Analoge Erwartungen an digitale Angebote Alexa ist nur eine leistungsfähige Statistikmaschine

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Philosoph

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Christian Uhle ist Philosoph. Zu seinen Themen gehören der digitale Wandel, die Zukunft der Mobilität und die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Er ist Kurator und Gastgeber der Veranstaltungsreihe "Netzdialoge! Philosophie des Digitalen" in Berlin. Weitere Infos auf christian-uhle.de.

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Zehn Debatten in zehn Wochen. Diese Woche: Wie viel Computer braucht der Mensch? Die digitalen Angebote könnten die hohen Erwartungen der Menschen kaum erfüllen, sagt Christian Uhle. Er fordert, die Digitalisierung als Mittel zu betrachten: für eine sozial-ökologische Entwicklung.

Eine ganze Welle an Innovationen wird unter dem Label „Digitalisierung“ auf den Markt gespült, von Social Media über Blockchain bis zu selbstfahrenden Autos. Hinter der Vielfalt steht ein gemeinsames Versprechen: Technologie soll unser Leben erleichtern. „Technik ist die Anstrengung, uns Anstrengung zu ersparen“, brachte der Philosoph José Ortega Y Gasset diese Hoffnung auf den Punkt. Doch häufig führen vermeintliche Entlastungen zu Verwaltungsaufwand, Beschleunigung und Stress. Zum Beispiel bringen uns Autos schneller ans Ziel als die eigenen Füße. Statistisch sparen Menschen deshalb jedoch keine Zeit für andere Dinge, sondern legen längere Strecken zurück. Eine E-Mail oder Messenger-Nachricht ist schneller als jeder Brief. Gerade deshalb steigt die Menge an Nachrichten, was viele belastet.

Häufig führen vermeintliche Entlastungen durch digitale Angebote zu Verwaltungsaufwand, Beschleunigung und Stress.

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Wir müssen daher stärker in den Blick nehmen, wofür wir Entlastung, Effizienz und Zeitgewinne nutzen wollen. Zu oft werden neue Geräte und Services als Selbstzweck eingesetzt oder in der vagen Hoffnung, dass dadurch irgendwie alles besser würde. Wenn wir aber dank Robotern nicht selbst den Rasen mähen, sondern stattdessen noch mehr organisieren und konsumieren, wird das Leben hektischer und nicht einfacher. Ähnliches gilt auch auf gesellschaftlicher Ebene. Damit Technologie tatsächlich Verbesserungen bringt, muss sie ganz bewusst in den Dienst einer sozialen und ökologischen Entwicklung gestellt werden. Digitalisierung kann ein Mittel sein, nicht das Ziel.

Damit Technologie Verbesserung bringt, muss sie in den Dienst einer sozial-ökologischen Entwicklung gestellt werden.

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Entscheidend ist ein zielbewusster Umgang mit Digitalisierung. Die Industrialisierung war eine gewaltige Revolution physischer, materieller Kräfte: Muskelkraft wurde durch Wärmeenergie ersetzt. Nun, mit der Digitalisierung, wird die immaterielle Welt auf den Kopf gestellt: der Geist, die Software.

Die Konsequenzen sind fundamental. Ein selbstfahrendes Auto ist kein Werkzeug, das ich benutze und das meinen Körper ergänzt, sondern es erscheint mir als ein dienendes Gegenüber – ich fahre es nicht, es fährt mich. Wie in Goethes Zauberlehrling werden Dinge scheinbar zum Leben erweckt. Sie beginnen, eigenständig auf mich zu reagieren. So werden Sehnsüchte aus sozialen, kulturellen und religiösen Bereichen auf digitale Technologien übertragen: Es sind tief in uns Menschen verwurzelte Bedürfnisse nach Verbundenheit, nach Anerkennung und Antwort, nach einer Welt, die uns sieht und hört – der wir nicht egal sind.

Sehnsüchte aus sozialen, kulturellen und religiösen Bereichen werden auf digitale Technologien übertragen.

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Im Falle von Roboter-„Freunden“ wird dies besonders deutlich. Ähnliche Versprechen begleiten aber auch Zukunftsgeschichten anderer Bereiche: Das Smart Home waltet im Hintergrund meines Alltags, denkt für mich mit, erinnert mich an Termine und kauft neues Waschpulver. Es kümmert sich um mich. Doch künstliche „Intelligenzen“ haben keinen Verstand, sie können uns nicht verstehen oder wertschätzen. Alexa ist nur eine leistungsfähige Statistikmaschine. So mitfühlend und authentisch „sie“ sich in zehn Jahren auch anhören mag, unsere Wörter wird sie nur rechnerisch verarbeiten, nicht aber deren Gehalt begreifen. Wir bleiben „ihr“ egal.

Künstliche „Intelligenzen“ haben keinen Verstand, sie können uns nicht verstehen oder wertschätzen.

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Menschen können hingegen Bedeutungen erfassen und für sie können wir bedeutend sein. Mit ihnen können wir in echten Dialog und Austausch treten. Das mag manchmal anstrengend sein, ist aber nicht bloß ein Spiel mit unseren Sehnsüchten, sondern real.

Vernetzung und künstliche „Intelligenzen“ können dabei unterstützen: Durch digitale Kommunikationswege können Menschen näher rücken. Es ließe sich Zeit und Energie für mehr Zwischenmenschlichkeit schaffen. Damit solche Potenziale auch tatsächlich realisiert werden, muss Digitalisierung deutlicher an diesen Zielen ausgerichtet werden. Und wir müssen ausgerechnet analoge Fähigkeiten stärken. Denn bei allen Apps bleibt der persönliche Austausch, der Dialog, der weit mehr ist als ein bloßer Informationsaustausch, die Grundlage für ein erfülltes Dasein und ein gelingendes Zusammenleben in der Gesellschaft.

Zur Debatte schrieb bereits Psychiater Manfred Spitzer, der meint Computer an Schulen würden vor allem den schwächeren Schülern schaden. Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg forderte stattdessen, digitale Bildung sollte schon in der Grundschule beginnen. Anna Miller schrieb, wir seien alle abhängig von unseren Smartphones und müssten uns dringend zurück in die analoge Welt begeben. Oliver Nadig, blinder IT-Trainer, forderte digitale Barrierefreiheit für alle.

In der ersten Woche unserer Debattenserie ging es um "Verkehr - Kann das Auto weg?". Alle Beiträge zu dieser Debatte finden Sie hier. Danach stellten wir die Frage: Darf man noch Fleisch essen? Hier sind die Beiträge zum Nachlesen. In der dritten Woche schrieben verschiedene Gastautor*innen Kommentare zu der Frage: "Wie weiter zwischen den Geschlechtern?" Die Beiträge lesen Sie hier.

Weitere Materialien zum Thema "Digitalisierung" können Sie auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung finden.

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