Gleichberechtigung Geschlechterpolitik ist ein Elitenprojekt

Bild von Harald  Martenstein
Journalist

Expertise:

Harald Martenstein ist Autor und Journalist. Er schreibt über das politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben in Deutschland.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leserkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Gender - Wie weiter zwischen den Geschlechtern? Autor und Journalist Harald Martenstein meint, Feminismus sei widersprüchlich und Geschlechterpolitik habe mit den realen Problemen vieler Frauen und Männer nichts zu tun.

Ich versuche es mit vier Thesen zur aktuellen Geschlechterpolitik. Erstens, Frauen werden in Deutschland nie wirklich und völlig gleichberechtigt sein. Niemals.

In Deutschland ist eine Gleichstellungs-Bürokratie entstanden, die verhindert, dass Gleichberechtigung durchgesetzt wird

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Warum? Weil inzwischen eine gewaltige Bürokratie entstanden ist, deren Mitgliederinnen ihr Geld mit dem Aufspüren und Anprangern auch kleinster und auch vermeintlicher Benachteiligungen verdient. Es gibt tausende Gleichstellungsbeauftragte und mindestens 200 Genderprofessuren. Dass eine Bürokratie ihre Aufgabe für erledigt erklärt und sich damit selbst arbeitslos macht, kommt selten vor. Bürokratien wollen wachsen. Stellt 2000 Männerbeauftragte ein, deren Job es ist, Männerdiskriminierung aufzuspüren, und ihr werdet euch wundern, wie diskriminiert diese Geschöpfe in den Augen ihrer Anwälte sind. Falls aber jemand öffentlich erklärte, man habe doch bei der Gleichstellung das Meiste erreicht und könne mit den Anstrengungen allmählich nachlassen, dann würde ein Aufschrei erschallen, der bis Grönland zu hören ist.

Der Geschlechterdiskurs ist widersprüchlich. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Zweitens, der feministische Geschlechterdiskurs ist völlig widersprüchlich. Einerseits heißt es, Geschlecht sei nur eine soziale Konstruktion. Wir seien völlig gleich, biologische Unterschiede spielten kaum eine Rolle. Warum die Evolution, in der ansonsten alles seinen Sinn hat, sich die irre Mühe gemacht hat, zwei Geschlechter hervorzubringen, bleibt dabei ungeklärt. Gleichzeitig aber hören und lesen wir Medienkonsumenten ständig, dass Frauen in diesem oder jenem besser seien. Sie sind bessere Chefs, sie können besser kommunizieren, sind nicht so aggro, sie verhalten sich in Konflikten rationaler, et cetera, einiges davon stimmt auch. Einerseits sind wir also gleich, andererseits gibt es durchaus Unterschiede, vor allem solche, die sich aus feministischer Perspektive gut anhören. Um die Verwirrung komplett zu machen, soll es statt biologischer Geschlechter, die angeblich gar nicht existieren, etwa 50 bis 100 Gender geben, die allerdings keine soziale Konstruktion sind, sondern eine glasklare Tatsache.

Es ist falsch, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zur gesellschaftlichen Hauptkampflinie zu erklären.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Drittens: Frauen und Männer haben auch soziale Interessenlagen. Eine Kassiererin bei Aldi hat in sozialer Hinsicht mehr Gemeinsamkeiten mit ihrem männlichen Kollegen als mit einer Professorin. Eltern haben gemeinsame soziale Interessen, die anders sind als die von Singles. Alte und Junge haben verschiedene Bedürfnisse. Es ist falsch, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen (die es, wie gesagt, angeblich sowieso nicht gibt) zur gesellschaftlichen Hauptkampflinie zu erklären. Wir sollten zusammenstehen und uns nicht auseinanderdividieren lassen.

In den letzten Jahren hat die Gleichstellungspolitik einen großen Teil ihrer Energie in die Durchsetzung einer gendergerechten Sprache gesteckt. Sternchen und substantivierte Partizipien wie „Studierende“ oder „,Angelnde“ haben eine Karriere gemacht, die in einer männerdominierten Gesellschaft nie möglich gewesen wäre. Sprache bestimmt das Denken, oder? Man fragt sich doch beim Wort „Sanitäter“ sofort, wieso diese Menschen pauschal als „Täter“ dargestellt werden, kein Wunder, dass sie wenig verdienen. Der „Erziehende“ erzieht auch Mädchen, wieso „er“? Müsste es nicht besser „Pädagogische Fachkraft“ heißen? So ungefähr funktioniert gerechte Sprache.

Geschlechterpolitik hat sich von den realen Problemen des Lebens entfernt. 

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht

Sprache ist ein Alltagswerkzeug, die Menschen tendieren deshalb dazu, sie zu vereinfachen, sie sagen sogar lieber „Perso“ als „Personalausweis“. Komplizierende, ideologisch begründete Sprachregeln sind immer Elitenprojekte und beim gemeinen Volk unbeliebt. Dass man in Köpenick bis anno 89 „Berlin, Hauptstadt der DDR“ sagen sollte statt „Berlin“, beruhte auf dem gleichen magischen Glauben an die Macht der Sprache. Die Gendersprache wird, laut Umfragen, auch von einer Mehrheit der Frauen kritisch gesehen. Dass dieses Projekt gleichwohl mit großer Energie durchgezogen wird, beweist, viertens, dass sich die Geschlechterpolitik ein ganzes Stück von den realen Problemen des Lebens entfernt hat. Welche das sein könnten, fragt man am besten die Kassiererin bei Aldi, eine alleinerziehende Mutter oder eine Rentnerin, die im Park Flaschen sammelt.

Zur Debatte schrieb bereits Teresa Bücker. Feminismus bedeute, sich für eine umfassende Veränderung unseres Zusammenlebens einzusetzen, schreibt sie.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier.

In der zweiten Woche stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.

  1. von Gabriele Flüchter
    Ich nochmal Herr Martenstein, erst einmal habe ich gemerkt, ich habe mich vertan, ein Blick ins Tagesspiegel Archiv:
    "Bestandsaufnahme Gurlitt" von 2018 hat mich drauf gebracht: "Bern" muss es heißen, nicht "Basel" - jedenfalls nach dem Stand der Forschung eher "Bern".

    Vor lauter "Frau-Mann" bin ich fast über den "Professions-bezogenen" Teil Ihres schönen Beitrages hin weg gekommen. Ich guck nicht immer richtig hin, Herr Martenstein.

    Das mit "Sanitäter" und so stimmt, ich gebe Ihnen Recht.
    Und ein Banker hieß früher wohl auch so, weil er - meist nicht "sie" eine Theke auf einem Markt hatte, um Sachen zu verkaufen. Die "Banca" - denn das Wort kommt wohl aus dem Lateinischen (ich hatte nie Latein, aber ich meine, so hätte es die Berufssschule damals erklärt). Gingen die Geschäfte nicht mehr gut, zerschlug der Händler die Bank, die aus Holz war, um wenigstens Feuerholz verkaufen zu können. Die "Banca" war dann "rotta" - da rührt der wenig ehrenhafte Begriff "Bankrott" her, mit dem man bis heute eher eine böswillige, selbst verursachte Pleite, auf anderer Leute Kosten, in Verbindung bringt.

    Seitdem hat sich viel getan, der Bankier, der von den Universalbanken, ist ein Bankmanager, Georg Solmssen, für mich der Thomas Mann unter den Bankiers, Friedrich Pasternak, entfernt verwandt mit dem weitaus bekannteren Boris Pasternak, John Elsas, ein Burgenfinanzier, Börsianer, Leon Klemperer, denkmaltechnisch ein vergessenes Mitglied der Klemperer Familie. Sie konnten machen was sie wollen, bemerkt hat sie der Kulturbetrieb nur, wenn sie anfingen zu malen, zu kleben, zu dichten.

    Es hilft auch nicht, dass Wissenschaftler die Bankengeschichte erklären, ältere wie Richard Tilly, Experte für das Universalbankensystem oder Carmen Buxbaum, Expertin für den Anlegerschutz - alles kulturpolitisch uninteressant,keine Biographie,keine Ausstellung.


    Das Münzregal, ist nicht das Regal,auf dem die Münzen liegen mit Köpfen eingeprägt,Runter von der "langen Bank"!

  2. von Gabriele Flüchter
    Guten Morgen Tagesspiegel, besten Dank nochmal Herr Martenstein. Die Frau im Spiel hier gerade bin ich selbst, der Mann im Spiel sind Sie selbst, Remis also und so soll es sein. Mir geht es um Sprache, denn mit freier Sprache fühle ich mich selbst frei - Menschen können das nicht bewirken, sie verunsichern mich eher - das ist egal, ob das Männer sind oder Frauen - Mein Bücherschrank hat mehr Literatur von Männern drin, ist aber egal, das Buch ist ja neutral.
    Trotzdem habe ich drei autobiographische Werke von Frauen heraus gesucht, da diese mir aus der Seele sprechen als Mensch, das können Männer auch, aber Frauen eben auch. Doris Lessing trifft mit ihrer Autobiographie "Walking in the shade" meine Sehnsucht nach Reisen, Grenzenlosigkeit, nach selbstbewusstem "Links"-Sein, ohne dabei die Sanftmut zu verlieren. Ich fühle mich ihren Texten verbunden, obwohl Doris Lessing ein sehr geselliger Mensch gewesen sein muss, ich bin es nicht - und doch treffen sich ihre und meine Sprache, jedenfalls bei mir.

    Monika Mann schreibt anlässlich des Todes ihres Vaters Thomas Mann: "Mein Vater ist am 12. August Neunzehnhundertfünfundfünfzig gestorben. Ich habe an der Stelle des Buches, wo mich beim Schreiben die Trauernachricht traf, ein Kreuz gemacht"

    Manchem mag es kalt erscheinen, wie Monika Mann dies so geschrieben hat, ich finde mich in dem Text wieder, denn es ist eine Umgangsform mit einem Verstorbenen, die mir würdig erscheint, distanziert und angemessen für Einen, der es mit der Gleichberechtigung nicht genau nahm. Unsere Väter teilten diese Eigenschaft, ohne sich zu kennen, ich kenne die Gemeinsamkeit und Monika Mann kannte sie, ohne das wir uns kannten.

    Zimmer frei für Cornelia Gurlitt! Hildebrand Gurlitt hatte 1922 noch über sie schreiben wollen, sein Nachlass ging zuerst an Cornelius Gurlitt und ist jetzt meines Wissens in Basel im Museum.
    Berliner Zimmer für Frauenzimmer - wie Cornelia Gurlitt,
    Monika Mann, Doris Lessing - jetzt!


  3. von Gabriele Flüchter
    Guten Morgen Tagesspiegel, besten Dank Harald Martenstein für den Beitrag.

    Wieso sollte es bei Gleichberechtigung um "Gemeinsamkeiten" gehen? Wenn ich in die Bankengeschichte gucke, und ich habe die letzten Tage viel rein geguckt, dann waren alle betrachteten Bankarbeiter männlich, das lag nicht an meinem Selektionsprinzip, sondern an dem Fakt, dass der Beruf sehr lange nur als Männerberuf verstanden wurde, erst in meiner Ausbildungszeit Anfang der Achtziger ging man dazu über auch das Wort "Bankkauffrau" offiziell zu machen. Bankiersfamilien stürzten sich in Personalengpässe, weil die vielen Töchter für den Beruf nicht vorgesehen waren, man heiratete sich was zurecht, um irgendwie an einen männlichen Bankier zu kommen.

    Die Idee, solche Ausgrenzungen von Frauen im Bankfach aufzugeben, war nicht elitär.

    Mich interessiert Gleichberechtigung bei gleichen Chancen,
    was mich nicht interessiert sind "Gemeinsamkeiten", wieso bräuchte ich mit irgendeinem anderen Menschen eine "Gemeinsamkeit", um die gleichen Rechte, die gleichen Chancen, das gleiche Einkommen genießen zu können?
    Brauche ich nicht, ich brauche dafür keine Partei, die habe ich für was Anderes, nämlich für meinen Willen zur Sache, nicht zur Person.

    Was ist mein Wille zur Sache, zu einem realen Problem?
    Ich will, dass sich die Ermöglicher des Kataloges zur Emil Nolde Ausstellung in aller Öffentlichkeit bei Emil Nolde entschuldigen für ihren Umgang mit dessen Persönlichkeit.

    Der Katalog verletzt Emil Nolde, ich finde den Katalog in seinem Aufbau, seiner Linie, dauernd zu betonen, Emil Nolde wäre ein reicher, machtverliebter Superschlaukopf - gewesen, persönlich übergriffig, inakzeptabel und einem Staatlichen Museumsbetrieb vollkommen unangemessen.

    Auf der Straße haut man Menschen die Kippa vom Kopf wegen der Idee, sie wären reich, machtverliebt und superschlau, mir hat der Katalog ins Gesicht gehauen, ich habe viele Ausstellungskataloge, sowas habe ich noch nicht erlebt und will es nicht noch mal erleben.