Nach dem Anschlag in Halle Jüdisches Leben ist keine exotische Insel im christlichen Meer

Bild von Anastassia Pletoukhina
Doktorandin

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Anastassia Pletoukhina war in der Synagoge in Halle, in der Stephan B. am 9. Oktober einen Anschlag auf dort betende Gläubige verüben wollte. Pletoukhina ist Alumna des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES). Sie promoviert derzeit am Fachbereich Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wieviel Religion braucht Deutschland? Anastassia Pletoukhina war in der Synagoge in Halle, in der Stephan B. am 9. Oktober einen Anschlag auf dort betende Gläubige verüben wollte. 

Ein Freitagvormittag in Berlin-Charlottenburg ist immer eine Mischung aus entspanntem Schlendern, Kaffee-Dates und dem Endspurt vor dem Wochenende. Das jüdische Leben fügt sich nahtlos in dieses Tempo ein. Einige laufen noch schnell zum koscheren Supermarkt, um den Wein für den Kiddusch zu kaufen. Andere genießen einen entspannten Freitagmorgen vor dem Schabbat und treffen sich mit Freunden. Die lautstarken Begrüßungen mit „Gut Schabbes“ oder „Schabbat Schalom“ am Kudamm oder in den Einstein-Cafés gehören hier zur Norm. An einem Tisch unterhalten sich Mädchen begeistert über die Planung ihrer Bat Mitzwot, ein paar Tische weiter werden noch die Verträge zwischen zwei israelischen Geschäftsmännern geschlossen. Jüdisches Leben ist hier eine Selbstverständlichkeit.

Doch diese Selbstverständlichkeit ist in Deutschland nicht überall anzutreffen. Ein schneller Test: Wie viele der bereits erwähnten Begriffe aus dem Alltag einer jüdischen Person haben Sie auf Anhieb verstanden? Im protestantischen Norden Deutschlands könnte leicht der Eindruck entstehen, Religion spielte in der Dominanzgesellschaft keine große Rolle.

Im Norden Deutschlands entsteht der Eindruck, dass Religion in der Dominanzgesellschaft keine große Rolle spielt.

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Kopftuch- oder kippatragende Menschen, die sich auch an Speisegesetze und eigene Feiertage halten, stechen heraus. Stechen sie heraus, weil sie gläubig und religiös sind – oder weil sie nicht christlich sind? Schon beim oberflächlichen Hinschauen stellen wir fest, dass unser Alltag sehr stark von der christlichen Tradition bestimmt wird. Die überwiegende Anzahl der gesetzlichen Feiertage sind christlich-religiös, Sonntage sind Ruhetage, die Christlich Demokratische Union ist eine der führenden Parteien Deutschlands.

Unser Alltag ist hauptsächlich von christlichen Traditionen bestimmt.

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Jüdische Studierende dagegen müssen an hohen jüdischen Feiertagen oder am Schabbat Pflichtseminare besuchen, im Labor arbeiten oder Prüfungen schreiben. Diejenigen, die es aus religiösen Gründen nicht tun wollen, verlängern ihr Studium oder können es gar nicht abschließen. Religiöse Juden und Jüdinnen berichten regelmäßig von Schwierigkeiten, die sie am Arbeitsplatz haben, weil sie freitags früher gehen müssen oder samstags nicht arbeiten können. Jegliche Erhebung des Anspruchs auf die eigene nicht-christliche Religionsfreiheit wird als „Extrawurst“ verstanden. Ja, und was ist falsch daran?

Menschen, die anderen Religionen angehören, sollten ebenso einen Anspruch haben, ihre Feiertage zu zelebrieren.

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Gerade die Geschehnisse in Halle haben gezeigt, dass wir es uns nicht leisten können, weiter zu denken, dass Juden und Muslime nicht zu Deutschland gehören. Jüdisches und muslimisches Leben sind keine exotischen Inseln in der mehrheitlich christlichen Gesellschaft, sie sind ein unentbehrlicher und prägender Teil davon. Je mehr wir uns dem verschließen, desto schwieriger wird es, die Demokratie in Deutschland aufrechtzuerhalten. Wenn ich als moderne Frau, Akademikerin und Feministin über meinen Alltag einer orthodoxen Jüdin mit einer Kopfbedeckung erzähle, reagieren meine nicht-jüdischen Gegenüber in der Regel interessiert, überrascht, manchmal sogar begeistert.

Offenheit gegenüber den religösen Bedürfnissen aller Menschen sollte strukturell verankert werden.

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Ich sehe trotz dem, was mir in Halle widerfahren ist, dass wir in fantastischen Zeiten leben, in einem Land der Freiheit und in einer großartig diversen Gesellschaft. Ich bestehe vehement darauf, dass wir diese Vielseitigkeit und Offenheit nicht nur auf der zwischenmenschlichen Ebene zelebrieren, sondern sie auch zum strukturellen Teil unserer gesellschaftlichen Ordnung machen, dass wir sensibel und respektvoll miteinander und den religiösen Bedürfnissen aller in Deutschland lebenden Personen umgehen. Es ist an der Zeit, auch diese Mauern fallen zu lassen.

Weitere Materialen zum Thema finden Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier. Und in der vierten Woche wurde zu der Frage debattiert: "Wie viel Computer braucht der Mensch?". Lesen Sie die verschiedenen Meinungen hier. Die Meinungen der Autor*innen zur Frage "Was ist Heimat?" lesen Sie hier. Alle Beiträge zur Debatte "Was ist uns das Klima wert?" finden Sie hier. Die Artikel zum Thema "Wie bleibt Wohnen bezahlbar?" können Sie hier nachlesen.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Eckhardt Kiwitt, Freising
    Wenn sich zwei Grafik-Designer, zwei Schriftsetzer, zwei Drucker, Buchbinder oder Angehörige anderer Berufe über Fachthemen unterhalten, wird manch einer vermutlich nicht jedes Wort verstehen oder einzuordnen wissen, das da gesprochen wird.

    Im Bereich der Religionen und deren Vorschriften und Diktate ist dies nicht anders.

    Allerdings sollte man m.E. den Religionen keinen alles andere in den Schatten stellenden Wert beimessen oder zubilligen.

    Es steht in diesem Land jedem frei, die Vorschriften und Diktate seiner Religion für sich ganz persönlich (!) zu beachten und zu befolgen -- solange er oder sie damit nicht in die Rechte und Freiheiten anderer eingreift.
    Andere damit zu behelligen, halte ich für unangebracht, ja für chauvinistisch (also für einen Ausdruck von Schwäche und Unsicherheit).

    Und schließlich:
    Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt.
    Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren.
    Obendrein gewährleistet das GG Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

    Eckhardt Kiwitt, Freising
  2. von Heinz Hertlein
    Ein Bekenntnis zur Meinungsfreiheit bedeutet mitnichten, dass man der Überzeugung ist, dass jeder, der eine Meinung hat, auch richtig liegt. Nein, Meinungsfreiheit schließt zwangsläufig auch das Recht auf Irrtum ein. Wobei speziell religiöse Überzeugungen ein Problem damit haben, dass in Ihnen kulturell überlieferte Traditionen und Werte mit einem Wahrheits- und Absolutheitsanspruch fast unentwirrbar vermengt sind.

    Durch diesen Absolutheitsanspruch polarisiert Religion und dadurch werden Minderheitenreligionen zwangsläufig zu Inseln im Meer derjenigen, die nicht an sie glauben. Ich halte es nicht für sachdienlich, anstatt diese Polarisierung anzusprechen sie zu verdrängen und so zu tun, als ob Religionsgemeinschaften etwas ähnliches wie Kulturpflegevereine ohne Wahrheitsanspruch wären. Durch Verdrängung löst mein keine Konflikte.