Barrierefreie Digitalisierung Sich im Internet blind zurechtfinden

Bild von Oliver Nadig
blinder IT-Trainer

Expertise:

Oliver Nadig ist blinder IT-Trainer und Berater für Blindenhilfsmittel am Beratungs- und Schulungszentrum der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Computer braucht der Mensch?  Oliver Nadig erklärt, wie barrierefreie Programme funktionieren. Und was es braucht, um sie für alle Menschen zugänglich zu machen.

In meiner flapsigen Art sage ich gerne: Wir blinden Menschen betrachten die Digitalisierung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende Auge schaut zurück auf die 1970er Jahre. Blinde Menschen gehörten zu den Ersten, die von den aufkommenden IT-Arbeitsplätzen profitierten. Zu dieser Zeit kommunizierte man mit „elektronischen Datenverarbeitungsanlagen“ über Textbefehle, und die Ein- und Ausgabegeräte konnten so erweitert werden, dass sie im wahrsten Wortsinne blind bedienbar waren.

Als in den 1980er Jahren PCs in die Büros einzogen, standen sie sehr früh auch bei blinden Kollegen, denn Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbankverwaltung und Programmierung waren Aufgaben, die wir mit elektronischen Hilfsmitteln schon damals selbständig ausführen konnten. Die drei wichtigsten Hilfsmittel waren und sind Bildschirmausleseprogramme, Sprachausgaben und Braille-Zeilen. Sprachausgaben lesen Bildschirminhalte laut vor. Braille-Zeilen sind Zusatzgeräte, die Bildschirmbereiche als Text in der Blindenschrift darstellen, die mit den Fingern gelesen wird. Sprachausgaben und Braille-

Zeilen sind "dumme" Ausgabe-Medien, denen eine Software mitteilen muss, welcher Text am Bildschirm wichtig und blindengerecht darzustellen ist. Diese Aufgabe übernehmen Bildschirmausleseprogramme, neudeutsch: Screenreader. Aber wie gibt ein blinder Mensch Daten in einen Computer ein und steuert Software? Er hat das Zehnfinger-Tastschreiben auf der Computertastatur erlernt und tippt blind. Die Maus als Eingabegerät ist blind nicht praktikabel.

Von der Digitalisierung haben alle Menschen gleichmäßig profitiert.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Spätestens, als in den 1990ern die heute gebräuchlichen grafischen Bedienoberflächen von Windows und Co. die bis dahin aktuellen textorientierten Programme ablösten und das Internet seinen Siegeszug begann, wurde eines deutlich: Genauso wie Menschen im Rollstuhl auf bauliche Barrierefreiheit angewiesen sind, brauchen wir blinde Personen für die digitale Teilhabe auch digitale Barrierefreiheit. Dies bedeutet für Entwickler, ihre Programme, Dokumente und Internetseiten so zu gestalten, dass sie mit unseren Blindenhilfsmitteln vollständig wahrnehmbar und bedienbar sind. Wenn ich mich im Rahmen einer Internet-Abstimmung als Mensch zu erkennen geben muss, indem ich in einem Grafik-Sammelsurium alle Bildchen mit Fahrzeugen anklicken soll, kann ich nicht teilnehmen.

Digitale Barrierefreiheit sollte von blinden Menschen nicht erst eingefordert werden müssen.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Im Jahr 2009 kam mit dem iPhone 3GS das erste Smartphone mit Touchscreen auf den Markt, das von blinden Menschen bedient werden konnte. Die Firma Apple hatte dazu dem iPhone-Betriebssystem einen Screenreader mit integrierter Sprachausgabe spendiert. Etliche Firmen haben dieses Prinzip kopiert, so dass mittlerweile Smartphones, Tablets sowie einige Ebook-Reader und Fernseher barrierefrei bedienbar sind. Aber immer noch gilt: Eine App kann ich nur dann einsetzen, wenn sie barrierefrei programmiert ist.

 App-Hersteller sollten dazu verpflichtet werden eine Sprachausgabe zu integrieren.

zustimmen
ablehnen
Ergebnis
Debattenübersicht


Dank einiger neuerer Gesetze können Menschen mit Behinderungen digitale Barrierefreiheit von „öffentlichen Stellen“ einfordern. Doch sollte sie gar nicht erst eingefordert werden müssen, sondern gleich von Anfang an mitgedacht werden; nur dann ist sie weder aufwendig noch teuer! Leider ist die Privatwirtschaft derzeit noch nicht zu digitaler Barrierefreiheit verpflichtet. Weil Haushalts- und Unterhaltungselektronik häufig nur noch über Touchscreens und Sensortasten gesteuert wird, ist sie immer schlechter blind nutzbar. Wir hoffen auch hier auf Touchscreens mit Sprachausgabe oder die immer verbreitetere Sprachsteuerung, denn digitale Barrierefreiheit nützt nicht nur behinderten, sie hilft ALLEN Menschen!

Zur Debatte schrieb bereits Psychiater Manfred Spitzer, der meint Computer an Schulen würden vor allem den schwächeren Schülern schaden. Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg ist dagegen der Ansicht, dass digitale Bildung früh beginnen müsse und Schüler*innen bei ihrer Einschulung einen Laptop erhalten sollten. Anna Miller meint, wir seien alle abhängig von unseren Smartphones und müssten uns dringend zurück in die analoge Welt begeben.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier.

Weitere Materialien zum Thema können Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung finden.

 

 

0 Kommentare - Diskutieren Sie mit!

Diese Community ist nur während der Arbeitszeiten der Tagesspiegel-Community-Redaktion geöffnet. Sie können täglich von sechs bis 21 Uhr Kommentare schreiben.