Plädoyer für stadtverträglichen Tourismus Disneyland im schlimmsten Sinn

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Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg Bündnis 90/Die Grünen

Expertise:

Monika Herrmann ist seit 2013 Bezirksbürgermeisterin des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Zuvor arbeitete sie seit 1990 im Bezirksamt Kreuzberg und wurde 2006 zur Stadträtin für Jugend, Familie und Bildung gewählt.

Scherben, Drogen, Müll und Lärm: In einigen Berliner Kiezen zeigt sich der Tourismus von seiner schlimmsten Seite - und die Berlinwerbung mit ihrer 'Je mehr, desto besser' Mentalität macht es nur noch schlimmer. Berlin braucht ein neues Tourismus-Konzept.

„Hilfe die Touris kommen“ war 2011 die erste öffentliche Veranstaltung in Friedrichshain-Kreuzberg zum Thema Tourismuskritik. 2014 löste meine Kritik an den Rollkoffern die zweite öffentliche Irritation in Berlin aus. Über uns ergoss sich eine Lawine der Empörung: Spießig, fremdenfeindlich, wirtschaftsfeindlich, Linksextremisten etc. etc. etc. – um nur 4 kleine Blitzlichter zu benennen.

Bislang galt für den Berliner Tourismus: Je mehr, desto besser

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Bisher wird der Erfolg von Tourismus in Berlin rein quantitativ bemessen – je mehr, desto besser. In bestimmten Kiezen aber explodieren die Ferienwohnungen, wachsende Jugendgruppen ziehen johlend nachts durch die Wohngebiete und Kneipen. Wettsaufen hat Wettkotzen zur Folge und niemand kann in diesen Kiezen mehr gedankenverloren aus seiner Haustür treten, weil jeden Morgen eine neue Überraschung möglich ist, Glasscherben, Kot, Müll usw. Drogenverkauf und Drogenkonsum sowie „Touriabzocke“ nehmen zu. Der Lärm lässt niemanden mehr schlafen. Disneyland pur – im schlimmsten Sinne.

Der Versuch, Tourismus zu steuern, wird durch die Berlinwerbung zunichte gemacht

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Die Gegensteuerungsbemühungen des Bezirks werden konterkariert durch die Berlinwerbung – besonders unser Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird als cool, tabulos, Drogenparadies und 24/7-Partymeile verkauft. Natürlich kommt das Partyvolk und will Party und macht Party. Als Bezirk haben wir mit der Kampagne „Fair-Kiez“ gemeinsam mit Anwohner*innen-Initiativen einiges versucht, um dem Ganzen etwas entgegenzusetzen. Wurden dafür beschimpft und belächelt und haben trotzdem nicht nachgelassen, den Senat aufzufordern, endlich auch auf die Qualität des Berlintourismus zu achten. Ich habe dafür den Begriff „Stadtverträglichen Tourismus“ in Berlin geprägt. Die Idee ist: Tourismus ja – aber so, dass die Bewohner*innen der betroffenen Kieze auch Bewohner*innen bleiben können.

Der Tourismus in Berlin bedarf einer neuen Ausrichtung

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In Friedrichshain-Kreuzberg bestehen die beschrieben Probleme immer noch. inzwischen hat Berlin allerdings verstanden, was ich meine. Soll der Tourismus in Berlin weiterhin eine wesentliche Wirtschaftsrolle spielen, bedarf es einer neuen Ausrichtung. Diese Forderung konnte von uns im Koalitionsvertrag verankert werden und befindet sich bereits in der Umsetzungsphase.

Nun meckern wir nicht nur, sondern haben uns selbstverständlich auch selber Gedanken gemacht – hier nur die 6 wichtigsten Punkte:

1. Wir brauchen einen Hotelentwicklungsplan in Berlin als übergeordnetes Steuerungsinstrument, wie es das beispielsweise schon für Einkaufszentren gibt, um zu verhindern, dass die Hoteldichte im Innenstadtbereich noch höher wird.

Berlin braucht einen Hotelentwicklungsplan

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2. Illegale Ferienwohnungen sind weiterhin konsequent dem Wohnungsmarkt zurückzuführen.

3. Besonders in den touristischen Hotspots sind Reinigung und Pflege des öffentlichen Raums deutlich zu erhöhen, mehr Mülleimer und Flaschenkörbe sind hilfreich dabei.

4. Es braucht öffentliche und kostenfreie Sanitäreinrichtungen.

5. Es ist zu entscheiden, wie lange der Außenausschank in bestimmten Kiezen zu genehmigen ist und die Ordnungsämter brauchen deutlich mehr Personal, um die Einhaltung der Gesetze auch kontrollieren zu können.

6. Tourist*innen müssen sensibilisiert werden, dass in Berlin eben nicht alles egal ist und hier ohne Grenzen die „Sau rausgelassen“ werden kann. Braucht es wirklich Bierbikes und fahrende Betten quer durch die Innenstadt? Liegt es nicht auch an uns selber, dass wir ein gewisses Maß an bei Niveau der Bespaßung einfordern?

Von nachhaltigem Tourismus könnte ganz Berlin profitieren

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Berlin ist eine tolle Stadt! Wir haben eine große Fülle interessanter Orte, Veranstaltungen und Kieze. Berlin ist ganz gewiss eine der interessantesten Metropolen der Welt. Geschichtsepochen und Moderne liegen nah beieinander. Viele Berliner*innen sind stolz auf ihre Stadt und zeigen sie gern, trotzdem sehen sie die bisherige Entwicklung zunehmend kritisch. Berlin greift jetzt die Chance auf, ein bisher einmaliges Konzept für „Stadtverträglichen und nachhaltigen Tourismus“ einer Metropole zu entwickeln. So kann der Tourismus weiterhin als wichtiger Wirtschaftsfaktor erhalten und ausgebaut werden und die ganze Stadt, in allen Bezirken und allen Kiezen, kann davon profitieren. Berlin ist nicht die Ansammlung von Häusern, Museen und Straßen. Berlin sind die Menschen, die hier leben, arbeiten und wohnen. Ziel eines Konzeptes muss also sein, die Lebensqualität in den Kiezen zu erhalten bzw. zurückzugewinnen.

Berlin ist immer eine Reise wert und das soll auch so bleiben.

3 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Joerg Simon
    Berlin braucht nicht nur Konzepte, es braucht Lösungen und Maßnahmen. Nicht nur im Bereich Tourismus, sondern bei der Bevölkerung selbst. Diese ist in diesen Fragen gespalten, teils resigniert, teils kämpferisch und wir haben die, die anderen empfehlen, doch wegzuziehen, wenn sie Lärm, Dreck und Party stören.

    Mit Ihrer Bezeichnung "Disneyland" treffen Sie ins Schwarze. Schönes Beispiel ist das Kreuzberg-Disneyland in der Oranienburger Str. Auf heruntergekommen getrimmte Lokale, ein Hauch von Anarchie u Schmuddel. Gestärkt noch durch die Klientel am Kottbusser Tor, die das Gefühl des Abenteuers beiträgt und Ur-Kreuzberger mit entsprechendem Verhalten.

    Als einen Exzess sehe ich ein Hostel hier in Mitte mit 1600 Betten, dem entsprechendem Publikum und den Auswirkungen auf die Umwelt. Solche Megahostels gehen in Wohngebieten gar nicht. Man braucht sich nur die Adalbertstr. Bereich der ehemaligen Schule ansehen und man weiß, was los ist.

    Sie schreiben von öffentlichen Toiletten. Völlig richtig. Mittlerweile haben viele (auch Berliner) jegliches Schamgefühl verloren. Am Tage mal am Engelbecken stehen und reinpi..., gestern einer auf einer Verkehrsinsel am Bahnhof Zoo u.s.w. Woran liegt das? Früher gab es in vielen Bahnhöfen z.B. Toiletten. Das gibt es kaum noch. Öffentliche Toiletten wie auf dem Alex sind viel zu klein. Dazu viele arme Menschen, die wahrscheinlich die Nutzungsgebühr nicht zahlen wollen oder können.

    Die Folgen des Massentourismus, den Hang zur Vermüllung, Wildpinkelei, Lärm, Sauftourismus u.ä. wird es nicht gratis geben. Es braucht m. E. einer engagierten Bürgerschaft, die entschlossen den Auswüchsen entgegentritt. Sie nannten es auch mal eine Bewusstseinsänderung. Diese wird jedoch ohne Einsatz von Ordnungskräften nicht durchsetzbar sein. Ich wünsche mir daher eine massive Verstärkung der Ordnungämter und Polizei. Polizei auf Fußstreife, die präsent an den Problemstellen sind und sofort eingreifen können. Dann wird es vielleicht besser.
    1. von Joerg Simon
      Antwort auf den Beitrag von Joerg Simon 19.08.2017, 13:02:06
      Fortsetzung (2. Teil)

      Ja, dass ist in Berlin nicht gern gesehen. Doch Pantominen werden es nicht schaffen.

      Die Stadt muß sich mehr darauf einstellen, dass es diese Probleme gibt. D.h. keine kleinen sondern große Mülleimer. U. u. tägliche Reinigung der Straßen, Parks und Plätze. Durchsetzung von Vorschriften wie dem Fütterungsverbot für Tiere (Tauben, Wasservögel u.a., für die Ratten fällt immer auch etwas ab). Sanktionen gegen Inhaber von Lokalen, die in ihrem Umfeld nicht für Sauberkeit sorgen und sich an Vorschriften halten. Ein anderes Sperrmüllkonzept, dass die Leute nicht dazu bringt, ihren Müll im öffentlichen Raum zu entsorgen und ihre Kosten zu vergesellschaften.

      Mein Eindruck ist, dass in Berlin niemand mehr auf die Idee kommt, wenn man ihn auf ein Fehlverhalten anspricht, dass der Ansprechende auch ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder der Polizei ist. Da wird sofort knallhart oft reagiert. Wenn ich spazieren gehe, wie oft sehe ich Drogenkonsum. Radfahrer auf Gehwegen. Rücksichtslos gegen Fußgänger, Ältere und Behinderte. Bei vielen fehlt schlicht ein Unrechtsbewusstsein. Bierbikes sollen seit Jahren aus dem Stadtbild verschwinden. Was geschieht? Nichts. Alkoholisierte Personen mitten im Straßenverkehr. Paradox. Das geht einfach nicht.

      Ja, dass ist alles hart und klingt nach Law and Order. Polizeistaat und was da gern immer gedacht wird. Doch wie soll sonst eine Änderung der Verhältnisse eintreten? Durch Vernunft? Daran glaube ich nicht mehr.

      Fraglich ist, ob es den politischen Willen gibt, die Zustände zu ändern, das Tourismuskonzept auf einen sanfteren Tourismus auszurichten, statt Kneipenviertel Theater, Museen und Denkmale zu bewerben und dergleichen mehr.

      Packen wir es endlich an und lassen uns unsere Stadt nicht kaputtmachen. Großputz ist angesagt.
    2. von Joerg Simon
      Antwort auf den Beitrag von Joerg Simon 19.08.2017, 13:02:06
      Korrektur: In meinem 1. Kommentar muß es im 2. Absatz statt Oranienburger Straße Oranienstraße heißen.