Gesellschaft 4.0 gestalten Digitale Bildung muss in der Grundschule beginnen

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Bundestagsabgeordnete

Expertise:

Anke Domscheit-Berg ist Publizistin, Netzaktivistin und parteilose Bundestagsabgeordnete für Brandenburg in der Linksfraktion.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Computer braucht der Mensch? Bundestagsabgeordnete und Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg ist der Meinung, dass die Beantwortung der Frage vom eigenen Wertegerüst abhängt. Sie fordert, Kinder müssten schon früh digitale Mündigkeit lernen.

Wir leben längst in einer digitalen Gesellschaft, Computer sind nicht nur Laptops, Tablets und Smartphones, sondern längst verbaut in Autos, Supermarktkassen, Geld- und Fahrkartenautomaten, in Armbanduhren, im Herd und in der Waschmaschine. Seit 2000 gibt es mehr Computer als Menschen auf der Welt. In 2022 wird das Internet der Dinge mehr als 50 Milliarden Computer umfassen, ein Vielfaches der Weltbevölkerung. Schon heute gibt es mancherorts Computer in Straßenlampen, Mülleimern und Stromzählern. Auch das Internet der Tiere wächst, es umfasst die winzigen, internetfähigen Sender – im Grunde auch eine Art Computer – mit denen man beispielsweise den Weg der Zugvögel verfolgen und untersuchen kann, warum und wo besonders viele Tiere verloren gehen.

Es gibt kein Optimum, keine richtige Anzahl an Computern: Es kommt auf die Umstände und den Zweck an.

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Die Frage, wie viel Computer der Mensch braucht, ist daher gar nicht direkt zu beantworten, denn zuerst wäre zu klären, welche Computer denn gemeint sind. Es macht ja einen Unterschied, ob wir von einem Handy, einer Wetterstation oder einer bewaffneten Drohne reden. Relevant ist aber auch die Frage, wer die Computer verwendet oder kontrolliert und last, but not least, die Frage, wozu Computer verwendet werden. Wer will weniger Rechner im Krankenhaus, also weniger Computertomographen oder Blutanalysegeräte? Wer will nicht mehr mit Karte zahlen können im Geschäft? Wer will, dass man im Bus die nächste Haltestelle und an der Haltestelle nicht mehr die Wartezeit bis zum nächsten Bus auf einem Display ablesen kann? Es gibt keine richtige oder falsche Anzahl von Computern. Es gibt kein Optimum und daher auch keine Zahl, ab der „der Mensch zu viele Computer hat“. Wie bei allem kommt es auf die Umstände und den Zweck an. Zu den Umständen gehört nicht nur, wer einen Computer wann und wo verwendet, sondern auch, aus welchen Ressourcen ein Computer hergestellt wurde, wie lange er genutzt werden kann und was nach seinem Lebenszyklus damit passiert. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wenn ein Smartphone schon ersetzt wird, nur weil der Akku nach zwei Jahren schlapp macht und nicht einfach wie eine gewöhnliche Taschenlampenbatterie ausgetauscht werden kann, wenn sich ein Auseinandernehmen und Recyceln von Hardware nur dann lohnt, wenn Altgeräte dafür nach Afrika verschifft werden, dann haben wir wohl schon jetzt zu viele Computer, denn das ist nicht nachhaltig. Aber klar ist auch, dass man das ändern könnte.

Man sollte den Handyakku so einfach wechseln können wie die Batterie einer Taschenlampe.

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Welche Computer man lieber mehr und welche man lieber weniger hat, hängt vor allem vom eigenen Wertegerüst ab. Ich kann verzichten auf Massenüberwachung durch sogenannte intelligente Kameras im öffentlichen Raum, denn wer überwacht wird, ist nicht frei. Ich will keine bewaffneten Drohnen, die per Joystick gesteuert vermeintliche Terroristen töten sollen, aber schon Tausende Zivilisten das Leben kosteten. Ich will generell keine Computer, deren Daseinszweck es ist, Menschen Schaden zu zufügen. Intelligente Stromzähler, die mir helfen, meinen Energieverbrauch zu senken, finde ich dann gut, wenn meine Daten nicht hinter meinem Rücken zu unerwünschten Zwecken vertickert werden.

Jedes Kind sollte zur Einschulung einen Laptop erhalten.

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In Schulen wünsche ich mir mehr Computer. Ich möchte, dass – wie in Uruguay seit 2005 üblich – jedes Kind zur Einschulung einen Laptop erhält, dass Grundschüler*innen lernen, wie man sinnvoll mit Technik umgeht, wie man in einer digitalisierten Gesellschaft seine Autonomie behält und in die Lage versetzt wird, sie mitgestalten zu können. Ich wünsche mir aber auch, dass Kinder weiterhin gern analoge Spiele spielen, ihre Eltern beim Essen nicht auf Handys starren und dass Urlaub auch darin besteht, auf einer Wiese zu liegen und in den Wolken Dinge zu entdecken.

Zur Debatte schrieb bereits Psychiater Manfred Spitzer, der eine andere Meinung vertritt: Computer an Schulen würden vor allem den schwächeren Schülern schaden.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier.

Weitere Materialien zum Thema können Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung finden.

1 Kommentar - Diskutieren Sie mit!

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  1. von Gabriele Flüchter
    Guten Morgen Tagesspiegel, besten Dank Frau Domscheit-Berg für Ihren Beitrag.
    Sie schreiben "In Schulen wünsche ich mir mehr Computer", nachdem sie zuvor über Allgemeines zum Thema Computer geschrieben haben, aber gar nichts aus der Welt der Grundschule - das erstaunt mich. Ich möchte deshalb aus meiner Grundschulzeit berichten, denn diese hat bis heute eine Sehnsucht offen gelassen, die Sehnsucht danach, Noten lesen zu können, Klavier spielen zu können - ich kann es nicht und heutzutage lerne ich schwerer, ich werde bald 54. Als ich 7 war, kam die "technische Musik" aus dem Fernsehen, die "Rheinische" von Robert Schumann, ist vielleicht das von mir am häufigsten gehörte Stück zwischen den Fernsehsendungen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks. Ich kann nicht sagen, dass mich das Stück seinerzeit besonders berührt hätte, das kam erst später dank des Dirigenten John Elliot Gardiner. "Hänschen Klein" "Zu Regensburg auf der Kirchturmspitz", die Lieder kannte ich von Zuhause. In der Grundschule präsentierte uns Frau von W. "Peter und der Wolf" - es kam von der Schallplatte oder schon vom Kassettenrekorder. Sie war begeistert und hüpfte trällernd, sie spielte Peter. Ich war erstaunt, die Musik blieb mir fremd, aber ich vergaß die Szene nie. In der Grundschule begannen private Musikschulen um Nachwuchs zu werben, meine Freundin durfte Geige lernen, wegen ihrer "langen Finger" wurde Geige empfohlen, ihre Eltern bezahlten die Musikschule und die Geige.
    Meine Eltern meinten, es brächte nichts, mir ein Instrument zu kaufen, es läge dann doch nach kurzer Zeit herum.
    So blieb ich Analphabetin im Notenlesen. Für die Grundschule bin ich keine Expertin, ich kann nicht sagen, was da "muss" und was da nicht muss - ich kann aber sagen,

    dass ich bedaure, dass mich die Grundschule nicht das Notenlesen gelehrt hat. Ob da Computer helfen können oder nicht - das ist eine Debatte wert, und ob es dann ohne Instrumente gehen kann? Was sagen die Grundschulexperten?