Fortschritt bedroht vom Rückschritt Queere Bürgerrechte stehen erst am Anfang

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Jan Feddersen ist Redakteur bei der taz und Autor.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Gender - Wie weiter zwischen den Geschlechtern? Der Journalist Jan Feddersen bilanziert 30 Jahre nach dem Mauerfall wesentliche Fortschritte für die LGTBI*-Community - jedoch würden die Errungenschaften von Konservativen bedroht.

Wesentliche Fortschritte in queerer Hinsicht sind erst nach dem Fall der Mauer erreicht worden - zur Erbschaft der DDR gehört auch seitens ihrer schwulen und lesbischen Bürger:innen, die sich für Liberalisierungen einsetzten, ein striktes Bürgerrechtsbewusstsein: Streite gern auch darüber, wer du bist - schwul oder lesbisch oder trans*, aber richte dein Hauptaugenmerk auf die Beseitigung aller diskriminierenden Gesetze und kämpfe für Gleichberechtigung.
Und so geschah’s. Der Paragraf 175, der seit dem späten 19. Jahrhundert nie einem anderen Zweck diente, als schwule Männer als Objekte des Verfehlten zu skandalisieren und zu missachten, wurde erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Und das nur, weil die letzte DDR-Regierung dieses in den Einigungsvertrag hineinformulierte. Wäre es nach den Konservativen der Union gegangen, gäbe es diesen menschenrechtswidrigen Paragraphen, der als moralische Entwertungsvorschrift bis heute in den Gemütern schlummert, womöglich noch.

Ginge es nach den Konservativen, gäbe es den Paragrafen 175 noch immer.

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Die Ehe für alle ist 2017 etabliert worden, ebenso hat der Bundestag eine Rehabilitierung der Opfer des Paragrafen beschlossen, auch jener, die nach 1949 verurteilt und aussätzig gemacht wurden. Mehr noch: Neben den Attributierungen „Mann“ und „Frau“ gibt es in Deutschland auch die Möglichkeit, sich als „Drittes Geschlecht“ registrieren zu lassen - ein erheblicher Fortschritt, werden doch auf diese Weise intersexuelle Menschen nicht mehr ausgegrenzt. Darüber hinaus wird im Schulunterricht der meisten Bundesländer Sexualaufklärung nicht mehr allein an der Norm „Mann-Frau-Kind“ ausgerichtet.

In der Sexualaufklärung im Schulunterricht sollten alternative Familienbilder gelehrt werden.

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Der größte Freiheitsgewinn ist wahrscheinlich aber die geänderte Moral der deutschen Gesellschaft: Schwule und Lesben offen zu diskreditieren, ist verpönt. Aversionen gegen Lesben, Schwule und überhaupt queere Personen gibt es mehr als nur selten, aber jene, die sich abschätzig äußern, wissen, dass sie keine allgemeine zustimmende Resonanz mehr finden. Wäre damit alles getan? Keineswegs, und das ist keine pädagogische Mahnung, keine hohle Warnung vor dem schlimmen Ende, das da noch kommen könnte. Tatsächlich haben Konservative nach wie vor keinen Frieden gemacht mit der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen.

Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, ist verpönt.

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Sie, die sich stets gegen jede Liberalisierung sträubten, hadern nach wie vor mit der Ehe für alle. Ihre Hohepriesterin ist die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die, hätte sie Aussicht auf eine Mehrheit, das Eherecht wieder nur für heterosexuelle Paare privilegieren würde. Nach wie vor ist es nicht unstrittig, das in Schulen eine Sexualaufklärung angeboten wird, die alle einander Begehrenden wertschätzt. Schaut man sich die einschlägigen Statements der AfD an, ist der Kulturkampf um die queeren Gleichberechtigungen noch lange nicht zu Ende gefochten. Klischees zum Trotz sind es freilich nicht die Unterschichten, das, salopp formuliert, proletarisch so prekäre wie ungebildete Fußvolk, das die bürgerrechtlichen und atmosphärischen Fortschritte als „Identitätspolitiken“ diskreditieren, sondern die standesbewussten Mittelschichten. Sie sind es, die an den Performances queerer Künstler:innen im Kulturbereich schiere Wut ausleben, neulich gerade wieder in Bayreuth bei den Wagner-Festspielen. Sie sind es, die ihren Kindern nahebringen, dass ein schwules oder lesbisches Leben eher nicht so, besser: nur zur Not halbwegs okay ist.

 Homophobie ist in der gesellschaftlichen Mitte noch tief verankert.

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30 Jahre seit dem Fall der Mauer - sehr viel ist möglich und erreicht worden. Aber es kann nur ein Anfang sein: Die Mühen der Ebene, die Arbeit an einer Kultur des Respekts und der Neugier hat gerade erst wirklich begonnen.
 

Zur Debatte schrieb bereits Teresa BückerFeminismus bedeute, sich für eine umfassende Veränderung unseres Zusammenlebens einzusetzen, schreibt sie. Harald Martenstein hingegen empfindet die Geschlechterpolitik als ein Elitenprojekt. Und die Dragperformer*in Xenia von Uexküll meinte, dass die Kategorie "Geschlecht" bloß einengt.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier.

In der zweiten Woche stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen.

5 Kommentare - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Wolfgang Fänderl
    Wir vom Münchner Mediennetzwerk queerelations dokumentieren seit 24 Jahren die Entwicklungen zum Thema. Kaum vorstellbar, wie es sich in den 90ern noch anfühlte schwul oder lesbisch zu sein (von inter- und transsexuell müssen wir gar nicht erst reden). Ein Spießrutenlauf in der Öffentlichkeit und die Zuflucht in Bars und Rückzugsräumen, die noch früher von Türstehern bewacht wurden. Was sich damals "konservativ" nannte, konnte durchaus mit "menschenfeindlich" bis hin zu "faschistisch" mithalten und die tendenzielle Entwicklung nach dem Mauerfall ist wirklich erfreulich gewesen und macht stolz auf dieses Land. Der "Pride" oder auch CSD (Christopher Street Day), der in verschiedenen Städten weltweit zelebriert wird, hatte bei einem Aufstand gegen Polizeigewalt gegen Queers in New York City vor 50 Jahren seinen Ursprung. Und er ist neben der Frauen- und Schwarzen Bürgerrechts-Bewegung eine zentrale Größe für die Weiterentwicklung hin zu mehr Menschenfreundlichkeit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gewesen. Die Akzeptanz von queeren Bürgerrechten ist in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen und hat aus unserer Sicht auch das parteipolitische Pro-Contra-Spiel außer Kraft gesetzt. Die hohe Akzeptanz in der Bevölkerung sorgte nämlich schon 2001 dafür, dass auch die politischen Parteien sich nicht mehr der "eingetragenen Partnerschaft" und später der "Ehe für Alle" verschließen konnten... und nicht umgekehrt. Insb. die Öffnung der Medienlandschaft und Sendungen über queeres Leben in der Öffentlichkeit - mochte es damals noch sensationslüstern daher kommen (Hans Meiser u.a.) - führten zu einer stärkeren Toleranz und Empathie für Randgruppen. Diese Empathie und Solidarität wird heute bei den CSDs ofensichtlich, wenn hunderttausende von Menschen das freie und offene Gesellschaftsbild zelebrieren. Wir sehen hoffnungsvoll in eine Zukunft, in der auch andere Länder - die heute Queers noch mit Gefängnis- und Todesstrafen drohen - am Beispiel lernen. Weiter so!
  2. von Kultur Feuilleton
    Sex dient genetischer Durchmischung, Vielfalt, Individualität. Warum wird Sexus auch dort betont, wo es nicht um Sex geht?! Sexismus wirkt als Spielart des Rassismus in die Gesellschaft, "Teile und herrsche!" Wer beendet das?
    1. von Dennis Fischer
      Antwort auf den Beitrag von Kultur Feuilleton 12.09.2019, 15:01:07
      > Warum wird Sexus auch dort betont, wo es nicht um Sex geht?!

      z. B. weil es grundsätzliche biologische Unterschiede zwischen Man und Frau (Im Durchschnitt!) gibt, die in vielen Situationen relevant sind?

      Aber ja, ich stimme zu, dass diese Unterscheidung auch an vielen Stellen getroffen wird, wo es einfach nur hirnverbrannt ist. Das liegt aber warscheinlich eher daran, dass Menschen ziemlich einfach gestrickt sind, und da nur ganz oder garnicht können: entweder sie unterscheiden garnicht, oder überall.

      > "Teile und herrsche!" Wer beendet das?

      Ja, leider glaube ich, dass wird erst mit dem Aussterben des Homo Sapiens wirklich ein Ende finden.

      > Warum wird Sexus auch dort betont, wo es nicht um Sex geht?!

      Um nochmal auf die Frage zurückzukommen: Wie wäre es denn damit, diese Logik bei dingen wie der Frauenquote anzuwenden? Auch da wird Sexus betont, wo es nicht ansatzweise um Sex geht.
  3. von Dennis Fischer
    > Bürger:innen

    * Bürger ;)
    1. von Jo Eck
      Antwort auf den Beitrag von Dennis Fischer 12.09.2019, 12:12:34
      Englisch: "man" deutsch: Mensch. Menschen mit Vagina wurden zu NichtMenschen erklärt. Sprache transportiert Ideologie. "Bürg er innen" als Bezeichnung für Menschen mit Vagina ist logisch nicht verständlich. Anreden mit Vor- und Zunamen statt im Frau-Herr-Klischee könnten langfristig helfen, Sexismus außerhalb vom Sex zu beenden. Kinder u.a. aus Immigrations- und Flüchtlingsfamilien reagierten sichtbar erleichtert, als ihnen gesagt wurde, dass das Geschlechtsteil ein Teil von ihnen ist und jeder Mensch genetisch einzigartig ist.