfen und sich einer gemeinsamen Sache annehmen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Die Erfahrung, die gerade in diesen Tagen durch die Erinnerung gespeist wird, zeigt, dass die Kirchen dort wichtig werden, wo Menschen ihre ganz persönlichen Fragen stellen dürfen, wo sie sich einer gemeinsamen zukunftsweisenden Sache annehmen, die ihnen und ihrem Umfeld dient, dem Dorf, der Stadt. Welche das im Einzelnen ist, darum gilt es zu ringen. Der Ruf: „Keine Gewalt!“ darf dabei nicht verstummen und das Gespräch miteinander nicht abreißen. So lautet die Losung der Kirchen für 2019 nicht umsonst: „Suche Frieden und jage ihm nach!“

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
Bitte melden Sie sich zunächst an, um die Kommentarfunktion nutzen zu können.
  1. von Rolf-Jürgen Czerny
    Wenn es einem Volk schlecht geht, darunter zählt auch die politische und moralische Seite, schließt es sich enger zusammen, wird zur Schicksalsgemeinschaft. Es sucht Trost wo und bei wem auch immer und so blieb die Kirche die einzige Alternative.
    Da passt gut der Spruch von Marx: "Religion als das Opium des Volkes", denn nach dem das Volk den Kampf bestanden hatte und sich nach und nach immer mehr normale Lebensformen einstellten, driftete die Notgemeinschaft wieder auseinander und die Kirchen waren das, was sie auch vorher schon waren.
    "„Suche Frieden und jage ihm nach!“ Die Kirche und nachjagen? Solche Mottos zeigen die Entfremdung gepaart mit einer Art Traumtänzerei. Die Kirchen begreifen langsam, dass ihre Zeit zu Ende geht, ein langsamer, aber steter Prozess.
    Neue "Heiligtümer" treten auf, Klimarettung ist eines davon, sicher nicht die Letzte