Ein Leben nach dem Internet Für mehr Leben und weniger Smartphone

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Journalistin

Expertise:

Anna Miller ist freie Journalistin und schreibt an einem Buch über Digitalisierung und Menschsein.

Eine Stadt. Ein Land. Viele Meinungen. Unter diesem Motto feiern der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung die Meinungsfreiheit. Diskutieren Sie mit! Ausgewählte Leser*innenkommentare werden veröffentlicht.

Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Computer braucht der Mensch? Wir meinen alle, digital süchtig seien nur die anderen, schreibt Journalistin Anna Miller. Doch wir hängen mehr am Handy rum als an unserem echten Leben. Miller fragt: "Wie viel 'Mensch' wollen wir bleiben?"

Ich will ein Leben nach dem Internet. Mehr Lebendigkeit in einer immer saubereren, leiseren, zwischen 0 und 1 trennenden, digitalen Welt. Mehr echte zwischenmenschliche Nähe, eine Pause von meiner kuratierten, zweiten, digitalen Identität. Ich fordere eine echte Debatte über die Chancen und die Schattenseiten der Digitalisierung. Mehr kritische Fragen dazu, was das ständige Online-Leben mit unserem Menschsein macht. Dass wir anfangen hinzuschauen, warum Angststörungen massiv zunehmen, warum die Leute am Arbeitsplatz ausgebrannt sind, warum so viele Jugendliche mit zappelnden Gliedern im Minutentakt nach ihren Smartphones greifen.

Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über die Schattenseiten der Digitalisierung.

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Ich will, dass wir das Narrativ hinterfragen, das Politik und Wirtschaft uns fast schon ideologisch einflüstern: Digitalisierung ist die Zukunft, reiner Fortschritt, alles ist damit einfacher, günstiger, effizienter. Die Digitalisierung, vor allem, seit sie über das Smartphone 24 Stunden täglich an uns haftet, verändert unser Menschsein. Die Art und Weise, wie wir fühlen, lieben, kommunizieren, bewerten.

Die Digitalisierung verändert unser Menschsein, wie wir uns fühlen, lieben und kommunizieren.

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Beim Sex wird der gleiche Botenstoff ausgeschüttet wie bei einem Like im Internet. Wir klicken mehr und schlafen weniger miteinander, weil wir im Bett stärker dem Risiko ausgesetzt sind, zurückgewiesen zu werden, als online. Wenn wir rund um die Uhr erreichbar sind und uns alle zehn Minuten, wie Studien zeigen, von unserer eigentlichen Arbeit abwenden, um am Smartphone rumzudrücken, müssen wir uns der Tatsache stellen, dass wir an einem Tag mit acht Stunden Arbeit kein einziges Mal in einen Flow-Zustand gekommen sind, der für Kreativität und das Gefühl von Glück zentral ist. Wir müssten darüber reden, dass so viele Menschen sich einsam fühlen und psychisch überfordert sind wie noch nie zuvor. Dass ständige Bestätigung im Netz die Frustrationstoleranz gegenüber Zurückweisungen schwächt.

Wir müssen mehr über die Einsamkeit reden, die mit der Digitalisierung einher geht.

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Wir stecken mittendrin. Jeder, der morgens um sieben Uhr in einen deutschen Zug gestiegen ist, weiß, dass dort niemand mehr wirklich anwesend ist, weil alle in ihre digitalen Welten abdriften, die wir immer stärker der echten Welt vorziehen. Weil es eben einfach anstrengender ist, im echten Leben mit Widerstand, anderen Meinungen, heißen Tagen und kalten Gefühlen umgehen zu müssen.

Stattdessen melden wir uns beim Iron Man an oder buchen eine Kräuterwandern-Auszeit, weil wir uns mal wieder spüren wollen, eine Auszeit brauchen vom abgestumpften Digital-Alltag. Ständig werden wir dazu angehalten, aus allem eine Privatsache zu machen, weil wir doch unseres eigenen Glückes Schmied sind und das Kollektiv sowieso nicht mehr existiert. Wenn du ein Opfer der Digitalisierung bist, nur noch am Handy hängst, in einem Unternehmen arbeitest, dass dich dazu drängt, bis abends um halb zwölf deine Mails zu beantworten und wenn du denkst, dein Po sei zu groß, weil du zu vielen dünnen und trainierten Mädchen auf Instagram folgst, dann bist du eben einfach selber schuld.

Uns wird ständig suggeriert unseres eignen Glückes Schmied zu sein.

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Geh’ meditieren, hol mehr aus dir raus, dann klappt das schon, mit der Abgrenzung.
Dabei sind wir nicht allein: Wir sind Milliarden, die sich vom Internet, von dieser Welt der unendlichen Möglichkeiten, von diesem Paradies der totalen Verführung aufsaugen lassen. 
Es ist an der Zeit, uns unser Leben wieder zurückzuholen. Ja, digital ist genial. Wissen wir alle. Wollen wir alle. Ist auch in Ordnung. Doch es ist Zeit, aus diesem Daddel-Spiel, das Stunden und Tage und Jahre unserer Lebenszeit stielt, uns kreativ, menschlich und geistig verkümmern lässt, wieder auszusteigen. Weniger Bildschirm, mehr Leben.

Zur Debatte schrieb bereits Psychiater Manfred Spitzer, der meint Computer an Schulen würden vor allem den schwächeren Schülern schaden. Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg ist dagegen der Ansicht, dass Digitale Bildung früh beginnen müsse und Schüler*innen bei ihrer Einschulung einen Laptop erhalten sollten.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier.

Weitere Materialien zum Thema können Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung finden.

 

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