Anwohner leiden unter Tourismus Ende der Partyhauptstadt!

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Unternehmerin Die Anrainer

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Karola Vogel lebt seit 22 Jahren im Simon-Dach-Kiez in Berlin-Friedrichshain und vertritt dessen Anwohner-Initiative "Die Anrainer". Sie ist Hotelfachfrau und betreibt als Kleinunternehmerin eine Textilwerkstatt in einer Lichtenberger Atelier-Gemeinschaft.

Für die Anwohner ist das Ausmaß des Tourismus in Berlin längst unerträglich, und die Maßnahmen der Bezirksverwaltungen bei weitem nicht ausreichend. Für eine echte Verbesserung muss Berlin sein "Partyhauptstadt"-Image wieder loswerden.

In einigen Innenstadtvierteln ist das Limit bereits überschritten. Im Neuköllner Reuterkiez protestieren derzeit Anwohner gegen die „Ver-Simon-Dachisierung“ ihres Quartiers. Belastend für Anwohner sind die Partygänger, die mit der Erwartungshaltung ankommen, so richtig die Sau raus zu lassen. Längst hat die Genehmigungspraxis der Bezirksverwaltungen dazu geführt, dass das konzentrierte gastronomische Angebot weit über dem Bedarf der Kiezbewohner liegt. Die Ausnahmemöglichkeit, Beherbergungsbetriebe in Wohngebieten zu gestatten, scheint zur Regel geworden.

Das gastronomische Angebot in den Bezirken liegt dank der Bezirksverwaltungen weit über dem Bedarf

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Ohne Frage schafft Tourismus Arbeitsplätze, doch wer profitiert? Laut dem Branchenindex 2017 von Compensation Partner verdienen Beschäftigte im Gastgewerbe rund 16% weniger Lohn im Vergleich zum Durchschnitt aller anderen Branchen. Selbst die Fach- und Führungskräfte schneiden nicht besser ab, sie belegen nach der aktuellen Stepstone Analyse den 2. Platz auf der Flop-Liste. Arbeitnehmer der Hotel und Gaststättenbranche würden heute im Innenstadtbereich keine bezahlbare Wohnung mehr finden. Nicht viel besser sieht es für Angestellte des Einzelhandels, Sicherheits-, Reinigungs- und Taxigewerbes aus.

Die Unzufriedenheit der Anwohner mit der touristischen Situation ist keine Einzelmeinung

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Auch wenn Friedrichshainern unterstellt wird, besonders ausgehfreudig zu sein, so zeigt ein Blick in die letzte Erhebung zum Erhaltungsgebiet Boxhagener Platz, dass die Unzufriedenheit mit dem Ausverkauf des Kiezes keinesfalls eine Einzelmeinung ist. Bei der Einwohnerbefragung innerhalb des Gebiets, in dem sich auch die „Hotspots“ befinden, fällt die negative Bewertung zu den Schlagworten Touristen, Lärm, Müll und Kneipen auf.

Sich im Simon-Dach-Kiez öffentlich dazu zu äußern, fällt nicht leicht, riskiert man doch nicht nur als Spießer tituliert zu werden. Man läuft Gefahr sich Einschüchterungen, ja massiven Repressionen seitens der Gastronomie auszusetzen. Das Auto einer „Aufgeweckten“ wurde abgefackelt (2003), ein „Anrainer“ wurde krankenhausreif verprügelt (2015). Die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt, die Indizienlage lässt den Schluss zu, dass die Gastronomie in beiden Fällen dahintersteckte.

Teils werden nachts Lärmpegel überschritten, die in Industriegebieten nicht zulässig wären. Die Notwendigkeit von Grenzwerten für saubere Luft, Wasser und Böden ist anerkannt. Das gilt auch für Verkehrslärm, nicht aber für Kneipenlärm, wummernde Bässe und grölende, kreischende Passanten?

Der Bezirk sollte nicht in Mediation, sondern Kontrollen und öffentliche Toiletten investieren

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Vor diesem Hintergrund erscheint allein der Name „fair.kiez“ für das von der Bezirkswirtschaftsförderung finanzierte Tourismusprojekt manchem Anwohner zynisch. Statt mittels bestehender Rechtsgrundlagen Konzentration und negative Auswirkungen zu verhindern, wird auf Mediation gesetzt. Wären Anwohner bei der Konzeptentwicklung beteiligt gewesen, wäre nicht in Pantomime und Benimm-Filme investiert worden, sondern in mehr Personal zur Kontrolle und öffentliche Toiletten.

Neben direkten Begleiterscheinungen, wie nächtlicher Lärm, Kriminalität, offener Drogenhandel und Müll, für dessen Beseitigung die Anwohner auch noch selbst aufkommen müssen, verändert sich der Kiez. Durch Touristifizierung steigen nicht nur die Preise für Wohn-, sondern auch Gewerberäume. Soziale Einrichtungen, am Anwohnerbedarf orientierter Einzelhandel, Handwerk und selbst Ärzte werden verdrängt und konkurrieren mit der Gastronomie. Diese hat jedoch den Wettbewerbsvorteil, ihre Betriebsflächen um Biergärten auf günstigem, öffentlichem Straßenland zu erweitern. Um lebenswerte, vielfältige, innerstädtische Wohngebiete zu erhalten, ist ein konsequentes Anwenden von Lärmschutz- und Baugesetzgebung im Sinne der Anwohner erforderlich.

Berlin muss sein "Partyhauptstadt"-Image wieder loswerden

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Für „Stadtverträglichen Tourismus“ muss Berlin das „Partyhauptstadt“ Image wieder loswerden. Das Lebensgefühl der frühen neunziger Jahre lässt sich nicht konservieren und die Voraussetzungen haben sich geändert. Es gab viele Brachen und leerstehende Wohnungen, in Freiräumen konnte experimentiert werden. Zuzug und touristische Nachfrage füllten die Lücken, die Stadt ist voller, enger und teurer geworden. Berlin mag freier als andere Städte sein, wenn aus „frei“ aber rücksichtslos und ignorant wird und wenn die Freiheit der Feiernden und derer, die davon profitieren zu Lasten der dort lebenden Menschen geht, dann läuft etwas schief.

Die Anwohner müssen auf Augenhöhe an den "Runden Tischen Tourismus" beteiligt werden

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Zu „Stadtverträglichem Tourismus“ müssen Anwohner aktiv eingebunden werden und mitbestimmen können, wohin die Reise gehen soll, denn bislang sitzen in Bezirken und Senat ausschließlich Wirtschaftsvertreter an den „Runden Tischen Tourismus“. Dazu müssen Strukturen geschaffen werden, die das auf Augenhöhe ermöglichen. 

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Joerg Simon
    Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag. Berlin hat in der "arm aber sexy"-Zeit seine Seele verkauft. Gleichzeitig durch eine übergroße Toleranz gefördert, was wir jetzt erleben. Menschen - nicht nur Touristen - die Grundregeln unseres Zusammenlebens mit den Füßen treten. M. e. war diese Toleranz eine Methode, die sozialen Probleme in der Stadt kleinzuhalten, die Leute abzulenken. Brot und Spiele gewissermaßen.

    Die Folgen sind bekannt und in weiten Teilen unerträglich.

    Was ich jedoch den Gipfel der Unverschämtheit auch von Berlinern empfinde ist der Ratschlag, dass die Leute doch einfach wegziehen sollen.

    Gerade hatte ich wieder eine Diskussion mit jemanden, der hier in den Vorgarten pi... Ich hätte Stock in A..., was das solle. Sei doch nichts dabei. Sorry, da ist sehr viel dabei.

    Was hält zum Beispiel die BVG davon ab, in den neuen Bahnhof an der Warschauer Straße Toiletten einzubauen? Warum sind diese auf dem Hauptbahnhof knapp bemessen? Schon allein die Bahnhöfe böten die Möglichkeit, da etwas zu tun.

    Der Prozess der Veränderung zu einem verträglichen Tourismus in dieser Stadt wird nur mit und der intensiven Mitwirkung der Bürger gehen. Die Dunkelziffer der Menschen, die unter den Umständen leiden, doch schweigen, dürfte riesig sein. Nach meinem Gefühl haben viele resigniert. Diese Resignation aufzubrechen, den Mund aufzumachen, sich für sein Lebensumfeld zu engagieren, wird dringend nötig sein.