Geschlechterkonstruktionen Geschlechtsorgane verraten nicht mehr als die Haarfarbe

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Dragperformer*in

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Xenia von Uexküll ist Dragperformer*in und tritt als xixinthemorning in Berlin auf.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Gender - Wie weiter zwischen den Geschlechtern? Dragperformer*in Xenia von Uexküll alias xixinthemorning meint, zwei Geschlechter für 7,6 Milliarden Menschen seien viel zu wenig Auswahl.

Ich bin ein nicht-binärer Mensch. Das heißt, dass ich mich weder als Frau, noch als Mann kategorisieren lassen will. Betrachtet man die vielfältige Gesellschaft, stellt man fest, dass die Geschlechtersituation immer noch einfältig ist. Die allermeisten Menschen leben als Mann oder Frau. Das Geschlecht wurde bei ihrer Geburt festgelegt und in die Unterlagen eingetragen. Von da an leben Menschen in der Regel ein Leben lang damit. 7,6 Milliarden Menschen und zwei Geschlechteroptionen? Das klingt nach wenig Auswahl. 

Zwei Geschlechteroptionen sind zu wenig für 7,6 Milliarden Menschen.

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Dabei ist eine Frau bestimmt nicht wie die andere, ein Mann bestimmt nicht wie der nächste. Seit kurzem gibt es für Intersex-Geborene (Menschen mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen) die offizielle Option „divers“. Ein lange überfälliger und trotzdem nur sehr kleiner Fortschritt. Was ist mit Menschen, die mit eindeutigen Genitalien geboren sind, sich aber nicht entsprechend definieren wollen oder können, weder gesellschaftlich noch körperlich? Viele dieser Menschen verstehen sich als nicht-binär oder transsexuell. Eine solche Person hat nicht die Möglichkeit, im Pass „divers“ eintragen zu lassen. Das geht nur, wenn man als intersex geboren worden ist. Und für transsexuelle Menschen dauert es etwa zwei Jahre und kostet bis zu 3.000 €, Geschlecht und Vornamen in amtlichen Dokumenten ändern zu lassen.

Alle Menschen sollten die Möglichkeit bekommen, sich als "divers" in ihrem Pass kategorisieren zu lassen.

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Bis heute muss ein Gerichtsverfahren durchgeführt werden, um die Änderung zu erstreiten. Zwei unabhängige psychiatrische Gutachter müssen „Transsexualismus“ diagnostizieren; als wäre das eine Krankheit. Verzichten transsexuelle Personen auf dieses Verfahren, zum Beispiel aus finanziellen Gründen, entstehen üble Komplikationen am Flughafen, bei der Jobsuche oder bei amtlichen Pflichtgängen. Die Liste an praktischen Schwierigkeiten ist lang, wenn das Aussehen nicht mit dem Geschlecht im Pass übereinstimmt. Ganz zu schweigen von den Diskriminierungen im Alltag. Es wäre mit viel weniger Diskriminierung verbunden, wenn man das Geschlecht einfach wie die Adresse ändern könnte. 

Eine geschlechtsneutrale Sprache kann helfen, Zuordnungen zu verhindern.

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Auch in der Sprache findet eine permanente Geschlechterzuordnung statt. Wo es im Englischen die grammatikalisch korrekte Möglichkeit gibt they/them als geschlechterneutrales Pronomen zu nutzen, gibt es diese in der deutschen Sprache nicht. Auch ein Problem für Menschen, die weder das Pronomen ER, noch SIE nutzen wollen. Bis heute muss in Deutschland mindestens ein Vorname geschlechtseindeutig sein. Dabei wäre es doch viel schöner, wenn das von Anfang an keine Relevanz hätte. Kinder sollten lernen, dass Geschlechtsorgane nicht mehr Bedeutung haben, als unterschiedliche Haarfarben. Dann gäbe es nicht das Problem, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt werden. Ebenso würden gesellschaftliche Erwartungen an die verschiedenen Geschlechter wegfallen. Ein sogenannter Mann müsste nicht immer stark sein, dürfte aber sehr wohl sensibel sein. Eine Person, die sich als Frau definiert, würde nicht mehr damit kämpfen müssen, bestimmte Erwartungen zu erfüllen. 
 

Schon Kinder sollten lernen, dass Geschlechtsorgane nicht mehr Bedeutung haben, als unterschiedliche Haarfarben.

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Wenn wir jeden einzelnen Menschen als ein Individuum betrachten, erkennen wir schnell, dass in den zwei Geschlechterschubladen nicht genug Platz für alle ist. Ich finde, es sollte so viele Geschlechter geben, wie es Menschen auf der Welt gibt. Jeder Körper und jeder Geist ist anders und auch Hormonzusammenstellungen sind unterschiedlich und verändern sich. Die Identität eines Menschen ist fließend. Ein Charakter entwickelt sich mit der Zeit, den äußeren Einflüssen und den Erfahrungen im Leben. Geschlechteridentifikation kann sich ebenso entwickeln. Jeder, der will, sollte weiter das Recht haben, sich als männlich oder weiblich zu kategorisieren. Gleichzeitig sollte aber auch jeder Mensch das Recht haben, sich offiziell ganz anders zu definieren. Oder gar nicht. 
Wenn es genug Platz für viele weitere Geschlechteroptionen gäbe, dann wäre jede Person nur eines: MENSCH. 

Zur Debatte schrieb bereits Teresa BückerFeminismus bedeute, sich für eine umfassende Veränderung unseres Zusammenlebens einzusetzen, schreibt sie. Harald Martenstein hingegen empfindet die Geschlechterpolitik als ein Elitenprojekt.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier.

In der zweiten Woche stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen.

2 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Kultur Feuilleton
    Geschlechtsorgane dienen genetischer Durchmischung, Vielfalt, Individualität. Sexismus ist Spielart des Rassismus, aber - Politiker verweigern Anreden mit Vor- und Zunamen statt im Frau-Herr-Klischee?! Sprache transportiert Ideologie und hatte / hat sozial existentielle Folgen. Was tun?
    1. von Lorinda Trans
      Antwort auf den Beitrag von Kultur Feuilleton 11.09.2019, 10:18:57


      Ich bin eine Transsexuelle Frau die durch ihr Leben geht was in einer rückwärts gewandten Welt und Stadt nicht einfach ist. Diskriminiert und beschimpft auf dem Weg zum täglichen Job. Auch im Betrieb abgelehnt bis hin zu unerträglichen Mobbing versuchen. Ich führe mein leben nicht aus Spaß zur Erniedrigung.
      Es ist mir angeboren so zu sagen in die Wiege gelegt worden und das wohl kaum ein Elitenprojekt das ich persönlich führe.
      Ja! Das mit Namensänderung ist beschwerlich aber auch notwendig um tatsächlich nur wirklich die zum Zuge kommen lassen es mit dem Herzen wollen. Was wirklich an seinem sein rüttelt sind die Prozeduren der Kassen die einer Transfrau das Leben zur Hölle machen können. Im Rahmen der Mammaaugmentation wird dies zur einer Tortour mit niederschmetternde Briefmitteilungen die immer mit Widersprüche beantwortet werden auch feminisierende Op um ein besseres Passung zu bewirken müssten im Transsexuellegesetz hinzugefügt werden denn es ist unerträgliche als Männer Votze beschimpft zu werden das trifft einer Transfrau in Mark und Bein die anderen Beschimpfungen schluckt man so runter.
      Auch der von Regierung erwünschte Zuzug von Neubürgern sind auch nicht ohne.
      Beschimpfungen die ich nicht verstehe ( zum Glück) sind häufig da ist man total wehrlos in der Hinsicht. Auch körperliche Bedrohungen in gebrochenem Deutsch sind dabei. Ich empfinde Berlin als unangenehmer als vor einem Jahr.