Akzeptanz der Anwohner erhalten Das Konzept "365/24 Berlin" hat ausgedient

Bild von Hartmut Rein und Anush-Maria Muthesius
Mitarbeiter an der HNEE Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Expertise:

Prof. Dr. Hartmut Rein ist Professor für "Nachhaltiges Destinationsmanagement" und Mitglied am Zentrum für nachhaltigen Tourismus der HNE Eberswalde. Zuvor arbeitete er als Geschäftsführender Gesellschafter der Partnerschaftsgesellschaft BTE Tourismus- und Regionalberatung. Anush-Maria Muthesius hat den Master "Nachhaltiges Tourismusmanagement" an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde abgeschlossen.

Wenn die Akzeptanz der Anwohner für Touristen in ihrem Kiez in den Keller geht, wird das Image von Berlin als "Trendstadt" zum Problem. Die Stadt braucht ein neues Tourismuskonzept, weg von der 365/24-Metropole.

Das stetige Wachstum der Gästezahlen des Berlintourismus setzt sich fort, auch wenn inzwischen etwas gebremster. Insbesondere das Image der Stadt als rund um die Uhr erlebbare Stadt, das durch den Werbeslogan „365/24 Berlin“ verstärkt wird, lockt auch junge feierfreudige Zielgruppen an. Die Berliner Nachtökonomie mit ihrer ausgeprägten Clublandschaft profitiert davon. Jene Berliner Kieze, in denen der Party- und Airbnb-Tourismus überhand genommen hat und wo sich Kneipe an Bar und Club an Späti reiht, sind zunehmend Konfliktorte zwischen Bewohnern und Touristen. Dort verliert der Tourismus seine Akzeptanz. Für einen nachhaltigen Tourismus ist die Akzeptanz der einheimischen Bevölkerung jedoch eine grundlegende Voraussetzung.

Für nachhaltigen Tourismus ist die Akzeptanz der Einheimischen eine grundlegende Voraussetzung

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Berlin steht mit diesen Problemen nicht alleine da - diese Entwicklungen sind europaweit vor allem bei jenen „Trend-Städten“ zu beobachten, die mit Billigfliegern gut zu erreichen sind. Die oft jüngeren Reisenden machen nachts viel Lärm, hinterlassen Müll und quartieren sich gerne in Airbnb-Wohnungen ein - für die nicht selten die Alteingesessenen weichen mussten. Die Bewohner von Barcelona, Lissabon oder Venedig protestieren gegen diesen Tourismus, der ihre Altstädte überflutet und sie aus ihren Nachbarschaften vertreibt.

Maßnahmen, um Touristen besser auf die Stadt zu verteilen, werden gegen den Feiertourismus nicht wirken

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Nun kann man argumentieren, dass diese von Touristen bevölkerten Quartiere nur einen kleinen Teil an Berlins Gesamtfläche ausmachen. Im Grunde bietet die Stadt noch genügend Platz, sich touristisch zu entwickeln und Besucherkonzentrationen zu entzerren. Touristische Initiativen in den äußeren Bezirken, u.a. Köpenick und Spandau verfolgen dieses Ziel und versuchen, vom Tourismuswachstum zu profitieren. Das mag richtig sein - nur wird kein Besucher, der anreist, um Berlins pulsierendes Nacht- und Kiezleben zu erleben, sich in ein familiengeführtes Gästehaus nach Teltow oder Spandau verirren. Und so stehen die Szenekieze von Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln, Pankow oder Schöneberg vor realen Problemen, die auch nicht von den Tourismusverantwortlichen in Berlin kleinzureden und vor allem im Nachhinein nur äußerst mühsam wieder „anwohnerverträglich“ zurück zu entwickeln sind.

Wenn Tourismus in Berlin also langfristig funktionieren soll, ist eine Stadtplanung gefragt, welche die aktuellen touristischen Entwicklungen in ihre Planungen einbezieht. Mittels eines Monitorings, das es bereits für die Soziale Stadtentwicklung gibt, sollten Parameter wie z.B. die Besucher-Auslastung, gastronomische Dichte, Ferienwohnungsangebot, Mietenentwicklung, etc. kontinuierlich ermittelt und ausgewertet werden. Darauf basierend können dann vorsorgend Maßnahmen in den jeweiligen Stadtteilen ergriffen werden, die zur Vermeidung und Minderung von Konflikten beitragen.

Das Ansiedeln von Ausgehmeilen in Industriegebieten sollte ermöglicht werden

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Wenn das RAW-Gelände nicht ausgerechnet neben dem vom Partytourismus gebeutelten Simon-Dach-Kiez liegen würde, hätte es eigentlich die idealen Voraussetzungen für ein anwohnerverträgliches Tourismus-Gebiet für junge Gäste: Ein großer Einzugsbereich mit Bars und Clubs, wo sich die Nachtschwärmer austoben können, ohne dabei den Bewohnern den Schlaf zu rauben. Überlegungen, Ausgehmeilen in Industriegebieten anzusiedeln, gibt es bereits. Allerdings ist dafür die Genehmigungslage schwierig und die ÖPNV-Anbindung oft ungünstig. In diese Richtung zu denken, wäre jedoch ein erster Lösungsversuch.

Das Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum muss konsequenter angewandt werden

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In den beliebten Ausgehvierteln sollte es konkrete und handlungsbefugte Ansprechpartner geben. Vor allem nachts, wenn der Lärm den Bewohnern den Schlaf raubt, muss adäquat eingeschritten werden können. Das Ordnungsamt, was für Lärmbeschwerden zuständig ist, arbeitet in der Regel jedoch nur bis 22:00, in Ausnahmefällen bis 24:00 Uhr. Danach ist die Polizei für Ordnungswidrigkeiten zuständig und die hat nachts meist dringendere Einsätze als Lärmbeschwerden. Eine Art Kiezmanagement in den touristisch attraktiven Vierteln könnte als eine Anlaufstelle für betroffene Anwohner und Gewerbetreibende fungieren. Während Lärmbelastungen noch bis zu einem gewissen Grad von den Anwohnern toleriert werden, endet die Toleranz der Einheimischen dann, wenn sie für lukrative Ferienwohnungen ihre Mietwohnungen verlieren und verdrängt werden sollen. Das seit 2014 bestehende Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum muss hier noch konsequenter zur Anwendung kommen.

Die City-Tax sollte genutzt werden, um die negativen Folgen des Tourismus abzudämpfen

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Um dies zu finanzieren und die Akzeptanz des Tourismus abzusichern, stehen die Mittel der City-Tax zur Verfügung, die dort eingesetzt werden sollten, wo sich die negativen Auswirkungen des Tourismus abzeichnen oder schon wirken.    

Die Akzeptanz des Tourismus ist jedoch nur ein Aspekt in Hinblick auf die Nachhaltigkeit des Tourismus in Berlin. Soll dieser nachhaltiger werden, sind auch noch eine Vielzahl umwelt- und klimaschutzbezogener sowie sozialer Probleme zu bearbeiten, die an anderer Stelle weiter erörtern werden sollten.

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