Digitalisierung ist in jeder Hinsicht ein Risiko "Wer nichts zahlt, ist nicht Kunde, sondern das Produkt"

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Psychiater

Expertise:

Manfred Spitzer ist Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Computer braucht der Mensch? Die Digitalisierung macht uns, laut Psychiater Manfred Spitzer, vor allem zu Marionetten des Wirtschaftssystems.

Digitale Informationstechnik (IT) verursacht Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck, Sucht (Internetsucht, Spielsucht, Smartphone-Sucht, aber auch mehr Alkohol- und Tabak-Konsum) und ein erhöhtes Risikoverhalten beim Geschlechts- und Straßenverkehr: Geosocial Networking, darunter Dating-Apps mit Standortangaben, fördert Gelegenheitssex und damit auch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten; Smartphones haben bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer 1 abgelöst.

Digitale Medien lenken die Aufmerksamkeit ab, schaden dem Lernen und bewirken eine geringere Bildung, wie Studien aus vielen Ländern der Welt zeigen. Unabhängige Studien, die das Gegenteil zeigen, gibt es nicht. Weiterhin gilt: Je ungebildeter ein Mensch ist, desto mehr schadet ihm digitale Informationstechnik. Daher schaden Computer an Schulen auch vor allem den schwächeren Schülern.

Computer sollten an Schulen möglichst selten eingesetzt werden.

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Soziale Online Medien erzeugen nachweislich soziale Unzufriedenheit und Depressivität, wie internationale Studien zeigen. Zudem haben sie ungünstige Auswirkungen auf die Gesellschaft, wie die folgenden Beispiele zeigen.

(1) YouTube hat mit etwa 1,5 Milliarden Nutzern und einer Milliarde Stunden Betrachtung durch die Menschheit weltweit täglich das Fernsehen als Leitmedium abgelöst. Im Gegensatz zum Fernsehen, wo wir uns anschauen, was wir wollen, werden aber etwa 80% der auf YouTube geschauten Inhalte von dessen Recommendation Algorithmus vorgeschlagen. Damit wir besonders lange am Bildschirm kleben bleiben (die gezeigte Werbung ist das Geschäftsmodell!), werden uns automatisch immer radikalere Videos gezeigt: Man beginnt bei „Joggen“ und landet wenige Videos später bei „Ultramarathon“; oder man beginnt mit „vegetarisch“ und trifft sehr bald auf „vegan“. Insbesondere bei politischen Inhalten wurde die Tendenz zur Radikalisierung sehr deutlich. Damit sehen sich weltweit 1,5 Milliarden Menschen für mehr als eine Milliarde Stunden Videos an, deren Inhalte automatisch radikaler sind als die Ansichten der Betrachter dieser Videos.

Im Gegensatz zum linearen Fernsehen entscheidet man auf YouTube weniger aktiv über die konsumierten Inhalte.

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(2) Twitter hat eine weitere ungewollte und zugleich unvermeidliche Auswirkung: Falsche Nachrichten werden schneller, weiter und tiefer verbreitet als wahre Nachrichten, wie eine im Fachblatt Science publizierte Auswertung von 126000 Twitter-Nachrichten, die von 3 Millionen Nutzern insgesamt 4,5 Millionen Mal weitergeleitet wurden, ergab.

Fake News sind eine Folge der Digitalisierung.

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(3) Facebook untergräbt systematisch unsere Privatsphäre und spioniert uns aus. Mit nur 9 Facebook-Likes kann man die Persönlichkeit eines Menschen etwa so gut vorhersagen wie wenn man sein Arbeitskollege wäre, mit 65 Likes ist man in der Einschätzung so gut wie ein Freund, mit 125 Likes so gut wie Vater, Mutter, Bruder oder Schwester. Mit den 225 Likes, die Facebook-Nutzer im Durchschnitt abgegeben haben, ist jeder, der diese Daten auswerten kann, so gut wie der Partner!

Facebook untergräbt systematisch unsere Privatsphäre.

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All diese Erkenntnisse verblieben leider nicht im Bereich der Wissenschaft, sondern wurden ganz „praktisch“ umgesetzt, um damit Geld zu verdienen. Wenn Sie nichts bezahlen, dann sind sie nicht der Kunde, sondern das verkaufte Produkt, d.h. das Internet und alle seine „Segnungen“ sind nicht umsonst! Wir bezahlen vielmehr alle mit unserer Lebenszeit und mit einer Verschlechterung unserer Gesundheit, unserer Bildung und Lebensbedingungen, und verhelfen damit den ohnehin schon reichsten Firmen der Welt – Apple, Google, Amazon, Microsoft und Facebook – zu noch mehr Reichtum.

Die Digitalisierung macht uns zu Marionetten großer Konzerne.

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Müssen wir die Geschäftsgrundlage der genannten Firmen wirklich mit Steuergeldern (z.B. für den Breitbandausbau) weiter öffentlich fördern? Kann eine Gesellschaft auf der Grundlage automatischer und systematischer Spionage, Unwahrheit und Radikalisierung überhaupt nachhaltig existieren?

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!
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  1. von Walter Neuschitzer
    Wie für Psychiater typisch, werden Menschen hier als eine Art Tiere ohne viel Vernunft betrachtet, welche man vor sich selbst schützen muss. Ohne den Umgang mit Google, Internet, Mail, Wikipedia, eventuell auch Office-Produkten, zu beherrschen, schneidet man sich immer mehr von der modernen Welt ab. Die Lösung ist bei weitem nicht, Kinder und Jugendliche von digitalen Medien fernzuhalten, sondern ihnen den verantwortlichen Umgang beizubringen.